Berliner Olympiastadion Für großen Fußball einfach nicht eng genug

Ist das Berliner Olympiastadion eine Fußball- oder Leichtathletikarena? Sieger in solchen Kulturkämpfen ist meist der Fußball, doch diesmal soll es anders laufen: Hertha BSC will umziehen.

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Von , Berlin


Der Spielplaner der Fußball-Bundesliga wird sich dabei nichts gedacht haben - aber am Samstag empfängt Hertha BSC den 1. FC Nürnberg zum Saisonauftakt. Damit spielen die beiden einzigen Vereine gegeneinander, die in der Liga noch ein Stadion mit einer Leichtathletiklaufbahn haben. Alle anderen Klubs spielen längst in reinen Fußball-Arenen - vor allem in Berlin ist das von vielen ungeliebte Olympiastadion ein Dauerthema.

In diesen Tagen wird die Stadionfrage in der Hauptstadt wieder ein bisschen heftiger debattiert. Die Leichtathletik-EM Anfang des Monats hat auf recht imposante Weise Eigenwerbung für ihre Sportart betrieben. Plötzlich erinnerte man sich wieder daran, dass Jesse Owens hier gelaufen ist, Usain Bolt hier Weltrekorde aufstellte und dass solche Highlights in Zukunft nicht mehr möglich wären, wenn diese Arena keine Laufbahn mehr hätte.

Maskottchen Berlino (links), Usain Bolt (Archiv, 2009)
REUTERS

Maskottchen Berlino (links), Usain Bolt (Archiv, 2009)

Leichtathletik-Weltverbandsboss Lord Sebastian Coe stellte staatsmännisch fest: "Man baut seine Geschichte nicht um." Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb eine wahre Hymne auf das Leichtathletikstadion Berlins, die Athleten sagten in jedes Mikro, das ihnen hingehalten wurde, wie schlimm es wäre, wenn diese Arena nicht mehr für ihren Sport zur Verfügung stünde. Und selbst Berlino, jenes allgegenwärtige EM-Maskottchen, das alles Zeug zur Nervensäge des Jahres hat, konnte den guten Eindruck nicht verwischen. Es war die denkbar beste PR für den Deutschen Leichtathletikverband.

Nie warm geworden mit dem Stadion

Das alles ist dann auch dem Berliner Senat aufgefallen. SPD-Sportsenator Andreas Geisel war offensichtlich so beeindruckt von der Positivpresse des Leichtathletikstandortes Berlin, dass er postwendend nach dem letzten Wettkampftag verkündete, ein Umbau des Stadions in eine Fußballarena könne "ziemlich ausgeschlossen" werden.

Da er damit auch bei Hertha BSC offene Türen einrennt, wird Berlin es wohl anders machen als die meisten anderen. Statt ein Leichtathletikstadion zu opfern und den Kulturkampf zwischen Fußball und dem Restsport in bekannter Weise zu entscheiden, wird in Berlin der Fußball aus- und umziehen. Die Pläne für ein eigenes Hertha-Stadion in direkter Nähe der alten Arena sind seit der Leichtathletik-EM noch ein bisschen konkreter geworden, als sie ohnehin schon waren.

Die Hertha spielt zwar seit fast 60 Jahren im Olympiastadion, aber manche Beziehungen werden auch durch ihre Dauer nicht herzlicher. Der Verein hat in dieser Stadt der Zugezogenen ohnehin seine Akzeptanzprobleme, aber ein Grund, warum Berlin und die Hertha nicht einem gemeinsamen Wärmestrom unterliegen, ist die Heimspielstätte in Charlottenburg: Dieses historisch ebenso bedeutende wie monströse Stadion, das den Schatten des Nationalsozialismus nie gänzlich loswerden wird, dieses Stadion, das genauso Spiel- wie Gedenkstätte ist.

