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Olympia-Referendum in Hamburg: Der Ringkampf

Von und (Grafik)

Olympiaaktion im Hamburger Stadtpark: Tiefe Gräben Zur Großansicht
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Olympiaaktion im Hamburger Stadtpark: Tiefe Gräben

Soll sich Hamburg um die Olympischen Spiele 2024 bewerben? Diese Frage spaltet die Menschen in der Hansestadt seit Monaten in Olympia-Freunde, Gegner und Zweifler. Ende November wird darüber abgestimmt. Der Ausgang der Wahl? Völlig offen.

Aus den Musikboxen dröhnt "Nordisch by Nature" von Fettes Brot, ein älterer Herr tanzt mit seinem kleinen Enkelsohn zum Beat. Neben ihnen lassen zwei Mädchen die Hamburg-Flagge im Wind wehen, beide liegen sich in den Armen. Die Sicht auf die Hamburger Binnenalster ist noch trüb, es regnet: Hamburger Schietwetter. Und trotzdem sind an diesem Tag im Februar 20.000 Menschen zum "Olympischen Alsterfeuer" gekommen. Sie wollen Fackeln für Olympische und Paralympische Spiele in der Hansestadt entzünden, es soll ein Zeichen werden, bildgewaltig und emotional.

"Unsere Stadt und unser Nachwuchs werden von den Spielen profitieren, deswegen sind wir hier", sagt eine Frau. Sie trägt ihre kleine Tochter auf dem Arm, die eine brennende Fackel in ihren kleinen Händen hält. Sie strahlt. Die Menschen schunkeln zu Lotto King Karls "Hamburg meine Perle", manche von ihnen summen mit glasigen Augen mit, sie sind stolz auf ihre Stadt, am Ende gibt es noch ein großes Abschlussfeuerwerk.

Die Aktion im Februar ging durch die Medien, der NDR, auch das überregionale ZDF berichteten. Dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gefiel die Aktion, Hamburg bekam den Vorzug gegenüber Berlin und wurde nationaler Bewerber. Auch das Alsterfeuer habe gezeigt, dass Hamburg die Spiele wirklich will, hieß es.

Aber will Hamburg wirklich?

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Mehr als ein halbes Jahr später müssen die Bürger der Hansestadt erneut ihre Zustimmung für die Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 demonstrieren, diesmal nicht mit Fackeln in der Hand, sondern an der Wahlurne: Am 29. November wird ein Referendum abgehalten, schon jetzt läuft die Briefwahl.

Sollte keine einfache Mehrheit zustande kommen, will sich die Hansestadt aus dem Rennen mit den Konkurrenten Los Angeles, Paris, Rom und Budapest zurückziehen. Das hat der Erste Bürgermeister der Stadt, Olaf Scholz (SPD), angekündigt. Zwei Hürden müssen dabei genommen werden:

  • Mehr als 50 Prozent der teilnehmenden Wähler müssen mit Ja stimmen.

  • Außerdem ist das Referendum erst dann erfolgreich, wenn mindestens 20 Prozent aller 1,3 Millionen wahlberechtigten Hamburger mit Ja gestimmt haben. Konkret bedeutet das: Sollten 260.000 Menschen mit Ja stimmen - und 250.000 mit Nein - ist das Referendum angenommen.

Die Fackelaktion an der Alster vor neun Monaten markierte den Beginn eines Duells. Seither sind Olympia-Unterstützer und -Gegner in Hamburg auf einer Mission, es geht um alles oder nichts. Die Bewerbergesellschaft fährt im Tandem mit Scholz seither eine emotionale Kampagne, unterstützt von großen Teilen der Hamburger Wirtschaft. Die Litfaßsäulen der Stadt sind gepflastert mit Bildern und Slogans der Feuer-und-Flamme-Kampagne, "Das gibt's nur einmal", ist die Kernbotschaft.

Doch die Zustimmung in der Bevölkerung bröckelt, der Widerstand wächst: Waren laut einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts im September noch 63 Prozent der Hamburger für die Bewerbung, sind es zehn Tage vor der Wahl nur noch 56 Prozent. Bemerkenswert: Die aktuelle Umfrage wurde vor den Anschlägen von Paris durchgeführt.

