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Olympische Spiele 2024: Bostons Rückzug, Bachs Rückschlag

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IOC-Präsident Bach: Hofft weiter auf einen Kandidaten aus den USA Zur Großansicht
REUTERS

IOC-Präsident Bach: Hofft weiter auf einen Kandidaten aus den USA

Alles soll besser werden bei den Olympischen Spielen, verspricht IOC-Präsident Thomas Bach. Doch der Rückzug des Favoriten Boston für die Spiele 2024 zeigt, dass immer mehr Länder die gigantischen Kosten scheuen.

Das olympische Gipfeltreffen in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur begann mit einem Paukenschlag: Wenige Tage vor der 128. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zogen die US-Amerikaner die Olympiabewerbung von Boston zurück. Als Kandidaten für die Sommerspiele 2024 verbleiben derzeit Paris, Rom, Budapest und Hamburg.

Wahrscheinlich wird bis zum Meldeschluss am 15. September noch Baku ins Rennen gehen. Aserbaidschans Hauptstadt richtete vor einem Monat mit gigantischem Aufwand und Repressalien gegen Menschenrechtsaktivisten und Journalisten die ersten Europaspiele aus. In Kanada wird eine Bewerbung von Toronto erwogen, nachdem dort gerade die Panamerikanischen Spiele ausgetragen wurden. Der Rückzug der US-Amerikaner dürfte die kanadischen Avancen beflügeln.

Erst im Januar hatte sich die Führung des nationalen Olympischen Komitees USOC nach einem längeren Bewertungsprozess auf Boston festgelegt - und zuletzt Los Angeles, Washington und San Francisco aussortiert. IOC-Präsident Thomas Bach hatte den Amerikanern kurz zuvor in einem Gastbeitrag des "Boston Globe" Hoffnung gemacht.

Doch schon im Januar hatte Boston die geringsten Zustimmungsraten, und seither war bei Umfragen der Anteil derjenigen Bürger, die sich gegen eine Bewerbung aussprachen, auf mehr als 60 Prozent gestiegen. Auch war die Olympia-Opposition bestens organisiert. Bostons Bürgermeister Marty Walsh machte sich am Montag nach einem Telefonat mit der USOC-Führung zwar noch über die Opposition lustig, die er als "zehn Twitterer" bezeichnete, doch am Ende musste er sich den Realitäten beugen. Er wollte die Bedingungen des sogenannten Host-City-Vertrags nicht unterschreiben und kein milliardenschweres Risiko eingehen.

Das ist auch für den deutschen Kandidaten Hamburg ein wichtiger Aspekt, wird doch hierzulande stets die angebliche Reform "Agenda 2020" des IOC betont. Noch sind viele Versprechen (etwa Reduzierung der Kosten und der Forderungen des IOC) nicht umgesetzt. Der neue Host-City-Vertrag liegt noch nicht vor, angekündigt war das Papier für den Herbst. Das IOC will die Unterlagen möglicherweise früher veröffentlichen. Denn mit der vorläufigen Absage der Amerikaner holt das IOC eine quälende Diskussion wieder ein: In immer mehr Ländern wollen die Bürger das Risiko von Milliardenbürgschaften und gigantischen Kosten für ein zweiwöchiges Sportfest nicht eingehen.

Mit Peking droht ein weiteres Kapitel des Gigantismus

Zuvor hatte sich das Bewerberfeld für die Winterspiele 2022, über deren Vergabe das IOC am Freitag entscheidet, in historisch einmaliger Weise verkleinert: In Bürgerentscheiden wurden die Bewerbungen von Graubünden (Schweiz), München und Krakau abgeschmettert. In Stockholm und Oslo entsprachen Politiker dem in Umfragen geäußerten Mehrheitswillen und zogen die Offerten ihrer Städte zurück.

Es verblieben mit Almaty (Kasachstan) und Peking nur zwei problematische Kandidaten, und die Gefahr ist groß, dass Peking zur Olympiastadt 2022 gekürt wird. IOC-Präsident Bach hat Staatspräsident Xi Jinping bereits kurz nach seiner Amtsübernahme im Herbst 2013 den olympischen Orden überreicht.

Sollte Peking die Winterspiele bekommen, würde ein weiteres Kapitel des Gigantismus geschrieben und alle Behauptungen der "Agenda 2020" würden konterkariert.

Almaty wäre das kleinere Übel. Auch Kasachstan ist keine Musterdemokratie, doch dort sind immerhin fast alle Voraussetzungen für Wintersport gegeben: Viele Sportstätten stehen bereits und sind vielfach erprobt, das Land hat Wintersporttradition und vor allem: viel Schnee. Die Chinesen müssten einen ganzen Landstrich entwässern, um Schneekanonen zu füttern.