"Laut, nah, steil" hat Hertha-Boss Michael Preetz die Bedingungen mal getauft, die ein neues Hertha-Stadion aufweisen sollte. Wer mal im Olympiastadion an einem normalen Bundesligaspieltag war, weiß, wie es ist: nicht nah, nicht laut, nicht steil. Am Sonntag trug im Olympiastadion der BFC Dynamo, der trotz des FC Union ostigste Klub der Stadt, sein DFB-Pokalspiel tief im Westen gegen den 1. FC Köln aus. 14.153 Zuschauer waren da, in einer 74.000-Plätze-Arena. Da kann man jeden verstehen, der sich nach einem engeren Stadion sehnt.

"Ein teurer Murks"

Ein denkmalgerechter Umbau würde knapp 200 Millionen Euro kosten, der "Tagesspiegel" hat das auch deswegen "eine Schnapsidee" und "einen teuren Murks" genannt, es wäre allerdings nicht das erste Mal in der Hauptstadt gewesen, dass man auch einen teuren Murks durchziehen würde. Daher sind derzeit eigentlich alle mit der geplanten Lösung zufrieden: Die Stadt, die sich nicht ein weiteres teures Projekt ans Bein bindet, der Verein, der endlich seine Fußballarena bekommt, die Denkmalschützer, die bei einem Umbau graue Haare bekämen. Eine Lösung, die alle gut finden - das wäre fast ein Berliner Wunder, sozusagen ein blaues Laufbahnwunder.

Der Klub ist noch bis 2025 an das Stadion gebunden, dann läuft der Pachtvertrag mit dem Land Berlin aus, und dann soll, wenn alles nach Plan geht, die neue Arena bereits zur Verfügung stehen, komplett privat finanziert. Und das Olympiastadion würde bleiben, wie und was es ist, ein Leichtathletikstadion in öffentlicher Hand, offen zudem für Musikkonzerte und andere Großveranstaltungen. Und sogar Fußball könnte zum Beispiel beim DFB-Pokalfinale dort weiter gespielt werden.

Da es in Berlin allerdings selten so läuft, wie es geplant ist, häufen sich auch bei diesem Projekt wieder zahlreiche offene Fragen auf. Die Anwohner fürchten noch mehr Rummel, Verkehr und Lärm, wenn künftig zwei Arenen in ihrer Nachbarschaft stehen sollten. Darum gibt es auch die Ersten, die das Fußballstadion am liebsten mitten in die Stadt aufs Tempelhofer Feld verfrachten möchten, dort wo sich am Wochenende die halbe Stadt derzeit auf der riesigen Freifläche mit Picknick, Radfahren, und Inlineskaten die Zeit vertreibt. Der Verein drängt auf eine rasche Entscheidung, damit man im Zeitplan bleibt. Eigentlich müsste sie noch in diesem Jahr fallen, aber im Sportausschuss der Stadt gehen sie jetzt schon von 2019 aus.

Hertha hat zum Saisonstart eine Imagekampagne aufgelegt, wieder einmal. In dieser Hinsicht gehört der Verein zum Aktivsten, was die Fußballbundesliga hat. Meistens waren die Slogans eine Steilvorlage für Hohn und Spott, in Berlin gehört es zur Folklore, sich über die Hertha lustig zu machen, da ist es im Grunde egal, ob es berechtigt ist oder nicht. Das neue Motto heißt: "In Berlin kannst du alles sein, auch Herthaner." Den Spruch: "In Berlin kannst du alles machen, sogar ein Stadion pünktlich fertig bauen", den traut sich dann allerdings doch noch keiner.

