Zeugenaussage gegen Fecht-Trainer "Einer von Ihnen lügt, das ist klar"

Der Fecht-Trainer Sven T. soll jahrelang Frauen und Mädchen belästigt und missbraucht haben. Vor Gericht hat nun die Spitzenfechterin Carolin Golubytskyi geschildert, was ihr T. angetan haben soll.

Fechtzentrum in Tauberbischofsheim
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Fechtzentrum in Tauberbischofsheim

Von und , Stuttgart


Mit ernstem Blick betritt Carolin Golubytskyi am Mittwoch den Gerichtssaal in Stuttgart und steuert zügig auf den Zeugenstuhl zu. Sie trägt ihre schulterlangen Haare glatt und offen, ein weiter, dunkelblauer Pullover verdeckt ihren Babybauch. Golubytskyi ist für diesen Termin vor dem Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg aus den USA angereist, wo sie seit einigen Jahren mit ihrem Ehemann lebt. Sie musste kommen, der Richter Ulrich Hensinger hat sie vorgeladen.

Aber Golubytskyi wollte auch kommen, sie wollte endlich reden. Über das, was ihr zugestoßen sein soll, was ihr der Trainer Sven T. angetan haben soll.

Carolin Golubytskyi, 32, gehört zu den besten Florettfechterinnen der Welt. Sie startet für den FC Tauberbischofsheim. Golubytskyi nahm an drei Olympischen Spielen teil, 2013 gewann sie die Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften. Vor Gericht in Stuttgart erschien sie allerdings nicht als Leistungssportlerin, sondern als Zeugin in einem Prozess, der den deutschen Sport schon seit Monaten beschäftigt. Es geht um Missbrauchsvorwürfe am weltberühmten Fechtzentrum in Tauberbischofsheim.

Carolin Golubytskyi (Motiv von 2015)
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Carolin Golubytskyi (Motiv von 2015)

Vergangenes Jahr war bekannt geworden, dass mehrere Sportlerinnen dem renommierten Landestrainer Sven T. sexuelle Gewalt vorwerfen. Golubytskyi war die erste Fechterin, die die Anschuldigungen gegen Sven T. formulierte. Im Dezember 2016 wandte sie sich an Funktionäre des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSV), in einem vertraulichen Gespräch erzählte sie von einem Turnier im Jahr 2003, bei dem sie der Trainer abends im Hotel missbraucht haben soll.

Der LSV war der Arbeitgeber von Sven T., der Verband kündigte dem Trainer noch im Dezember 2016 fristlos, nachdem auch andere Sportlerinnen und Trainerkollegen gegen ihn ausgesagt hatten. Offenbar hatten sich über die Jahre am Fechtzentrum immer wieder Frauen und Mädchen über Sven T. beklagt, über sein Alkoholproblem, und darüber, dass er Kaderathletinnen in den Po gekniffen und obszöne Bemerkungen über ihre Brüste gemacht haben soll. Bis ins Jahr 2016 soll es Vorfälle gegeben haben.

Sven T. bezeichnete die Anschuldigungen als unwahr und zog vor das Arbeitsgericht in Heilbronn. Der Richter dort erklärte die Kündigung im August 2017 für unwirksam, dabei ließ er offen, ob er die Vorwürfe der Frauen für zutreffend hält. Der LSV legte Berufung ein, weswegen der Fall nun vor dem Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg in Stuttgart verhandelt wird.

Golubytskyi spricht leise, schnieft schon zu Beginn ihrer Aussage. Nur zwei Meter links von ihr sitzt Sven T., der immer wieder den Kopf schüttelt, während Golubytskyi redet. In kurzen Sätzen erklärt sie, was aus ihrer Sicht an jenem Abend im Jahr 2003 passiert ist. Sie startete damals auf einem internationalen Nachwuchsturnier in Porec, Kroatien, zusammen mit anderen Fechterinnen aus Tauberbischofsheim. Golubytskyi war damals noch minderjährig, Sven T. war als Trainer beim Turnier dabei. An einem Abend gab es eine kleine Feier. "Ich war müde und bin auf mein Zimmer gegangen", erzählt Golubytskyi. Ihre damalige Zimmernachbarin, die Fechterin Sandra Bingenheimer, wollte noch im Gemeinschaftsraum mit den anderen Sportlern bleiben, habe aber ihre Zimmerkarte nicht dabeigehabt. So berichtet es Golubytskyi. "Ich habe die Tür nur angelehnt, mich auf mein Bett gelegt, gedöst und gewartet, bis sie kommt."

Noch eine Zigarette geraucht und danach nie wieder darüber gesprochen

Dann sei aber nicht Bingenheimer ins Zimmer gekommen, sondern Sven T.: "Er war vor mir und hat sich dann auf mich gelegt", erzählt Golubytskyi mit dünner Stimme. "Ich habe meine Arme verschränkt, und ich lag einfach nur da. Gefühlte Stunden. Und dann ist er vor und zurück, ist immer näher an mein Gesicht herangekommen und hat gesagt: 'Du bist aber gut, und zwar nicht nur im Sport'." Golubytskyi laufen Tränen über die Wangen.

