Olympia-Urteil: Beinamputierter Pistorius darf in Peking starten

Sieg auf ganzer Linie: Der unterschenkel-amputierte Leichtathlet Oscar Pistorius aus Südafrika darf nach einer Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs bei den Sommerspielen von Peking starten. Die Richter kamen damit zu einem anderen Urteil als der Leichtathletik-Weltverband.

Hamburg – Der Sportschiedsgerichtshof Cas gab am Freitag in Lausanne der Klage des 21-jährigen Oscar Pistorius gegen den Leichtathletik-Weltverband IAAF statt. Die Richter urteilten, dass der Sportler unbeschränkt startberechtigt für alle Rennen sei.

Läufer Pistorius: Erfolg im Gerichtssaal
AFP

Läufer Pistorius: Erfolg im Gerichtssaal

Der Weltverband hatte am 14. Januar 2008 entschieden, Pistorius das Startrecht bei Wettkämpfen nicht-behinderter Sportler zu verweigern. In der am Freitag veröffentlichten Urteilsbegründung hieß es nun, der IAAF habe in den Anhörungen vor dem Cas am 29. und 30. April nicht nachweisen können, dass die Hightech-Prothesen aus Karbon ("Cheetahs") dem Behindertensportler einen zu großen Vorteil gegenüber normalen Athleten verschaffen würden.

Ausdrücklich stellte der Cas aber fest, dass es sich um ein Einzelfall-Urteil handele. Es könne zudem revidiert werden, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorlägen. Pistorius will bei den Sommerspielen in Peking (8. bis 24. August) über 400 Meter starten. Er zeigte sich nach dem Cas-Urteil optimistisch, die B-Olympianorm von 45,95 Sekunden erreichen zu können, wenn er in Rennen gegen Nichtbehinderte auf stärkere Konkurrenz trifft. Die Bestzeit des Studenten der Betriebswirtschaftslehre beträgt bisher 46,56 Sekunden (Behinderten-Weltrekord).

Sollte allerdings ein anderer Südafrikaner besser sein, müsste Pistorius sogar die A-Norm (45,55 Sekunden) schaffen, um als Einzelstarter in Peking antreten zu dürfen. Die größte Chance liegt deshalb für ihn wohl in der Staffel über 4x400 Meter, für die Platz 16 der Weltrangliste nicht unerreichbar scheint.

"Ich kann gar nicht mehr aufhören, vor Glück zu lächeln", sagte Pistorius, "wenn ich in Peking antreten dürfte, würde ein Traum wahr, den ich so lange geträumt habe. Wenn es nicht klappt, werde ich Anlauf auf London 2012 nehmen." Pistorius, dessen Frau vor elf Monaten ihr erstes Kind bekam, studiert in Pretoria Betriebswirtschaftslehre.

"Pistorius ist überall willkommen, wo immer er jetzt starten will. Und natürlich auch in Peking, wenn er sich sportlich qualifiziert", erklärte IAAF-Präsident Lamine Diack in einer Pressemitteilung: "Er ist ein inspirierender Mensch, und wir freuen uns darauf, seine Erfolge in der Zukunft zu bewundern."

Als erste beinamputierte Schwimmerin wird auch Pistorius' Landsfrau Natalie du Toit in Peking dabei sein. Die 24-Jährige, der der linke Unterschenkel fehlt, startet im Wettbewerb über zehn Kilometer. Sie wird auch Teilnehmerin an den Paralympics sein. Bei den Wettkämpfen der Behinderten war auch Pistorius schon einmal aktiv, 2004 in Athen hatte er Gold über 200 Meter und Bronze über 100 Meter geholt.

Der Weltverband hatte sich bei seiner Entscheidung gegen Pistorius ("mechanischer Vorteil" durch die Prothesen) auf eine Studie des Kölner Biomechanik-Professors Gert-Peter Brüggemann gestützt. Die Wettkampfregel 144.2 der IAAF verbietet den Einsatz technischer Hilfsmittel wie Federn oder Rädern.

Pistorius wurde ohne Zehen, Fußballen und Wadenbeine geboren. Im Alter von elf Monaten werden ihm beide Unterschenkel amputiert. "Ich kenne keinen anderen Zustand. Ich sehe mich selbst nicht als behindert", sagt Pistorius.

"Ich lege Beschwerde ein nicht nur für mich allein, sondern für alle behinderten Athleten. Wir verdienen es, uns auf dem höchsten Niveau zu messen, wenn dies unser Körper erlaubt", hatte Pistorius Mitte Februar seinen Gang vor den Cas begründet. Der Läufer selbst nennt sich den "Schnellsten auf keinen Beinen".

ach/sid

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