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Der Stübenplatz in Wilhelmsburg, ein Samstag im Mai: Zwei junge Frauen mit gelber Warnweste und der Aufschrift "Nein zu Olympia" auf dem Rücken verkaufen Anstecker, die Olympischen Ringe sind darauf durchgestrichen. Es ist die erste offizielle und öffentliche Kundgebung gegen den "Olympia-Wahnsinn" in der Hansestadt. Ein Seniorenehepaar hält ein Schild hoch, "Demokratie statt Olympia" steht darauf. Auf dem Marktplatz im multikulturellen Stadtteil im Süden Hamburgs haben sich etwa 300 Olympiagegner zusammengefunden.

Ihre Argumente gegen Olympia: die Kostenfrage, unnötiger Ressourcenverbrauch und ein möglicher Knebelvertrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für die Ausrichterstadt. "Ausverkauf der Stadt - wir haben es satt", wird gesungen, erst zögerlich, dann immer lauter. Der Protestzug zieht nach einer Kundgebung auf dem Marktplatz durch die Straßen von Wilhelmsburg, angeführt von einem großen Banner. "NOlympia - weil Hamburg nur verlieren kann" steht dort. Es ist das Gegenstück zum Slogan der Kampagne "Weil Hamburg nur gewinnen kann".

Mit den imposanten Bildern vom Alsterfeuer im Februar kann die Demo in Wilhelmsburg nicht mithalten, das wissen auch die Initiatoren. Ihnen fehlt es an Kapital, namhaften Unterstützern - trotzdem werten sie ihre Aktion als Erfolg: "Es ist gut, dass sich die Menschen wehren. Wir haben unser Zeichen gesetzt", sagt ein junger Mann mit gelber Warnweste: "Wir machen weiter."

Florian Kasiske, NOlympia Hamburg

Florian Kasiske

Florian Kasiske ist einer der Hauptakteure des NOlympia-Bündnisses. Der Soziologe, der sich gleichzeitig in der Initiative "Recht auf Stadt" einsetzt, sagt: "Olympische Spiele sind ein Motor für die Gentrifizierung der Stadt, Sport ist nur die Nebensache." Er organisiert Demonstrationen, Vorträge von Wissenschaftlern und bekannten Olympiagegnern aus London oder Berlin. Sein Antrieb: Eine selbstorganisierte Metropole, eine Stadt von und für die Menschen.

Ein großer Gegner der Olympiabewerbung ist Florian Kasiske. Der 34 Jahre alte Soziologe, Vollbart und Brille, sitzt zwei Monate vor dem Referendum im "Feldstern" zwischen Karoviertel und Schanze, einer eher alternativen Nachbarschaft. Nur wenige Hundert Meter entfernt steht das Millerntorstadion, die Heimspielstätte des FC St. Pauli. Kasiske erzählt von der Initiative. Auf einem weißen Blatt Papier zeichnet er die Strukturen ein, NOlympia ist das übergeordnete Konstrukt, darunter gibt es mehrere Arbeitskreise, etwa die Hafen-AG, die Aktions-AG, die Presse-AG. Auch andere Initiativen, wie "Nein zu Olympia" oder "Stop Olympia" arbeiten mit. Vom Rentner bis zum Studenten, vom Hafenarbeiter bis zum Professor - NOlympia vereint viele unterschiedliche Menschen, ihr Ziel ist aber dasselbe: Olympia verhindern.

Wenn Kasiske über Kritikpunkte an der Olympiabewerbung sprechen soll, dann kann es passieren, dass man minutenlang nicht zu Wort kommt, so viel hat er zu sagen: Die Mieten werden steigen, die Kosten seien unvorhersehbar und würden noch weiter explodieren, dafür gebe es in Hamburg das Beispiel der Elbphilharmonie, das mit 77 Millionen Euro angesetzt war und die Stadt nun 789 Millionen kosten soll - und immer noch nicht fertig sei. Der neue Wohnraum, der nach den Spielen auf dem Olympiagelände Kleiner Grasbrook entstehen soll, werde in erster Linie den Besserverdienenden zukommen. "Die wollen einen ganz neuen Stadtteil schaffen", sagt Kasiske: "Das ist Gigantomanie".