Irgendwann sei Bingenheimer ins Zimmer gekommen, Sven T. sei daraufhin aufgesprungen, gegen einen Spiegel gefallen und schnell aus dem Raum gegangen. "Ich lag immer noch so da", erinnert sich Golubytskyi und verschränkt im Gerichtssaal ihre Arme vor der Brust, so, wie sie es damals auf dem Hotelbett getan habe. "Sandra und ich saßen nebeneinander auf dem Bett und haben gar nichts mehr gesagt." Sie seien noch eine Zigarette rauchen gegangen und hätten dann nie wieder darüber gesprochen, sagt Golubytskyi.

Als sie mit ihrer Aussage fertig ist, räuspert sich Richter Hensinger. "Der Kläger behauptet, dass das so nicht stattgefunden hat", sagt er und blickt zwischen Sven T. und Golubytskyi hin und her. "Einer von Ihnen beiden lügt, das ist klar. Wir wollen die Wahrheit rausfinden."

Golubytskyi soll aufzeichnen, wie das Hotelzimmer ausgesehen hat. Soll erklären, in welcher Position sie lag und in welcher Position Sven T. auf ihr lag. Als sie gefragt wird, warum sie nichts gesagt habe, als T. auf ihr war, fängt Golubytskyi an zu weinen: "Ich wünschte, ich hätte etwas gesagt. Aber ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt." Der Richter fragt, warum die Sportlerin 13 Jahre lang geschwiegen habe. "Ich habe mich geschämt", sagt Golubytskyi. "Und ich schäme mich noch heute." Warum, will Hensinger wissen. "Weil ich nichts machen konnte", sagt die Fechterin, "ich bin Leistungssportlerin, es ist schrecklich für mich, wenn ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper habe."

Beschuldigter spricht von "Kampagne" und "Intrige"

Ein paarmal wird Golubytskyis Stimme doch noch fester an diesem Tag, bestimmter. Einmal sagt sie: "Ich bin Sportsoldatin, ich bin leidensfähig. Ich würde hier nie so sitzen, wenn ich nicht verletzt wäre."

Manchmal wendet sich Sven T. von der Verhandlung ab, um aus dem Fenster hinter sich zu schauen. Als ginge ihn das alles nichts an. Er spricht von einer "Intrige", die "inszeniert" sei. Aus "persönlichem Hass" würde Golubytskyi eine "Kampagne gegen meine Person" fahren, sagt der Trainer. Er wolle rehabilitiert werden, wolle seinen Trainer-Job in Tauberbischofsheim zurückhaben. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass Sven T. wieder im Fechtzentrum arbeiten kann.

Der FC Tauberbischofsheim setzte im April 2017 eine Untersuchungskommission ein, die den Vorwürfen der Sportlerinnen nachgehen sollte. Vergangene Woche präsentierte die Kommission erste Ergebnisse. In dem Untersuchungsbericht ist von "Distanzlosigkeit" bei Sven T. die Rede. Der Trainer soll Sportlerinnen immer mal wieder einen Klaps auf das Gesäß gegeben haben, auf der Planche soll er die Haltung der Sportlerinnen grundsätzlich durch Berührungen korrigiert haben, nicht durch verbale Beschreibungen. Einige Fechterinnen hätten sich daran gestört. Zu der Szene im Hotelzimmer im Jahr 2003, dem Hauptvorwurf gegen Sven T., liefert der Bericht jedoch keine Erkenntnisse. Zu anderen Vorwürfen, die von Sportlerinnen gegen Sven T. erhoben wurden, schweigt der Bericht sogar.

Richter Hensinger sagt: "Ganz aus dem Blauen kommt das ja nicht. Es hat ja irgendwelche Vorfälle gegeben." Der nächste Verhandlungstermin wird am 28. Februar sein, möglicherweise wird das Gericht dann Sandra Bingenheimer als Zeugin laden. Dann würde Bingenheimer schildern, was aus ihrer Sicht an jenem Abend in Porec passiert ist. Gegenüber den Funktionären des LSV hat die Fechterin die Schilderungen von Golubytskyi bereits bestätigt.

"Wir stehen weiter zur Kündigung des Trainers", sagt Sylvia Aldinger-Krimmel, die Anwältin des LSV, "sie war richtig und alternativlos." Die Ausführungen von Sven T., der sich als Opfer einer Intrige sieht, bezeichnet Aldinger-Krimmel als "wilde Verschwörungstheorie". Es hätten sich beim LSV über die Monate immer neue Zeugen gemeldet und gegen den Trainer ausgesagt, sagt die Anwältin. Aufgrund der neuen Aussagen habe der Verband mehrmals Kündigungsgründe bei Gericht nachgeschoben und immer neue Kündigungen gegen Sven T. ausgesprochen. Bis jetzt hat der LSV dem Trainer schon viermal gekündigt, jedes Mal fristlos.



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