Deutsche Schwimmer bei Olympia: Erster Tag, erste Krise

Aus London berichtet Andreas Morbach

Mit Medaillenhoffnungen waren sie an den Start gegangen, doch schon nach den Vorläufen war für die deutschen Schwimmer Schluss. Sämtliche taktische Ideen gingen daneben. Nach dem ersten Wettkampftag herrscht beim DSV Alarmstimmung.

Steffen, Biedermann & Co.: Enttäuschender Schwimm-Auftakt Fotos
DPA

Kaum war der Vormittag mit den ersten Vorläufen bei den Olympischen Spielen absolviert, da hielten die deutschen Schwimmer auch schon ihre erste Krisensitzung ab. Am Nachmittag bat Lutz Buschkow, Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), Athleten und Trainer zum Gespräch. Die Wettkämpfe in London haben zwar gerade erst begonnen, aber schon jetzt herrscht beim DSV Alarmstimmung - wieder einmal.

Zwar wollte Buschkow noch nichts von einem Desaster oder dergleichen wissen. Ein paar ernste Worte hielt er aber für durchaus angemessen. "Das war ein rabenschwarzer Tag für uns", sagte der DSV-Boss: "Es ist ja nicht so, dass wir mit solch einem Ergebnis gerechnet haben und machen jetzt alle einfach weiter."

Zwei Rennen verhagelten Buschkow gehörig die Stimmung: Das über 400 Meter Freistil der Männer, in dem Paul Biedermann, Weltrekordhalter und vor einem Jahr noch WM-Dritter über diese Distanz, als Zwölfter das Finale klar verpasste. Noch mehr nervte Buschkow allerdings das Scheitern der 4x100-Meter-Freistilstaffel der Frauen mit Britta Steffen, Silke Lippok, Lisa Vitting und Daniela Schreiber. Das DSV-Quartett kraulte 2011 in Shanghai noch zu WM-Bronze. Jetzt in London waren die vier Frauen eine Sekunde zu langsam für den Endlauf - und die allgemeine Fehlersuche begann.

Freistilstaffel der Frauen mit falscher Taktik

Bei der von Steffen-Coach Norbert Warnatzsch instruierten Staffel wurde Buschkow schnell fündig. "Da haben wir uns ein bisschen verpokert", sagte er. Die (fehlgeschlagene) Taktik war: Startschwimmerin Steffen sollte 90 bis 95 Prozent ihres Leistungsvermögens im Wasser bringen, Lippok und Vitting anschließend voll schwimmen und Schlussfrau Schreiber das Quartett ins Finale bringen. Der Plan ging jedoch gehörig daneben.

"Man kann jetzt die Nadel im Heuhaufen suchen, aber letztlich haben wir es verbockt. Wir sind mündig und hätten selber wissen müssen, was zu tun ist", sagte Steffen nach dem Rennen. Zugleich deutete die 28-Jährige an, dass man sich von Bronze in Shanghai habe blenden lassen. "Im Ganzen haben wir vielleicht die Konkurrenz unterschätzt", sagte Steffen. Das wäre nach den trüben Erfahrungen der deutschen Schwimmer bei zurückliegenden Olympischen Spielen allerdings ein unverzeihlicher Schnitzer.

"Weinen hilft an dieser Stelle nicht", versuchte die Doppel-Olympiasiegerin von vor vier Jahren ihre Teamkolleginnen anschließend aufzubauen. Derlei Worte hatte Steffens Lebensgefährte Biedermann offenbar nicht nötig. Ihr Freund sei wegen der Reaktion auf sein Vorlauf-Aus "ein ganz Großer" für sie gewesen, sagte Steffen. Weil er nicht andere, sondern sich allein zum Sündenbock machte. Davon aber wollte Biedermanns Heimtrainer nichts wissen. "Ich nehme das klipp und klar auf meine Kappe", sagte Frank Embacher deprimiert.

