Stadtforscher über Olympische Spiele "Das Ziel ist nicht, Geld zu sparen, sondern Geld auszugeben"

Christopher Gaffney von der New York University untersucht, wie sich Großevents wie die Olympischen Spiele regional auswirken - und wer davon profitiert.

Christopher Gaffney
Peter Lueders/ DER SPIEGEL

Christopher Gaffney

Ein Interview von und Thilo Neumann


SPIEGEL: Herr Gaffney, warum waren keine Olympischen Spiele der vergangenen Jahrzehnte profitabel?

Gaffney: Nun, sie waren es, nur eben nicht für die Kommunen. Für die Privatwirtschaft sind Olympische Spiele sehr profitabel, für die Steuerzahler können sie sich mit dem jetzigen Geschäftsmodell aber niemals lohnen.

SPIEGEL: Was müsste sich ändern?

Gaffney: Man könnte anfangen, die Spiele an bereits bestehenden Wettkampfstätten auszutragen - keine neue Infrastruktur für Olympia. Oder man könnte das IOC verpflichten, selbst für die Infrastruktur zu bezahlen, die es braucht, um die Spiele auszuführen. Aber darauf würde sich das IOC niemals einlassen.

SPIEGEL: Das würde es aber fair für den Steuerzahler machen?

Gaffney: Nein. Der ganze Sinn der Übung besteht ja nicht darin, Steuergeld zu sparen. Bitte seien Sie nicht beleidigt, aber diese Frage stellen Sie aus einer sehr deutschen Perspektive - dort sind die Machthaber dazu da, dem Gemeinwohl zu dienen. So läuft das aber nicht in Brasilien, China oder Russland. Das Ziel bei Olympia ist nicht, Geld zu sparen, sondern Geld auszugeben. Öffentliches Geld zum Wohle privater Akteure.

SPIEGEL: Warum bewerben sich trotzdem immer noch Städte darum, die Spiele auszurichten?

Gaffney: Es sind nicht die Städte, die sich bewerben, sondern sehr kleine Koalitionen politischer und wirtschaftlicher Eliten. Sie versuchen, die Spiele zu bekommen, damit sie ihre persönlichen Ziele verwirklichen können.

SPIEGEL: Was sind das für Ziele?

Gaffney: Die Ansammlung von Kapital. Die Personen im Bewerbungs- und Organisationsprozess haben unmittelbares politisches und ökonomisches Interesse an der Ausrichtung der Spiele. Bei den Sommerspielen in Los Angeles 2028 zum Beispiel: Der Bürgermeister ist ein reicher Mann, der Interesse an Immobilien, an der Werbeindustrie und am Sport hat.

SPIEGEL: Manchmal geht es bei Olympia aber auch um mehr als Geld.

Olympische Ringe am Strand von Ganneung in Südkorea
DPA

Olympische Ringe am Strand von Ganneung in Südkorea

Gaffney: Ja, Putin waren die Kosten bei den Winterspielen in Sotschi 2014 egal. Er hat politisches Kapital daraus geschlagen und für die Annexion der Krim eingesetzt. Ähnlich war es in Peking 2008. Olympische Spiele sorgen für Legitimität oder eben für politisches Kapital auf internationaler Ebene.

SPIEGEL: Auch in Südkorea?

Gaffney: Ein Schlüsselfaktor für Pyeongchang 2018 und Peking 2022 ist der Wunsch, eine Wintersportindustrie hochzuziehen. Mit der neuen Zugstrecke nach Pyeongchang haben sie die Berge näher an Seoul herangeholt. Das ist ein Immobilien- und ein Wintersport-Tourismus-Deal. Und beides ist subventioniert vom Staat, der die Infrastruktur finanziert.

SPIEGEL: Wird dieser Plan aufgehen?

Gaffney: Nun, er ist schon aufgegangen - für den privaten Sektor! Die Strecke wurde gebaut, mit staatlichem Geld. Egal, was nach den Winterspielen passiert, die Profiteure haben jetzt schon gewonnen. Sobald die Spiele vorbei sind, kann denen alles egal sein, denn die Verträge sind unterschrieben und die Infrastruktur steht, die Grundstücke sind verkauft und die Appartements gebaut. Es sind die Menschen aus dem Tourismussektor, die für Schnee und Besucher beten müssen.

SPIEGEL: Was wird das Vermächtnis von Pyeongchang in fünf Jahren sein?

Gaffney: Es wird großartig sein für die, die sich die Zugtickets leisten können um übers Wochenende von Seoul aus zum Wandern und Skifahren zu reisen. Aber aus ökologischer Sicht ist das Vermächtnis schon jetzt ein Desaster. Vielleicht wird es zudem ein neues Skiresort geben, das alle paar Jahre vom Skiverband Fis in den Rennkalender aufgenommen wird, um den Marktanteil in Ostasien zu erhöhen. Mehr nicht.

SPIEGEL: Immerhin wird die Welt in den nächsten Wochen guten Sport genießen können.

Gaffney: Ja, aber wer wird sich das angucken? Ganz Afrika interessiert sich nicht dafür, niemand in Indien, niemand in Südamerika. Wir reden hier über eine Veranstaltung für Europäer und Nordamerikaner, die in Südkorea aufgeführt werden muss. Wenn sie vorbei ist, werden die Leute den Fernseher abschalten und Schluss. Es wird ihr Leben nicht nachhaltig beeinflussen.

SPIEGEL: Ist Pyeongchang ein weiterer Sargnagel für die Olympische Bewegung?

Gaffney: Das ist die Frage. Wie viel mehr Schaden kann sich die Olympische Bewegung noch selbst zufügen, bevor sie wegen ihrer eigenen Arroganz implodiert? Wie viel mehr Nägel können in diesen Sarg geschlagen werden? Wenn es nach mir ginge, sollten wir keine Olympischen Spiele mehr veranstalten - bis wir endlich eine Idee haben, wie es besser geht.



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