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Am selben Tag, als Kasiske über die Risiken der Olympischen Spiele spricht, redet Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz von den Chancen. In einem Café der Hamburger Barclaycard Arena stehen knapp 300 Stühle, viele Menschen sind allerdings nicht gekommen, höchstens 50. Senioren scheinen in der Überzahl. Eine Frau mit weißen Haaren rutscht nervös auf ihrem Stuhl hin und her, sie trägt zwei Feuer-und-Flamme-Ohrringe. Schon damals, für Olympia 2012, hätte Hamburg der offizielle Bewerber werden sollen, sagt sie. Aber da hatte ja Leipzig im nationalen Ausscheidungswettbewerb gewonnen. "Leipzig", schnaubt sie verächtlich. Als Scholz die Bühne betritt, klatscht sie besonders stark.

Es ist ein Heimspiel für den Ersten Bürgermeister: Viele Fragen beginnen mit Sätzen wie "Erst einmal vielen Dank für Ihr Engagement", einer sagt einfach nur: "Können die Miesmacher es nicht mal lassen, Hamburg so kleinzureden." Die Hansestadt werde als Bewerber für Olympische Spiele endlich auf der Weltkarte auftauchen, schwärmt Scholz, der seit Wochen durch Hamburg tingelt. Vor allem für die Stadtentwicklung sei eine Bewerbung von Vorteil, das ist sein Hauptargument, ein neuer Stadtteil, der die Menschen ans Wasser bringt, das ist seine Vision: "Olympia die schönste Liebeserklärung an Hamburg."

Olaf Scholz, Erster Bürgermeister

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Der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg, Olaf Scholz, genießt in der Hansestadt großes Vertrauen. Das versucht er auch in der Olympia-Frage einzusetzen. Der 57-Jährige verspricht den Bürgern in Bezug auf die Olympia-Bewerbung, dass die Stadt für das Großereignis keine Schulden machen werde. 1,2 Milliarden Euro soll der Spaß kosten, mehr nicht. Das kann man ihm glauben oder nicht. Lange stand Scholz der Olympia-Idee skeptisch gegenüber, inzwischen ist er einer der eifrigsten Verfechter. Gerne bemüht er die Vorteile für die Stadtentwicklung, stolz ist er auch auf den vorgelegten Finanzplan: Es sei "die am besten durchgerechnete Bewerbung, nicht nur in Deutschland, ever".

Carola Ensslen, Stop Olympia

Ulrike Schmidt

Sport macht "Stop Olympia"-Aktivistin Carola Ensslen schon gerne, so ist es nicht. Aber der Olympia-Zirkus mit seinen Knebelverträgen und Milliardenkosten ist nichts für die 54 Jahre alte Rechtsanwältin. Sie ist Mitglied der Partei "Die Linke" und engagiert sich für Hartz-IV-Empfänger. Sie lehnt Olympia klar ab, der "Gigantismus" ist ihr zuwider. Die hohen Kosten werden ihrer Meinung nach dazu führen, dass andere Projekte auf der Strecke bleiben. Mit ihrer Bewegung kämpft sie um eine Volksabstimmung zu dem Thema, das vom Senat initiierte Referendum ist ihr zu undemokratisch, da die Politik hier viele Vorgaben machen kann, etwa Zeitpunkt oder Fragestellung.

Doch muss Hamburg dafür nicht neue Schulden machen? "Nein, dafür werde ich als Bürgermeister sorgen", sagt Scholz energisch. Auch die Elbphilharmonie-Analogie kontert er: "Weil da alles falsch gemacht worden ist, wissen wir, wie es richtig geht." Was ist mit dem Vorwurf, dass von den neuen Wohnungen nur die Reichen profitieren werden? Scholz hat auch für diese Frage eine Antwort parat: "Falsch, dort wird der Drittelmix gelten: Ein Drittel Eigentumswohnungen, ein Drittel frei finanziert, ein Drittel Sozialwohnungen."

"Jaja, der Drittelmix", seufzt "Stop Olympia"-Aktivistin Carola Ensslen. Die 54 Jahre alte Rechtsanwältin sitzt in ihrem Wohnzimmer in der Nähe des Grindelhofs, das gleichzeitig die Zentrale der Bürgerinitiative ist. Um sie herum liegen stapelweise Briefe, Klemmbretter mit Unterschriftenlisten. Ensslen, eine zierliche, kleine Frau, ist in der Linkspartei, sie macht Sozialberatung für Hartz-IV-Empfänger. Und sie kämpft gegen die Olympia-Bewerbung.