insgesamt 15 Beiträge
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Sal.Paradies 21.08.2018
1. Mit den richtigen Leuten
Doch, wir Berliner könnten das neue Stadion rechtzeitig fertig stellen, wenn..ja..wenn wir in CHINA vorstellig werden, damit die das Stadion bauen ! Und mit den vielen Gastarbeitern könnten wir dann gleich noch ein "Chinesisches Viertel" in der Stadt implementieren, denn so was haben wir noch nicht, obwohl man glaubt hier gäbe es alles. Und wenn die noch ihre eigenen Köche mitbringen, dann gibts auch bei uns endlich mal richtig gute chinesische Küche. Denn das, was hier als solche verkauft wird, ist eine Frechheit gegenüber der echten Küche aus dem Reich der Mitte... ;-)
jk1! 21.08.2018
2. Kein alltägliches Stadion
Das Stadion ist bei speziellen Events wie dem DFB-Pokalfinale oder bei großen Leichtathletik-Events überragend. Das liegt zum einen an dem Mythos Berlin und zum anderen an Fans bzw. Publikum und sicher auch an Beginn und Ende der Veranstaltungen im Dunkeln des Abends. Beim Wochenendalltag eines Bundesligisten sieht das schon anders aus. Die Hertha müsste schon außergewöhnlich performen, damit man auch das Stadion innerlich widerwillig trotzdem in Kauf nimmt. Alleine die etlichen tausend durch die Dachstützen sichtbehinderten Plätze im Oberrang sind schon eine einzige Katastrophe. Die Laufbahn und die Entfernung zum Platz machen es zusätzlich unattraktiv. Das aus Denkmalschutzgründen nicht geschlossene Dach und der ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Bereich unterhalb der Lücke vermitteln Baustellenatmosphäre. Und bei allem Respekt für die Historie ist es eben auch teilweise nach heutigen Maßstäben nicht richtig funktionell.
Pabluc 22.08.2018
3.
Ich bin ja auch für einen Neubau, allerdings frage ich mich nach dem Lesen des Artikels: Wo sind die Leute hin, die befürchtet haben, Berlin würde nach dem Hertha-Auszug auf einem Großteil der Betriebskosten sitzen bleiben?
Palle91 22.08.2018
4. Pro neues Stadion!
Eine reine Fußballarena wäre der Hertha nur zu wünschen! Das Olympiastadion ist wunderschön und eines der besten Leichtathletikstadien der Welt. Aber für regelmäßigen Bundesligafußball einfach nicht mehr geeignet. Ja, so eine einmalige Sache wie ein Länderspiel, ein DFB-Pokalfinale etc., dafür ist es nach wie vor toll. Aber im Winter bei 40.000 Zuschauern, wenn es durch das Marathontor zieht und das Spiel 100 Meter weiter nur mäßig zu überzeugen weiß, die Ostkurve ebenfalls 50 Meter weit weg ist... Sorry, aber da hat man halt heutzutage einen anderen Standard als noch vor 30, 40 Jahren. Das erste I-Phone würde heutzutage auch keiner mehr geil finden und doch war es vor gar nicht allzu langer Zeit das Nonplusultra. Eine reine Fußballarena mit ca. 55.000 Plätzen, steilen Rängen und moderner Technik würde dem Verein auf jeden Fall gut tun. Schön, dass der Senat mittlerweile auch nicht mehr blockiert und von der Schwachsinnsidee mit dem Oly-Umbau absieht. Das hätte nur das Stadion verschandelt und am Ende trotzdem nicht die eklatanten Mängel, die Hertha ja in ihm sieht, beheben können.
quark2@mailinator.com 22.08.2018
5.
Laßt ja die Hände von dem Stadion. Kleine Lektion aus Cottbus ... erst das Leichtathletikstadion auf Kosten der Stadt zum Fußballstadion umgebaut und dann in die 4. Liga abgestiegen (jetzt wieder 3. Liga) ... Und obwohl die Stadt dem Club das Stadion geschenkt hatte, konnte sich der Club den Betrieb nicht leisten und die Stadt mußte weiter zubuttern. Dabei ist dieses Nest hoch verschuldet und die Millionen hätten statt in Profifußball lieber in andere Dinge investiert werden sollen. Das Berliner Olympiastadion sollte mMn. bleiben, wie es ist. Wenn Proficlubs was wollen, sollen sie es selbst bezahlen. Wenn sie es nicht können, sollen sie es lassen. Ich sehe absolute keine positive Rolle des Profisports. Man könnte viel mehr Gutes tun, wenn man das Geld an Amateure gäbe.
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