Sommerspiele Madrid hat die besten Chancen auf Olympia 2020

Die IOC-Vollversammlung entscheidet über den Austragungsort der Sommerspiele 2020. Es könnte die knappste Entscheidung seit Jahren werden. Istanbul und Madrid stehen hoch im Kurs. Doch bei der spanischen Präsentation gab es Probleme: einen Stromausfall.

AFP

Aus Buenos Aires berichtet


Die IOC-Vollversammlung hat begonnen. Die Präsentation der Kandidaten für die Olympischen Sommerspiele 2020 läuft. Als erste Bewerberstadt präsentierte sich Istanbul vor den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), es folgen Tokio und Madrid. Die türkische Delegation wird vom Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan angeführt. Der Auflauf von Politikern und Blaublütern ist wieder enorm.

Obgleich manche VIPs nicht jeden IOC-Termin wahrnehmen. Willem-Alexander zum Beispiel, frisch gekrönter König der Niederlande, verschwand am Freitagabend früher aus dem Teatro Colón. Begleitet von sechs Leibwächtern eilte er durch die Lobby des Hilton-Hotels - schnurstracks zur Bar, wo er Fußball schauen konnte. Seine königliche Hoheit war not amused, weil die Elftal nur 2:2 in Estland spielte.

Willem-Alexander aber wird nicht abstimmen in Buenos Aires. Er hatte schon vor Jahren erklärt, aus dem IOC zurückzutreten, wenn er die Krone übernimmt. Das ist nun geschehen, sein Platz geht an Camiel Eurlings, einen ehemaligen Minister und jetzigen Boss der Fluggesellschaft KLM. Eurlings wird aber erst nach der Wahl des neuen IOC-Präsidenten gegen Ende der IOC-Session vereidigt.

Um 22 Uhr beginn die Verkündungs-Show

Nachdem das IOC-Exekutivkomitee im Mai 2012 die Mitbewerber Doha und Baku nicht für die Finalrunde zugelassen hatte, ist es das kleinste Bewerberfeld seit Jahrzehnten. Aber auch in diesem Dreikampf wird ein bisschen Weltpolitik gemacht. So soll Russlands Präsident Wladimir Putin zuletzt mehrfach mit Japans Premierminister Shinzo Abe über die Olympia-Bewerbung gesprochen haben, nicht nur beim G20-Gipfel, der gerade in St. Petersburg stattfindet.

Welches Interesse aber könnte Putin an Sommerspielen in Japan haben? Welche wirtschaftlichen Deals stehen möglicherweise dahinter? Immerhin sitzen drei russische IOC-Mitglieder in Buenos Aires im Saal: Witali Smirnow, Schamil Tarpischtschew und Schwimmstar Alexander Popow.

Die drei Bewerberstädte für die Sommerspiele 2020 dürfen sich je 45 Minuten präsentieren, je 25 Minuten stehen für das Frage-und-Antwort-Spiel mit den IOC-Mitgliedern zur Verfügung. Gewählt wird ab 20.45 Uhr (MESZ). Um 22 Uhr beginnt die kleine Show der Verkündung des Olympiagastgebers. Zum sechsten und letzten Mal wird der scheidende IOC-Präsident Jacques Rogge einen Briefumschlag öffnen, den Zettel herausnesteln und den Sieger verkünden. Rogge hat bei ähnlichen Anlässen die Städtenamen Vancouver, London, Sotschi, Rio de Janeiro und Pyeongchang gesagt. Und diesmal?

Vorhersagen sind kaum möglich

Es könnte eine der knappsten Entscheidungen der vergangenen Jahre werden. Vorhersagen sind kaum möglich. Als neuestes Gerücht schwirrte in der Nacht auf Samstag die Botschaft herum, der mächtige IOC-Scheich Ahmed al-Sabbah aus Kuwait sei von Madrid auf Istanbul umgeschwenkt. Welchen Sinn aber sollte das ergeben? Wollte der Scheich nicht immer Istanbul verhindern, damit der Weg frei wäre für Olympische Sommerspiele in der arabischen Welt - am Persischen Golf in Katar beispielsweise? Die Türken stören derlei Pläne, weil sie natürlich auch die muslimische Karte spielen. Noch nie hat Olympia in einem muslimisch geprägten Land Station gemacht.

Trotz jüngster Gerüchte dürfte ein Olympiasieg von Madrid die am leichtesten zu begründende Variante sein. Es stehen finanziell und organisatorisch schwierige und skandalbehaftete Projekte in Sotschi (Winter 2014) und Rio (Sommer 2016) bevor. Dazu Pyeongchang (Winter 2018), das wenig attraktiv ist. Madrid könnte eine gewisse Sicherheit bieten, so merkwürdig das angesichts der wirtschaftlichen Lage in Spanien klingt.