Pro-Argumente der Befürworter

Boom für Hamburg

Bis zur Entscheidung in Lima 2017 könnten Hamburger Unternehmen mit dem Status "Candidate City" hausieren gehen. Sollte Hamburg den Zuschlag bekommen, würde das Ereignis viele Touristen in die Stadt locken, die Geld für Hotels und Gastronomie mitbringen und für höhere Steuereinnahmen sorgen. "Es wäre ein großartiges Konjunkturprogramm", sagt Reinhard Wolf, Olympiabeauftragter der Handelskammer.

Bekanntheit der Stadt erhöhen

Auf einer Veranstaltung stellte Bürgermeister Olaf Scholz fest, dass San Francisco, eine kleinere Stadt als Hamburg, viel bekannter ist. Das müsse man ändern – mit Olympia: Zwei bis drei Milliarden Menschen würden das Sportgroßereignis auf der ganzen Welt verfolgen, Tausende Journalisten aus der Hansestadt berichten. Im Bieterprozess würde man mit den Metropolen Paris, Rom und Los Angeles in einem Atemzug genannt werden.

Emo-Faktor

"Das gibt’s nur einmal", "Wir sind Feuer und Flamme" – diese Sprüche bestimmen die Hamburger Olympia-Kampagne. Für Sportfans können Olympische Spiele ein unvergessliches Erlebnis sein, viele Londoner schwärmen noch heute noch den Spielen 2012. Auch viele Hamburger wünschen sich ein ähnliches Fest in ihrer Stadt - wie bei der Fußball-WM 2006.

Stadtentwicklung

Olympia soll in Hamburg ein Katalysator für die Stadtentwicklung werden. Auf dem Kleinen Grasbrook, der derzeit vornehmlich von der Hafenindustrie genutzt wird, soll ein völlig neuer Stadtteil entstehen: modern, behindertengerecht, integrativ. Auch das öffentliche Nahverkehrssystem soll ausgebaut werden. Ohne die Bewerbung, das hat Scholz klar gemacht, wird aus diesem Vorhaben nichts.

Olympia-Frust lösen

München hat abgelehnt, auch Oslo und Boston wollten nicht: Westliche Demokratien weigern sich zunehmend, sportliche Großereignisse wie Olympia zu den strengen IOC-Konditionen auszurichten. Olympiabefürworter argumentieren, dass Hamburg mit seinem Konzept gut in die neue IOC-Agenda 2020 passt, die das Weltereignis weg vom Gigantismus führen soll.

Kritikpunkte der Gegner

Chancenlosigkeit

Viele Kritiker glauben nicht daran, dass Hamburg eine echte Chance auf die Spiele hat, da auch die Fußball-EM 2024 in Deutschland stattfinden soll. Und zwei Mega-Sportereignisse in einem Land in einem Jahr – das gilt als ausgeschlossen. Das IOC wird seine Premiumveranstaltung kaum im Schatten der EM stattfinden lassen. Auch die starke Konkurrenz mit Los Angeles und Paris mindert die Hamburger Chancen.

Knebelverträge

Angesichts der Affären im Fußball vertrauen viele Menschen auch dem Internationalen Olympischen Komitee nicht, obwohl die Olympiabefürworter nicht müde werden zu betonen, dass Fifa und IOC nicht dasselbe sind. Dennoch: Von Olympia profitiert finanziell in der Regel nur das IOC, die Ausrichterstadt zahlt meist drauf.

Kosten

11,2 Milliarden Euro sieht der Finanzplan von Scholz an Kosten für die Olympischen Spiele vor, 1,2 Milliarden davon müssten die Hamburger stemmen. Doch schon oft wurden Olympia-Budgets gesprengt, teilweise um mehr als das doppelte des ursprünglich angesetzten Preises. Im Finanzplan, so Kritiker, seien zudem einige Posten zu gering beziffert. Der Olympia-Bewerbungsprozess bis 2017 wird Hamburg etwa 50 Millionen Euro kosten, da das IOC keine Kandidaten vorzeitig aussortiert.

Mietpreisexplosion

Der neue Stadtteil auf dem Kleinen Grasbrook soll auch ein Drittel Sozialwohnungen enthalten. Doch es gibt Kritik: Die angrenzenden Stadtteile, etwa Wilhelmsburg und Veddel, wo es derzeit noch moderate Mieten gibt, würden durch die Spiele der Gentrifizierung ausgesetzt, die Mieten würden steigen, das gelte auch für andere Viertel. In anderen Olympiastädten war das durchaus der Fall, etwa in Barcelona.

