Hamburg - Es ist eine Sensation, die Fragen aufwirft: Die 16 Jahre alte Schwimmerin Ye Shiwens sicherte sich am Samstag über 400 Meter Lagen in Weltrekordzeit die Goldmedaille. Mit ihrer Zeit von 4:28,43 Minuten überraschte die Chinesin dabei nicht nur die Schwimmwelt. Doch wie lässt sich dieser Erfolg erklären? "Wir haben ein sehr gutes, wissenschaftlich gestütztes Training", sagte die Olympiasiegerin: "Aber, wir sind keine Roboter."
In beeindruckender Manier war Ye auf den letzten 100 Metern an der Weltmeisterin und Top-Favoritin Elizabeth Beisel vorbeigezogen - auf der vorletzten Bahn schwamm sie 13 Hundertstelsekunden schneller als zuvor bei den Männern Rekord-Olympiasieger Phelps, auf den letzten 50 Metern sogar 17 Hundertstel schneller als dessen Bezwinger Lochte. Nach dem Turbo-Finale zeigte die Videowand 4:28,43 Minuten an - mehr als eine Sekunde unter dem alten Weltrekord der Peking-Olympiasiegerin Stephanie Rice aus Australien.
"Dieser Schlussspurt war schon unglaublich", sagte Dopingexperte Fritz Sörgel. Sein Kollege Werner Franke, als kritischer Beobachter chinesischer Sportler bekannt, bezeichnete Yes Leistung als "ungewöhnlich, auffällig und überprüfungswürdig, aber physiologisch nicht unmöglich".
Auf Doping könne man in diesem Fall nicht automatisch schließen, selbst wenn man auf die belastete chinesische Geschichte schaue, sagte Franke: "Gerade junge, früh trainierte Athleten sind mitunter zu außergewöhnlichen Leistungen fähig, weil sie von ihren spezifischen Gewichtsverhältnissen profitieren."
Auch ein anderer Schwimmer aus der chinesischen Kaderschmiede hatte nur wenige Minuten zuvor knapp den zweiten Weltrekord seiner jungen Karriere verpasst: Sun Yang, der vor einem Jahr den Rekord von Grant Hackett über 1500 Meter Freistil gebrochen hatte, krönte sich zum Olympiasieger und blieb über 400 Meter nur sieben Hundertstel über der Bestmarke von Paul Biedermann.
Schon in den neunziger Jahren hatten chinesische Schwimmer durch eine Leistungsexplosion auf sich aufmerksam gemacht. Nach mehreren positiven Dopingtests vor der WM 1998 kündigte die Regierung an, den Sport neu aufzubauen.
Erste Erfolge dieses neuen Systems wurden bereits vor vier Jahren in Peking sichtbar, als Liu Zige Olympia-Gold über 200 Meter Schmetterling gewann und ihre Teamkollegen weitere fünf Medaillen hinzufügten. Bei der Heim-WM im vergangenen Jahr in Shanghai waren es bereits fünfmal Gold, zweimal Silber und siebenmal Bronze.
mib/sid
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