Olympische Spiele 2008: Ein Sturmläufer humpelt ins Aus

Aus Peking berichtet

China im Schockzustand: Das Aus des Superstars Liu Xiang bei den Spielen in Peking stürzt die Gastgeber in die Depression. Liu ist erst 25, er könnte auch 2012 wieder bei Olympia starten - doch unklar ist, ob er sich von dieser Enttäuschung erholt.

Wie oft hat man die Bilder gesehen in den vergangen Tagen. Dutzende Male? Hunderte Male? Immer wieder flimmerten die Bilder dieses historischen Laufes über die Monitore in den Pressezentren, im Staatssender CCTV ebenfalls: Liu Xiangs Sturmlauf am 28. August 2004 in Athen. Weltrekord und Olympiasieg über 110 Meter Hürden. Der erste Olympiasieg eines chinesischen Leichtathleten. "Dies war nur ein Wunder", hat Liu Xiang in Athen gesagt, "2008 aber werden viele Wunder geschehen, und zwar in allen Sportarten".

Recht hat er. 35 Goldmedaillen haben die Chinesen bis zum Montagmorgen schon gewonnen. Sie werden erstmals die Nummer eins der Nationenwertung sein. Sie werden zum Ende der Spiele, wenn alle 305 Entscheidungen gefallen sind, auch die Amerikaner weit hinter sich gelassen haben. Doch der 25 Jahre alte Liu Xiang konnte dazu nichts beitragen. Chinas Nationalheld hat aufgegeben. Und es ist keinesfalls übertrieben zu behaupten, dass er damit das Milliardenvolk in einen kurzzeitigen Schockzustand versetzt.

Am 18. August 2008 gehen andere Bilder um die Welt und bestimmen für einige Stunden die Nachrichten aus Peking. Sie zeigen Liu Xiang im Vogelnest, dem Olympiastadion, wie er sich am Morgen auf seinen Vorlauf vorbereitet. Mimik und Gestik lassen das Drama erahnen, hatte sein Trainer Sun Haiping doch am Sonntag schon darauf hingewiesen, das Liu Xiang ernsthafte Probleme mit seiner rechten Achillessehne habe. Liu Xiang guckt traurig, reibt und massiert sich am rechten Unterschenkel, doktert irgendwie herum an der schmerzenden Sehne. Er kann nichts mehr bewegen. Drei Ärzte haben ihn schon im Aufwärmbereich behandelt. Sie haben alles versucht: Sprays, Massagen, Verbände. Nichts hilft.

Dennoch geht er in den Block, versucht einen Start. Er tritt sogar an zum olympischen Wettbewerb, der ihm, der ohnehin schon ein Held ist in China, einen göttergleichen Status bescheren sollte. Der Niederländer Marcel van der Westen verursacht einen Fehlstart. Auch Liu springt auf, sprintet einige Meter. Dann humpelt er zurück. Und während viele Reporter ihre Notizen machen und deshalb für einige Sekunden auf ihre Schreibblöcke oder Laptops blicken, geht ein Raunen durch die Arena. Ein fassungsloses, geschocktes, tief enttäuschtes Raunen. Denn der Mann auf Bahn zwei bewegt sich in die falsche Richtung. Zum nächstgelegenen Ausgang.

Liu Xiang muss sich nicht, wie Hunderte andere Leichtathleten, im Zielraum an den Kameras und Mikrofonen der TV-Stationen vorbei aus dem Stadion schlängeln. Nein, Liu Xiang, auf dem die Hoffnungen seiner Landsleute lasteten, entschwindet dort, wo er hineingekommen war in die Arena: Dieser Gang ist eigentlich eine Einbahnstraße. Für Liu Xiang aber sind alle Regeln aufgehoben.

Im offiziellen Ergebnisprotokoll heißt es zunächst, Liu Xiang sei gar nicht gestartet. Die Abkürzung DNS steht für: Did not start. Später wird das Protokoll geändert. Jetzt heißt es: DNF – Did not finish. Denn der Wettbewerb hatte mit dem ersten Startschuss ja begonnen. Liu Xiang hat also an den Spielen teilgenommen. Doch wie? Egal, ob DNS oder DNF, es macht nicht wirklich einen Unterschied.

Sun Haiping gibt wenig später in den Katakomben des Vogelnestes eine Pressekonferenz. Der Saal ist überfüllt. Sun Haiping weint - und zwar heftig. Er wechselt den Dolmetscher aus, weil ihn die Übersetzung nicht zufriedenstellt. Sun Haiping sagt, Liu habe zwei Verletzungen. Eine am Oberschenkel, die belaste ihn schon seit Jahren, aber das habe man immer wieder kurieren können. Das Hauptproblem sei die Achillesferse gewesen, die Schmerzen seien am Sonnabend plötzlich wiedergekommen, obwohl man in den Tagen zuvor noch optimistisch war.

"Ich weiß nicht mehr genau, seit wann es ihn schmerzt, ich glaube seit sechs oder sieben Wochen", sagt Sun. "Wir haben intensiv trainiert, wir haben pausiert. Wir haben alles versucht, aber es nicht hinbekommen." Sun Haiping lobt seinen Schützling, der da bereits aus dem Stadion gebracht worden war: "Ich muss ihm ein Kompliment machen, dass er es trotzdem versucht hat. Liu hat geweint und ist am Boden zerstört. Er hätte nicht einfach so aufgegeben. Es ging nicht mehr."

Liu Xiang hat in diesem Jahr nur ein Rennen bestritten, Ende Mai in New York. In der Zwischenzeit verbesserte der Kubaner Dayron Robles, der Olympiafavorit, seinen Weltrekord. Liu Xiang hat alles probiert und vieles verloren. Liu ist erst 25 Jahre alt. Er könnte noch 2012 und 2016 bei Olympischen Spielen starten. Theoretisch. Doch wer weiß, wie er diesen Schock verarbeitet. Kann er das überhaupt? Kann er sich noch einmal motivieren? Wird er gesund?

Der Druck, der auf Liu lastete, war kaum vorstellbar. In China zählt nur die Goldmedaille, hatte Trainer Sun Haiping schon vorher geklagt. Es gibt keine Entschuldigungen in diesem Land. Sun Haiping weinte. Und Cheftrainer Feng Shouyong sagte: "Er wird zurückkommen, ganz sicher." Vielleicht sogar zum Finale. Als Zuschauer.

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