Zuschlag für Olympia 2020: Tokio und die Folgen

Aus Buenos Aires berichtet Jens Weinreich

Japans Hauptstadt Tokio darf die Olympischen Sommerspiele 2020 austragen. Die Entscheidung des IOC hat womöglich weitreichende Konsequenzen: Münchens Chancen auf die Winterspiele 2022 sind gestiegen, bei der Fußball-EM zwei Jahre zuvor muss Deutschland wohl auf das Finale verzichten.

Entscheidung für Tokio: Neue Machtstränge im IOC Zur Großansicht
DPA

Entscheidung für Tokio: Neue Machtstränge im IOC

Der Tag danach begann mit teils zähneknirschenden Danksagungen. Während die Welt noch über die Gründe für den überraschenden Zuschlag von Tokio für die Olympischen Sommerspiele 2020 spekulierte, bedankten sich die IOC-Mitglieder der Wettbewerber artig für die Entscheidung ihrer Kollegen. Dem Japaner Tsunekazu Takeda fiel das naturgemäß leicht.

Dagegen hatten der Spanier Juan Antonio Samaranch und der Türke Ugur Erdener Mühe, um gute Miene zum für sie bitteren Ausgang der Wahl zu machen. Madrid scheiterte zum dritten Mal in Folge. Istanbul zum fünften Mal.

Besonders für Samaranch Junior war die Abfuhr von Madrid in der ersten Runde ein Schock. Der Sohn des zwei Jahrzehnte das IOC dominierenden Juan Antonio Samaranch hatte zu plump mit seinem Vater geworben. Das war einer von vielen Gründen für die Niederlage. Denn die Entscheidung gegen Madrid war in Teilen auch ein Votum gegen alte Netzwerke. Im IOC sind längst neue Machtstränge entstanden.

Die allgemein mit Verwunderung aufgenommene Wahl Tokios sollte die Präsidentenwahl am Dienstag kaum beeinflussen. Ernsthafte Gefahren für Thomas Bach sind weiterhin nicht in Sicht. Vielmehr verstärkt sich der Trend, dass Deutschland bald einen IOC-Präsidenten haben könnte - und kurz darauf auch aussichtsreich um die Olympischen Winterspiele 2022 kämpft.

Spiele 2022 nur an einen europäischen Bewerber

Denn mit der IOC-Entscheidung, die Spiele nach 2018 (Pyeongchang, Winter) 2020 schon wieder nach Asien zu geben (Tokio, Sommer) sollte klar sein, dass es für 2022 nur einen europäischen Ausrichter der Winterspiele geben wird.

Wobei die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan mit ihrem Bewerber Almaty sich bereits für 2022 positioniert hat. Die Ukrainer wollen sich bewerben und sind (mit Lwiw) längst in der Planungsphase, Barcelona meldet sich wieder, Polen will mit Zakopane antreten, in Oslo findet an diesem Montag eine Volksbefragung statt. In München und potentiellen Partnergemeinden sollen am 10. November Bürgerentscheide stattfinden. Die Finanzierung dieser Abstimmungen ist allerdings noch offen. Meldeschluss beim IOC ist der 14. November.

München passt Konzept an

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), dem bei den Landtagswahlen einer Niederlage gegen den amtierenden Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) droht, hat das Thema Olympia zuletzt vernachlässigt. Die Olympiabewerbung spielt im Landtagswahlkampf keine Rolle. Die Pläne der gescheiterten Bewerbung für 2018 werden dennoch für 2022 angepasst. Die deutschen Wintersportverbände wollen Ende September das neue Konzept absegnen, also inklusive der Biathlon-Hochburg Ruhpolding.

Am Tag nach der IOC-Entscheidung über die Sommerspiele für 2020 darf auch an den Hergang der Münchner Olympia-Offerte erinnert werden. Denn ursprünglich, im Sommer 2007, hatte Bach Münchens Pläne extrem unterstützt und eine DOSB-Entscheidung eingeleitet, weil es ihm zunächst darauf ankam, Berlin und Hamburg aus dem Rennen zu nehmen, die sich ebenfalls für eine Olympiabewerbung 2020 interessierten.