Andere Probleme

Die Flüchtlingskrise stellt die Hansestadt derzeit vor große Herausforderungen, mehr als 10.000 Menschen kamen allein im September. Wie soll Hamburg da noch die Ausrichtung eines sportlichen Mega-Ereignisses stemmen, fragen Kritiker. Zumal auch noch Milliardenzahlungen auf Hamburg zukommen werden, um die marode Landesbank HSH Nordbank zu retten. Zudem gibt es Ängste, dass andere Bauprojekte verschoben oder abgesagt werden könnten.

"Der Drittelmix reicht vorne und hinten nicht. Viele Wohnungen fallen in den kommenden Jahren aus der Sozialbindung. Das Argument kann man nicht gelten lassen, das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Ensslen, die zudem wie so viele andere davor warnt, dass die Mieten in Hamburg steigen werden. "Außerdem wird das Geld, das für Olympia ausgegeben wird, bei anderen Projekten fehlen."

Die "Stop Olympia"-Bürgerinitiative will im Grunde dasselbe, was Ende November stattfinden wird: Ein Referendum über den Willen der Bürger. Doch die jetzige Abstimmung findet Ensslen undemokratisch: Der Senat könne viel steuern, den Zeitpunkt der Abstimmung etwa, aber auch die Abstimmungsfrage ("Ich bin dafür, dass sich der Deutsche Olympische Sportbund mit der Freien und Hansestadt Hamburg um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele im Jahr 2024 bewirbt"), die sie für suggestiv hält. Im Begleitheftchen mit der Wahlbenachrichtigung wäre fast kein Text der Olympiakritiker aufgetaucht, nur durch einen Bürgerschaftsbeschluss konnte "Stop Olympia" seine Thesen einbringen.

Straßenumfrage in Hamburg

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Bis zum 29. November müssen sie 10.000 Nein-Stimmen zusammenbekommen, dafür sammeln sie auf Straßenfesten, bei Sportveranstaltungen. Vertreter sitzen auch bei den Informationsabenden in den Schulen - wahlberechtigt sind in Hamburg ja auch schon 16-Jährige. Die Initiative sorgte für Wirbel, als sie eine Version des Berichts des Hamburger Rechnungshofes öffentlich machte. Dieser hatte das Referendum im November als zu früh angesetzt kritisiert, zu einem solchen Zeitpunkt könnten noch gar keine verlässlichen Zahlen auf dem Tisch liegen. Ein schwerer Vorwurf, gerade für Scholz, der die Hamburger Olympiakampagne als eine der transparentesten der Geschichte darzustellen versucht.

Gunter Bonz, Hafen Hamburg

Gunther Bonz

Lange war es nicht sicher, ob der wirtschaftlich starke Unternehmensverband Hafen Hamburg die Olympiabewerbung unterstützen würde, nun scheint es eine neue Tendenz zu geben. "Wir befinden uns in intensiven Gesprächen und Verhandlungen mit den zuständigen Behörden über die möglichen Grundlagen für eine Verlagerung von Betrieben. Diese sind nach unserem Eindruck auf beiden Seiten von dem Willen geprägt, zu einvernehmlichen Lösungen zu kommen", sagt Unternehmensverband-Präsident Gunther Bonz. Zuvor hatte es noch Kritik an Hamburgs Plänen gegeben. Sogar die Existenz von Hafenunternehmen wurde als durch Olympia bedroht angesehen.

In einem Saal des Hamburger Rathauses sitzt Scholz an einem Tisch vor der versammelten Presse, hinter ihm zwei weiße Büsten, Marmorsäulen, alles sehr staatsmännisch. Der Gegenwind für die Olympiabewerbung ist rauer geworden, wenige Wochen vor dem Referendum. In der Flüchtlingskrise macht die Stadt noch keine souveräne Figur, viele Bürger fragen sich, wie die Stadt neben dieser Herausforderung auch noch ein sportliches Großereignis wie Olympische Sommerspiele stemmen will. Zumal auch noch Milliardenzahlungen aus dem HSH-Nordbank-Debakel anstehen, an der die Stadt beteiligt ist. Die Krise bei der Fifa und dem DFB macht der Bewerbung ebenfalls zu schaffen, viele Menschen halten auch das IOC für eine korrupte Vereinigung, die mit Knebelverträgen die Bewerberstädte aussaugt. Zudem kommt noch die Sorge, dass Hamburg eh keine Chance auf die Spiele 2024 habe, da in diesem Jahr vielleicht die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland stattfinden wird. Und beide Sportgroßereignisse in einem Land? Das gilt als ausgeschlossen.