Madrids Vorteil ist trotz Finanzkrise der Fakt, dass dort weniger investiert werden müsste als in Istanbul oder Tokio. Außerdem sprechen die sportpolitischen Konstellationen für Madrid - inklusive der Allianzen des Scheichs al-Sabbah. Das sagenumwobene Stimmenpaket des ehemaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, das einst rund 35 IOC-Mitglieder umfasste, ist zwar viel kleiner geworden. Aber 15 bis 20 Stimmen sollte Juan Antonio Samaranch Junior, der Sohn des vor drei Jahren verstorbenen IOC-Supremo, dennoch sicher haben. Bei den letzten Wahlen für 2012, als London gewann, hatte Madrid in der zweiten Runde die meisten Stimmen (32). Für 2016, als Rio gewann, lag Madrid in der ersten Runde mit 28 Stimmen vorn.

Bei Madrids Präsentation kam es allerdings zu einem Blackout. Die Übertragung aus dem Veranstaltungshotel ins benachbarte Pressezelt brach plötzlich ab. Mehr als 1000 Journalisten saßen im Dunkeln. Rund 15 Minuten dauerte die Unterbrechung, danach konnten die Journalisten ihre Arbeit fortsetzen.

Gegen Tokio spricht Vieles

Für Istanbul spricht die Attraktivität der Stadt, ihre spektakuläre Geschichte. Istanbul hat zweifellos die beste Story und bewirbt sich zum fünften Mal. Gegen Istanbul sprechen die enormen Olympiakosten, der Umgang mit der Demokratiebewegung und diesmal sogar das Dopingproblem. Doping stand beim IOC nie auf der Negativliste, wenn Olympische Spiele vergeben wurden. Diesmal aber könnte das ein Ausschlusskriterium sein.

Lamine Diack beispielsweise, IOC-Mitglied und Präsident des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, hat die vielen Dutzend Dopingfälle der Türken lautstark kritisiert. Die Türkei hat erst seit kurzem eine Anti-Doping-Agentur. Und was NOK-Präsident Ugur Erdener in Buenos Aires vor der IOC-Session zusammen stotterte, als er danach gefragt wurde, war einfach nur peinlich. Erdener, selbst IOC-Mitglied, Arzt und Präsident des Bogenschützen-Weltverbands, wirkte unvorbereitet und extrem unsicher.

Tokio tritt mit einem spektakulären Konzept an. Doch vor allem spricht vieles gegen die japanische Hauptstadt. Der Umgang des Energiekonzerns Tepco und der Regierung mit den jüngsten Entwicklungen in Fukushima sind eigentlich ein Olympia-Ausschlusskriterium. Premierminister Shinzo Abe stellte sich vor das IOC und versprach: "Die Lage ist unter Kontrolle!" Tokio sei nicht gefährdet. Beweise für seine These trug er nicht vor.

Wenn es eine Wahrheit gibt bei derlei Wettbewerben, dann diese: Nirgendwo wird so viel gelogen wie bei Olympiabewerbungen.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
ask187 07.09.2013
1. Madrid
Jap, gebt das Milliardengrab Olympia mal schön an die Spanier .... wir hier Germany zahlen das schon ! Das stackt hinter dem Satz das dort weniger investiert werden müsste.
GerwinZwo 07.09.2013
2. Naja
Zumindest für so eine Prestige-Veranstaltung scheint in Spanien ja noch genug Geld vorhanden zu sein.
derandersdenkende, 07.09.2013
3. Wenn man nach den zuletzt
Zitat von sysopAFPDie IOC-Vollversammlung entscheidet über den Austragungsort der Sommerspiele 2020. Es könnte die knappste Entscheidung seit Jahren werden. Die besten Chancen hat eine europäische Hauptstadt - für Tokio sieht es schlecht aus. http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympische-spiele-2020-madrid-mit-besten-chancen-a-920967.html
praktizierten Kriterien (London) ginge, müßten permanente Kriegshetze und Unterdrückung nationaler Minderheiten (Kurden) den Zuschlag für die Türkei (Istanbul) bringen. Aber noch gibt es die nicht abzuschätzende Unwägbarkeit der Lernfähigkeit und einer möglichen Unabhängigkeit der Entscheider. London gehört zu den tiefsten Nackenschlägen für den Mißbrauich des olympischen Gedankens.
schon,aber 07.09.2013
4. Ach du liebe Zeit
Zitat von sysopAFPDie IOC-Vollversammlung entscheidet über den Austragungsort der Sommerspiele 2020. Es könnte die knappste Entscheidung seit Jahren werden. Die besten Chancen hat eine europäische Hauptstadt - für Tokio sieht es schlecht aus. http://www.spiegel.de/sport/sonst/olympische-spiele-2020-madrid-mit-besten-chancen-a-920967.html
Ha! AUSGERECHNET MADRID! Da bleibt mir doch glatt die Spucke weg. Leute, haltet euren Geldbeutel fest – Denn, wie war das 2004 in Athen? Athen 2004: Wie die Olympischen Spiele Griechenland ruinierten | ZEIT ONLINE (http://www.zeit.de/sport/2012-07/olympia-griechenland-athen-2004-schulden) Wer bezahlt(e) das *nachträglich*? Richtig.
kleonmarvin 07.09.2013
5. ???
Wie kann es sein, dass eine Stadt aus einem Land das fast Pleite ist sehr wahrscheinlich den Zuschlag bekommt?!
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