Das hätte sich nicht mit seinen Präsidententräumen vertragen. Erst später, im Münchner Wahlkampf, hatte sich Bach wirklich engagiert, zum ersten Mal bei einer deutschen Bewerbung. Nach der Niederlage gegen Pyeongchang im Juli 2011 spielte er wieder auf Zeit. Erst nachdem klar wurde, dass das Bewerberfeld für 2022 überschaubar sein würde und sich eine historische Chance für München andeutete, schwenkte der DOSB um und gab seine Blockadehaltung auf.

Die Entscheidung für Tokio 2020 hat zudem weitere Auswirkungen auf den deutschen Sport. Denn nun sollte klar sein, dass Istanbul vom europäischen Fußballverband Uefa als Finalort der auf ganz Europa verteilten Europameisterschaft 2020 benannt wird. Insofern kann sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der mit München ins Rennen zieht, auf seine Bewerbung für Vorrundenspiele konzentrieren.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Große Unbekannte UEFA
spon-facebook-1049022215 08.09.2013
Es sollte nicht verwundern, wenn die UEFA ihre Schnapsidee, die Euro 2020 durch hab Europa zu verteilen, aufgrund türkischen Drucks widerruft. Mit einem Endspiel in Istanbul wird sich Erdogan nicht abspeisen lassen wollen.
2. Am Volk vorbei
meinmein 08.09.2013
Dieser ganze Olympiakram tangiert mich nur insoweit, dass meine TV-Gebühren wohl dafür verschwendet werden. Ich kenne allerdings niemand, der diesen ganzen Sportmist im TV sehen will. Stell dir vor, es finden olympische Spiele statt und keiner geht hin...
3. Die Party zieht weiter
SchnurzelPuPu 08.09.2013
und wieder wird ein Land von der organisierten Kriminalität ausgeraubt werden. Griechenland ist u.a. daran Pleite gegangen. Japan ist zu groß - aber trotzdem ist es Raub. Die Herren des IOC sollten nach der nächsten Revolution dahin gehängt werden, wo sie hingehören - an den nächsten Grashalm.
4.
Sven10 08.09.2013
bei einer Bewerbung für 2022 würde ich aber erst einmal sicherstellen, dass die Fußball-WM in Katar nicht gleichzeitig stattfindet. Das ist nämlich der Wunsch von Platini (der wird in Zukunft höchstwahrscheinlich FIFA-Präsident sein).
5. EURO 2024 in Deutschland?
mmff 08.09.2013
Hat der DFB nicht angekündigt, für diesen Fall (Finale EM 2020 in Instanbul) ein Bewerbung für die EM 2024 zur erwägen? Insofern sind das doch eher gute Nachrichten für die deutschen Fussballfans; denn statt der Chance auf 3 Spiele (Halbfinals+Finale 2020) hätte man nun die Chance auf ein ganzen Turnier, noch dazu im ganzen Land. (Ich gehe davon aus, dass die UEFA die EM 2024 und vermutlich auch noch einige der darauffolgenden sicherlich nicht an das Land vergeben wird, das 2020 das Finale ausrichten wird). Was die Olympischen Spiele angeht, hätte ich mich mit jeder Entscheidung anfreunden können, wobei überall ein paar Fragezeichen geblieben wären.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2020
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
  • Zur Startseite

Zum Autor
Olympische Sommerspiele
Jahr Austragungsort (Land)
2020 Tokio (Japan)
2016 Rio de Janeiro (Brasilien)
2012 London (Großbritannien)
2008 Peking (China)
2004 Athen (Griechenland)
2000 Sydney (Australien)
1996 Atlanta (USA)
1992 Barcelona (Spanien)
1988 Seoul (Südkorea)
1984 Los Angeles (USA)
1980 Moskau (Sowjetunion)
1976 Montréal (Kanada)
1972 München (Deutschland)
1968 Mexiko-City (Mexiko)
1964 Tokio (Japan)
1960 Rom (Italien)
1956 Melbourne (Australien)
1952 Helsinki (Finnland)
1948 London (Großbritannien)
1936 Berlin (Deutschland)
1932 Los Angeles (USA)
1928 Amsterdam (Niederlande)
1924 Paris (Frankreich)
1920 Antwerpen (Belgien)
1912 Stockholm (Schweden)
1908 London (Großbritannien)
1904 St. Louis (USA)
1900 Paris (Frankreich)
1896 Athen (Griechenland)