Transparenz ist also gefragt und Scholz will zumindest an der Kostenfront für Klarheit sorgen, dafür präsentiert er nun den mehr als hundert Seiten umfassenden "Finanzreport". Stolz berichtet er, wie detailliert die Experten vorgegangen seien, auch Preissteigerungen und Inflation seien mit berechnet worden, es sei "die am besten durchgerechnete Bewerbung, nicht nur in Deutschland, ever". Am Ende stehen Gesamtkosten in Höhe von 11,2 Milliarden Euro. Die geschätzten Erlöse in Höhe von 3,8 Milliarden Euro abgezogen, kämen auf den deutschen Steuerzahler 7,4 Milliarden Euro zu. Davon, so Scholz' Rechnung, soll der Bund 6,2 Milliarden übernehmen, Hamburg käme also mit einer Kostenbeteiligung von 1,2 Milliarden Euro davon.

Nikolaus Hill, Olympiabewerbergesellschaft

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Der Geschäftsführer der Hamburger Olympiabewerbergesellschaft, Nikolas Hill, stand in der ersten Reihe, als die Bewerbung für die Spiele im September symbolträchtig in einen Briefkasten auf dem Hafengebäude Dockland gesteckt wurde. Der 43-jährige Hamburger begann seine steile Karriere bei einer Versicherung und wurde vom damaligen Ersten Bürgermeister Ole von Beust 2009 zum Staatsrat der Kulturbehörde gemacht. Der promovierte Jurist war an den Elbphilharmonie-Verhandlungen mit dem Baukonzern Hochtief beteiligt. Hill schwärmt vom neuen Olympia-Stadtteil auf dem Kleinen Grasbrook, er hebt vor allem hervor, dass "von dem vollständig inklusiven Stadtteil Menschen mit Behinderungen, Seniorinnen und Senioren sowie Familien mit Kindern profitieren werden"

Es dauert nur ein paar Stunden, da gibt es erste Kratzer an Scholz' Plan. Das Innenministerium des Bundes, offenbar überrumpelt von der 6,2-Milliarden-Forderung, ist nicht ganz einverstanden. Man habe noch keine Einigung erreicht, heißt es aus dem Ministerium. Es hört sich nicht so an, als ob die Hansestadt mit 1,2 Milliarden Euro davonkommt. Ist damit die Hamburger Bewerbung in Gefahr?

Keine 48 Stunden nach der Präsentation des Finanzreports steht Scholz auf der Bühne des Cruise-Centers, einem Abfahrtterminal für Kreuzfahrtschiffe, das heute zum Festsaal einer großen Olympiaparty werden soll. Neun Kamerateams, Dutzende Journalisten, viele Hundert Gäste lauschen dem Programm. Draußen fahren die großen Containerschiffe auf der rauen Elbe Richtung Übersee, drinnen greift Scholz das unliebsame Finanzthema auf: "Ich hoffe, dass wir uns mit dem Bund über das kleine Geld einig werden", sagt er und erntet Gelächter und großen Applaus vom Publikum. Bis Februar wolle man das klären. Die Verhandlungen laufen noch immer.

Das Thema ist also schnell umschifft, das Publikum scheint zufriedengestellt, nun kann die Party beginnen: Alfons Hörmann, der Präsident des DOSB, lobt Hamburgs Konzept und beschwört den Sport als verbindende Kraft: "Sport kann eine Nation wie nur wenig anderes einen und bewegen", sagt er, bevor Innensenator Michael Neumann beifügt, dass der Sport ihn früher von der Straße und Blödsinn abgehalten habe. Und Oberbaudirektor Jörn Walter lockt in seiner emotionalen, schwungvollen Rede: "Wir können einen ganz besonderen Stadtteil kreieren, den wir ohne Olympia niemals bekommen würden."

gmp/ Bloomimages/ DPA

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Für das Wasser im Olympia-Wein ist an diesem Abend Joachim Lau von "Stop Olympia" zuständig. Dem Lehrer werden in der knapp zweistündigen Veranstaltung zehn Minuten eingeräumt, in denen er mit der Moderatorin über seine Bedenken sprechen soll. Es wird eine unwürdige Veranstaltung, Lau wird von der Moderatorin ständig unterbrochen, verliert den Faden. Die Halle ist mucksmäuschenstill.

