Olympische Spiele Chinas Internet-Zensur spaltet das IOC

Zerreißprobe im Olympischen Komitee: China unterdrückt im Pekinger Pressezentrum freie Recherche im Internet. Jetzt werfen interne Kritiker IOC-Präsident Rogge vor, dafür offenbar sein Okay gegeben zu haben - Deutschlands Offizielle fordern ihn zum Kampf gegen die Zensur auf.


Hamburg - Michael Vesper findet deutliche Worte zur Sperrung von Internet-Seiten für Olympia-Reporter in Peking. "Die chinesischen Organisatoren schießen mit dieser Zensur ein Eigentor", sagt der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) SPIEGEL ONLINE. "Sie sollten es deshalb ändern."

IOC-Präsident Rogge: Kontroverse innerhalb der eigenen Organisation
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IOC-Präsident Rogge: Kontroverse innerhalb der eigenen Organisation

Wen er jetzt zum Handeln aufgefordert sieht, macht Vesper auch klar: "Dabei vertraue ich dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), da wir als DOSB keine Druckmittel haben." Das IOC werde "sicher noch entsprechende, deutliche Gespräche führen", von denen sich der deutsche Funktionär "einiges" verspricht. Der freie Zugang zum Internet müsse gewährleistet sein, "da zur Pressefreiheit auch das Recht auf freie Recherche gehört - inklusive freiem Internet-Zugang".

Mit dem gleichen Argument hatten zuvor schon Korrespondenten aus aller Welt gegen die Sperrung von Internet-Seiten auf ihren Computern protestiert. Im Olympiapressezentrum ist unter anderem der Zugriff auf Web-Seiten von Menschenrechtsgruppen, Tibet-Aktivisten und westlichen Medien wie der BBC und der Deutschen Welle blockiert, auch die Hongkonger Zeitung "Apple Daily" und die taiwanische "Liberty Times" sind nicht erreichbar. "Die Kontrollen widersprechen dem Umfeld, das die Gastgeber versprochen haben - und stehen im Gegensatz zu den Versicherungen des IOC, dass die Presse wie bei früheren Spielen arbeiten kann", kritisiert der Auslandskorrespondentenclub FCCC.

Auch Amnesty International gibt dem IOC eine Mitverantwortung an der Internet-Zensur. "Die eklatante Zensur beschneidet fundamentale Menschenrechte und ist ein Verrat an allen olympischen Idealen", hieß es in einer Pressemitteilung: "Es ist ein weiteres gebrochenes Versprechen." Das IOC habe mit seiner stillen Diplomatie versagt, sagte China-Expertin der deutschen Sektion, Verena Harpe, im rbb-Inforadio.

IOC-Pressekommissionschef klagt über das IOC

Dass die Kritik so deutlich auf das IOC zielt, ist kein Wunder. Tatsächlich hatte dessen Präsident Jacques Rogge noch vor zwei Wochen versprochen, Journalisten könnten frei in Peking recherchieren und berichten.

Auch im IOC wird die Entscheidung offen kritisiert - die Organisation steht vor einer Zerreißprobe. IOC-Pressekommissionschef Kevan Gosper sagte, es würde ihn wundern, wenn IOC-Präsident Jacques Rogge über die Zensuraktion nicht "zumindest informiert" worden wäre. Er selbst habe erst in Peking erfahren, dass sich die grundlegenden Regeln für die Berichterstattung geändert hätten, sagte Gosper: "Das muss sich auf eine Übereinkunft beziehen, an der ich keinen Anteil hatte. Auch mir wurden von Seiten des IOC wichtige Informationen vorenthalten."

Hätte man "rechtzeitig davon gewusst, würden wir uns nicht in dieser Situation befinden", sagte Gosper. Dies sei jetzt mit Sicherheit nicht, was man den internationalen Medien garantiert habe - "und es widerspricht den normalen Bedingungen für die Berichterstattung von Olympischen Spielen". Der Pressekommissionschef sagte, er sehe sich innerhalb des IOC "ein bisschen isoliert".

Rogge wollte sich bei seiner Ankunft am Donnerstag am Pekinger Flughafen nicht zu den Regelungen äußern. Er steht dem IOC seit 2001 vor und hat sich noch nicht festgelegt, ob er weitere vier Jahre weitermachen will. Als möglicher Nachfolger des Belgiers gilt der Deutsche Thomas Bach. Der Wirtschaftsanwalt ist IOC-Vizechef und Chef des DOSB.

IOC-Sprecherin Sandrine Tonge kündigte inzwischen an zu prüfen, "was noch geändert werden kann" - doch die das chinesische Organisationskomitee Bocog und die Regierung bleiben bei ihrer harten Haltung.

Gesperrte Web-Seiten seien nicht zugänglich, weil sie gegen chinesische Gesetze verstießen, sagte Bocog-Sprecher Sun Weide. "Ich hoffe, dass die Presse die Regelungen der chinesischen Gesetze respektiert." Sun Weide verteidigte die Sperrung einiger Internet-Seiten mit Hinweis auf das "nationale Interesse".

China interpretiert frühere Zusagen an das IOC in Richtung einer freien Berichterstattung offenbar plötzlich dahingehend, dass dies auch ohne Zugriff auf "bestimmte Seiten" (Weide) möglich ist. "Wir sind entschlossen, die Maßnahmen anzuwenden und die Regularien effektiv umzusetzen", sagte Liu Jianchao, Sprecher des chinesischen Außenministeriums.

goe/fpf/dpa/sid



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