All diese sport- und geopolitischen Konstellationen sind in der Diskussion über die Olympiabewerbung 2024 zu beachten. Dieser Wettbewerb beginnt offiziell im September und wird in zwei Jahren auf der 130. IOC-Session in Lima (Peru) entschieden. Es sieht momentan nicht so aus, als sollte sich das USOC nach dem Boston-Rückzug für einen anderen Kandidaten entscheiden, auch wenn mächtig Lobby gemacht wird für Los Angeles.

Größter TV-Vertrag der Geschichte

In einem kryptischen Statement ließ Scott Blackmun, Generaldirektor des USOC, dies zunächst offen. Die USA würden sich sehr gern bewerben, erklärte Blackmun, aber nur, wenn man eine echte Chance habe. Bachs Presseabteilung ließ verlauten, man hoffe weiter auf einen Kandidaten aus den USA.

Gern wird verbreitet, die USA seien favorisiert, weil der TV-Gigant NBCUniversal vor einem Jahr den mit 7,75 Milliarden Dollar dotierten und bis 2032 währenden größten Fernsehvertrag der Olympiageschichte unterschrieben hat. Doch wenn es so wäre, hätten bereits New York (Kandidat für 2012) und Chicago (2016) die Sommerspiele bekommen müssen. Beide Offerten wurden aber vom IOC abgeschmettert.

Für 2024 ist Paris deshalb klar favorisiert. Präsident François Hollande hat die Bewerbung zur Staatsangelegenheit gemacht. Das Konzept von Paris zur 100-Jahr-Feier der Spiele von 1924 ist charmant und vereint die Attraktivität von Spielen mitten in der City mit Nachhaltigkeit - zumindest auf dem Papier.

Da die Spiele 2016 in Südamerika (Rio de Janeiro) sowie 2018 (PyeongChang), 2020 (Tokio) und 2022 (Almaty oder Peking) dreimal in Asien stattfinden, deutet alles auf eine europäische und vor allem eine französische Lösung hin. Gut möglich, dass sich die Amerikaner bis 2028 gedulden müssen.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Gratulation ...
gaga007 28.07.2015
... an den Bürgermeister von Boston ! Leider haben die Bürgermeister von Hamburg und Kiel kein derartiges Verantwortungsbewusstsein - diese Herren profilieren sich lieber auf Kosten der Steuerzahler ! Olympia ist ein Relikt vergangener Zeiten und gehört endlich abgeschafft !
2. Zwei Fliegen, eine Klappe
simplythebeast 28.07.2015
Macht doch die olympischen Spiele dort, wo sie hingehören: in Griechenland! Die Weltgemeinschaft legt zusammen und man baut in Platamonas, am Fuße des Olymp eine moderne Sportstätte, wo dann alle vier Jahre die Jugend der Welt um die Wette werfen, laufen und springen kann. Und im Winter liegt da sogar Schnee! Kultig, mystisch, praktisch und ein ordentlicher Schub für die griechische Wirtschaft. Selbst das gemütliche mauscheln der Funktionäre sollte kein Problem darstellen - man wäre schließlich in Griechenland!
3. Was für ein Blödsinn
PeterPaulPius 28.07.2015
Gerade Olympische Spiele und Weltmeisterschaften werden genutzt, um über Devirate und Garantien gigantische Beträge zwecks Geldschöpfung zu erzeugen. Das ist schon immer so gewesen. Oder hat es irgendwann schon mal NACH den Spielen einen Aufschrei gegeben, dass die Belastungen für das betreffende Land nicht geschultert werden könnten? Hinterher war doch immer Friede, Freude, Eierkuchen. Der Autor sollte mal recherchieren. Selbst in Südafrika regt sich keiner über teure, jetzt dahin siechende Stadien auf. Warum wohl? Das sollte der gute Varoufakis mal als Aufhänger für seine Systemkritik nutzen.... ;-) Dan versteht ihn auch jeder.
4. Vernünftig
deeperman 28.07.2015
Auch die Bostoner haben vernünftigerweise kein Interesse an einem Treffen gedopter und korrupter Menschen. Leider steigen die Chancen Hamburgs auf mehrere Wochen Verkehrschaos und Wucherpreise dadurch
5. Paris ist es zu wünschen...
elmard 28.07.2015
denn ich denke mal, das die Spiele 2024 von den Hamburgern angesichts des teuren Opernhauses an der Elbe als nicht mehrheitsfähig angesehen werden. Die Volksabstimmung in Hamburg wird unter 50% pro Olympia ausgehen. Die Hanseaten können im Gegensatz zu ihren Politikern rechnen und werden sich nicht erneut auf ein finanzielles Desaster, was die Kosten betrifft, einlassen. Auch werden die Hamburger Bürgerinnen und Bürger zur Olympiade 2024 in Paris wissen, was ihnen die Elbphilharmonie letztendlich gekostet hat, welche 2017 eröffnet werden soll, aber mit Sicherheit noch nicht endgültig abgerechnet sein wird. Hinter Paris steht auch der französiche Staat und nach 100 Jahren dazu ein schönes Jubiläum.
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