Er habe seinen Vorzeigeschüler "mit einer anderen Maßgabe als sonst" schwimmen lassen, lautete Embachers Erklärung. In der ersten Phase des Rennens sollte Biedermann durch intensivierte Beinarbeit Kraft sparen. Doch das geplante große Finish dank der gesparten Kraft fiel aus. Olympia ist wohl auch eher der falsche Boden für derartige Experimente. Und weil Biedermann am Sonntagvormittag bereits die 200 Meter Freistil bestreitet, seine zweite und letzte Einzelstrecke in London, setzt Embacher nun auf Altbewährtes, neue Taktikkonzepte soll es nicht wieder geben: "Über 200 Meter Freistil und in der langen Kraulstaffel soll Paul alles rauslassen."

Warum ihm das trotz der bösen Pleite über 400 Meter Freistil, als der Doppel-Weltmeister von 2009 nach halber Strecke als Sechster immerhin noch auf Finalkurs lag und dann einbrach, gelingen sollte? "Weil es Paul Biedermann ist", sagte Embacher lapidar. Wenn es nur so einfach wäre.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Hä?
Pat-Riot 28.07.2012
Zitat von sysop"Ich wollte von vorne gehen, das hat nicht so geklappt. Hinten raus konnte ich es nicht mehr halten", sagte Biedermann. Olympische Sommerspiele: Deutscher Schwimmer schon in der Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,846970,00.html)
Hoffentlich will der nach dem Ende seiner Schwimmkarriere nicht Journalist werden. Oder zumindest nur beim ZDF.
2. ...
jujo 28.07.2012
Zitat von Pat-RiotHoffentlich will der nach dem Ende seiner Schwimmkarriere nicht Journalist werden. Oder zumindest nur beim ZDF.
Das relativiert sich doch durch das beinahe verpassen des Endlaufes über 400m Lagen durch Superstar Phelps. Bald werden wir wissen ob er gezockt hat?!
3. An Olympia teilnehmen ...
cinder_cone 28.07.2012
... und bewusst reduzierte Leistung bringen? Zuhause bleiben und keine 'Sportförderung' nehmen, und statt dessen arbeiten gehen - ist doch eine Alternative - oder? Bei der Tour de France fühlen sich manche wenigstens noch so schuldbewusst, dass sie dopen - immerhin. (Ok, war ein Versuch von Ironie.)
4.
Knuuth 28.07.2012
Zitat von sysopStartschwimmerin Steffen sollte 90 bis 95 Prozent ihres Leistungsvermögens im Wasser bringenOlympische Sommerspiele: Deutscher Schwimmer schon in der Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,846970,00.html)
...und mit 95% gewinnt man bestimmt keine Medaille bei Olympia. Merkwürdiger Erklärungsversuch. Ich finde da gehört langsam mal ein Trainer (noch aus von Almsick Zeiten) ausgetauscht. Seit der letzten EM heisst es, 'wir sparen unsere Kräfte für Olympia'. Gute Ergebnisse bei der EM heissen aber nicht automatisch erste Plätze in London, va wenn man EM Gegner als Masstab nimmt. Auch deutsche Schwimmer dürfen verlieren - schade, dass seit van Almsick von den Medien und dem Trainerstab so ein künstlicher Druck aufgebaut wird.
5. Hochmut kommt vor dem Fall
tobiasberlin 28.07.2012
Das kommt dabei raus, wenn man der Meinung ist, man könne mit 90% der Leistung so mal locker eben in den Endlauf schwimmen. Übermut tut selten gut!
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Zum Autor
  • Von den Olympischen Sommerspielen 2012 in London (27. Juli bis 12. August) berichtet unser Autor Andreas Morbach.

DSV-Medaillen bei Olympia seit 1992
Jahr Gold Silber Bronze
2012 0 1 0
2008 2 0 1
2004 0 1 4
2000 0 0 3
1996 0 5 7
1992 1 3 7
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