Nach der Bühnenshow steht Oberbaudirektor Walter mit einem Glas Orangensaft in der Hand vor einem Modell des geplanten Olympiageländes, Scholz kommt hinzu, später auch noch DOSB-Chef Hörmann. Walter fährt seine langen Arme aus und zeigt auf einzelne Modellteile, erklärt, beantwortet Fragen. Die drei Olympiafreunde posieren für die Fotografen, sie sind zufrieden, es ist gut gelaufen, sie lachen viel.

Frederik Braun, Veranstalter von Olympia-Aktionen

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Miniaturstadion, Sonderbriefmarken oder das Olympische Alsterfeuer: Frederik Braun hat zahlreiche Aktionen zusammen mit seinem Bruder Gerrit und Geschäftspartner Stephan Hertz für die Olympia-Zustimmung in der Hansestadt veranstaltet. Braun sagt: "Hamburg will die Spiele." In Interviews erinnert er gerne an das Sommermärchen um die Fußballweltmeisterschaft 2006: "Das hat das ganze Land verändert. Jetzt gibt es wieder so eine Chance", sagt Braun. "Es soll menschlich und nachhaltig sein." Der Gründer vom Hamburger Miniatur Wunderland engagiert sich für wohltätige Zwecke und wurde 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Wenige Meter entfernt lehnt Lau an einem Stehtisch, er ist geknickt, das hat er sich alles anders vorgestellt: "Es war eine schwierige Situation. Ich stehe ja nicht jeden Tag auf der Bühne", sagt er. Die Moderatorin wird sich zwar später entschuldigen, doch das bringt ja nichts, Laus Auftritt ist schiefgelaufen: "Es ist ärgerlich, wenn einem ständig dazwischengefunkt wird. Das hat mich aus dem Konzept gebracht, ich habe nicht alles sagen können, was ich sagen wollte."

Es wird nicht das letzte Aufeinandertreffen zwischen Olympiagegnern und -befürwortern sein, bei dem ein wirklicher Dialog nicht zustande kommt. Zu festgefahren sind die Fronten, ein Riss geht durch die Stadt, er zeigt sich in Büros, in Gesprächen mit Bekannten, mit Freunden. Sogar bei den größten Hamburger Fußballklubs: Während der Hamburger SV bei Olympia-Werbemaßnahmen mitmacht, sprechen sich die St.-Pauli-Mitglieder dagegen aus.

Der vorläufig letzte Höhepunkt der Auseinandersetzung, drei Wochen vor der Wahl: Im Hamburger Stadtpark haben sich mehr als 10.000 Olympia-Freunde zusammengefunden, um unter der Anleitung von Frederik Braun, dem Gründer des Miniatur-Wunderlands in der Hafencity, der auch schon das Alsterfeuer Anfang des Jahres mitorganisiert hatte, menschliche Olympische Ringe zu formen. Auf der Stadtparkwiese stehen die Menschen mit roten, grünen, blauen, gelben und schwarzen Regencapes bekleidet. Sie wuseln über den Rasen, formieren sich zu dem olympischen Zeichen, Jubel brandet auf, als alles reibungslos klappt. "Ihr seid der Wahnsinn", ruft Hobbymoderator Braun über das Mikrofon. Ein Hubschrauber, zwei Drohnen und ein Satellit machen Fotos und Filmaufnahmen, alles scheint glatt zu laufen.

Auf einmal: Aufregung. Die Bildschirme zeigen eine junge Frau mit einem Regenschirm, darauf in weißen Buchstaben ein "NO", andere Protestteilnehmer halten ein Transparent mit der Aufschrift "Olympia sabotieren" in die Höhe, mit Tapetenrollen pinnen sie ein weißes "NO" auf den Rasen. Die Olympiafans auf dem Rasen buhen und pfeifen.

Braun geht auf die Protestteilnehmer zu: "Wer traut sich, mit mir zu reden", fragt er. Lange Zeit findet sich keiner, stattdessen sind nur laute Trillerpfeifen zu hören. Schließlich spricht doch noch ein Mann, Mike heißt er, er formuliert seine Ängste, unter anderem über steigende Mieten. Braun zeigt Verständnis, aber als er merkt, dass die Protestteilnehmer keine Anstalten machen, ihr "NO" wieder abzubauen, wird er kreativ: Er ruft Freiwillige in weißen Regencapes zu sich und lässt sie ein "W" formen, nun steht dort: NOW.

