Aus London berichtet Jens Weinreich
John Fahey ist dieser Tage ein Präsident ohne Reich. Er leitet zwar die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), doch bei Olympischen Spielen hat diese nichts zu sagen. Die Wada übernimmt - wie seit Sydney 2000 bei allen Spielen - auch in London eine Beobachterrolle. Die Dopingjäger dürfen nicht jagen, nur zugucken. Das komplette Anti-Doping-Programm verantwortet jener Konzern, der die fünf olympischen Ringe vermarktet: das Internationale Olympische Komitee (IOC).
In London werden die Mitglieder des angeblich unabhängigen Observer-Teams der Wada, diesmal vom Kanadier René Bouchard geleitet, die Prozeduren von Dopingtests und Analytik prüfen und im Herbst ihren Bericht erstellen. Zuletzt wurden in derlei Ausarbeitungen grobe Mängel gerügt. Etwa bei den Spielen 2008 in Peking, wo den Prüfkommissaren der Zugang zu Meetings und Laboren verweigert worden war, und wo 102 Nationen, also die Hälfte der teilnehmenden, ihrer Meldepflicht nicht nachgekommen waren.
Dennoch bemühte sich Wada-Präsident Fahey am Mittwoch demonstrativ um gute Stimmung. Hervorragend sei die Zusammenarbeit mit dem IOC und dem britischen Organisationskomitee LOCOG. "Ich applaudiere", sagte der Australier: "Die Londoner Spiele sind diejenigen mit den meisten Tests in der olympischen Geschichte." Das IOC hatte zuvor bereits seine rund 5000 Tests in London als neuen Rekord verkauft und dafür den Vergleich zu Sydney (2359 Tests) und Peking (4770) gezogen. Als ob es auf die Anzahl der Tests ankäme.
In 40 Nationen wird gegen den Wada-Code verstoßen
Entscheidend bei der Dopingbekämpfung sind die Qualität und das kriminalistische Gespür, mit dem die Sportler und deren Entourage überprüft werden. Absurd waren Faheys Lobeshymnen auch deshalb, weil wenige Stunden zuvor, am anderen Ende der Stadt im Grosvenor House, bei der IOC-Vollversammlung Klartext gesprochen wurde. Vor allem vom Kanadier Richard Pound, der als Wada-Gründungspräsident von 1999 bis 2007 Faheys Vorgänger gewesen war.
Pound hat sich zuletzt zum schärfsten Kritiker der olympischen Bewegung aus den eigenen Reihen entwickelt. Kürzlich hatte er moniert, dass - wie im jüngsten Compliance-Bericht der Wada nachzulesen ist - in 40 Nationen gegen den weltweit gültigen Wada-Code und damit auch gegen die IOC-Charta, eine Art olympisches Grundgesetz, verstoßen wird.
Das IOC hat derzeit 204 Nationale Olympische Komitees (NOK) anerkannt. "Wenn das IOC nichts tut, wird jeder lachen", sagte Pound. Im Laufe der Jahre hatte er vergeblich versucht, Nationale Olympische Kommitees oder olympische Sportverbände, die konsequent gegen die Regeln verstoßen, für die Spiele zu sperren.
In London attackierte Pound nun den Umgang des IOC mit den bei den Sommerspielen 2004 in Athen eingefrorenen 3000 Dopingproben. Erst nach weltweiter Medienkritik und Druck der Wada waren im Frühjahr rund 100 B-Proben mit neuen Analysemethoden überprüft worden, wobei es fünf positive Fälle gegeben haben soll. Dies hätte viel früher geschehen müssen, sagte Pound. Bei Nachtests eingefrorener Proben der Sommerspiele 2008 in Peking und der Winterspiele 2006 in Turin waren zuvor fünf Athleten das Blutdopingmittel Cera nachgewiesen worden.
Bei den Spielen in London wird vom IOC erstmals mit zwei verschiedenen Analysemethoden auf das Wachstumshormon HGH getestet, wie Wada-Generaldirektor David Howman mitteilte. Doch allzu viel wollte er auch nicht verraten. "Wir sagen nicht alles, was man testen kann." Die Betrüger sollen überrascht werden.
In London sei es schwierig wie nie zuvor, zu dopen und nicht erwischt zu werden, sagte Wada-Präsident Fahey. Aber er gab auch zu: "Ich wäre dumm, würde ich behaupten, bei diesen Spielen würde niemand betrügen."
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