Und so geht alles weiter seinen Gang. Braun lässt die menschlichen Ringe drehen, wabern, die Bilder werden beeindruckend und später bei Facebook tausendfach geteilt. Die Olympiagegner verteilen ihre Flugblätter, wandern mit ihren Transparenten in den schwarzen Kreis, sie werden angefeindet, es gibt kurze Wortgefechte, ein paar Frauen versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Natürlich vergeblich, auf einen gemeinsamen Nenner können sich die Parteien nicht einigen. Die Gräben sind zu tief.

Und die Frage bleibt: Wie wird sich Hamburg entscheiden?

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Wie ist Ihre Meinung zum Hamburger Referendum?

Mitarbeit: Jan Göbel und Frederic Zauels

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1. -
fördeanwohner 19.11.2015
Auch in Kiel, wo ja die Segelwettbewerbe stattfinden sollen, werden wir abstimmen. Ich hoffe inständig, dass die Leute ihren Popo hochkriegen und für die Olympischen Spiele hier im Norden stimmen. Natürlich gibt es Argumente dagegen, aber "Demokratie statt Olympia" ist ein ziemlich dämliches, wenn man vorher darüber abstimmen kann, ob in der Heimatstadt überhaupt Spiele ausgetragen werden sollen. Und auch sonst ... Warum soll niemand mehr seinen Spaß haben dürfen? Warum muss immer alles nach Definition bestimmter Kreise total nachhaltig sein? Müssen wir alle jetzt nur noch mit Leichenbittermiene durch die Welt gehen? Ich finde nein. Für Olympia 2024 in Hamburg und Kiel!
2. Pro Olympia
marion_behrmann 19.11.2015
Die Jahrhundert-Chance für Hamburg! JETZT oder NIE Hamburg wird dann (wirklich) zur Weltstadt. Olympia hat eine einzigartige Anziehungskraft für Touristen, Studenten, Fachkräfte und Unternehmen und bringt einen unvergleichlichen Schub für die Flüchtlings-Integration. Das Konzept ist absolut überzeugend. Wer noch nicht gewählt hat, sollte es unbedingt rechtzeitig machen.
3. Ich habe mit NEIN gestimmt
bestrosi 19.11.2015
Leider ist nicht nur die Abstimmungsfrage keine Frage, sondern eine suggestive Frechheit, leider geht der Senat nicht nur mit gewaltiger Werbepower vor, leider ist außerdem die Darstellung der Olympiagegner ziemlich dilettantisch, von Veranstaltungen über Plakate bis zum schrägen Beitrag zum Abstimmungsheft. Dennoch, wenn genügend Hamburger wirklich die Argumente wägen und sich nicht bloß vom Jubelsturm wegreißen lassen... wird es ein Nein geben. Oder die Sache ist nicht genug Leuten wichtig und das 20% Quorum wird verfehlt.
4.
Hermes75 19.11.2015
Ja, die Ausrichtung Olypischer Spiele gibt es nicht zum Nulltarif und ja, die Chancen für Hamburg den Zuschlag zu bekommen sind sicherlich nicht riesig. Trotzdem denke ich, dass Hamburg sich bewerben sollte. Hamburg ist eine tolle, weltoffene Stadt die ihren Gästen viel zu bieten hat und als Gastgeber ein gutes Aushängeschild für Deutschland wäre. Mir machen nicht die Kosten der Spiele Sorgen, sondern die Ängstlichkeit vieler Deutscher überhaupt so ein Projekt anzugehen. Man gewinnt keinen Marathonlauf ohne Anstrengung, aber wenn man nicht einmal antritt hat man keine gar keine Chance etwas zu gewinnen. Ängstlichkeit und Verzagtheit bringen niemanden voran. Ein bißchen mehr Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten würde vielen Deutschen sicher gut tun.
5. Natürlich Pro
rainerb 19.11.2015
Warum denn nicht? Immer das Thema: zu teuer! Spass kostet!! Und das Geld wäre ja auch nicht zwangsläufig für andere Dinge vorhanden, wenn man Olympia nicht ausrichtet. Milchmädchenrechnung! Wir hauen so viel Kohle für nichts raus, die unwiderruflich verloren ist: z.B. Griechenland, Ukraine, Brüssel... Also wenn wir dort schon Geld verbrennen, dann lasst uns doch stattdessen dafür Geld ausgeben und wenigstens somit etwas Spass haben!!
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