IOC-Beschluss zu Russland Dabei sein ist alles

Trotz belegtem Staatsdoping darf das russische Team teilweise in Rio starten. Das zeigt: Der russische Einfluss auf das IOC ist enorm. Auch der Umgang des Weltverbands mit der Whistleblowerin Julia Stepanowa ist dafür ein Beleg.

IOC-Präsident Thomas Bach (l.) und Wladimir Putin
AFP

IOC-Präsident Thomas Bach (l.) und Wladimir Putin


In jedem Satz, bei jedem Wort war Thomas Bach eine gewaltige Nervosität anzumerken. Er kam häufig ins Stottern, suchte nach Worten und brachte dann oft nur bruchstückhafte Sätze über die Lippen, um zu erklären, was in aller Welt jetzt noch heftiger diskutiert wird, als in den Monaten zuvor - und was nun vor allem die Wettbewerbe der Olympischen Spielen in Rio de Janeiro überschatten wird, die bereits am 3. August mit den ersten Fußballspielen beginnen.

Russlands Sportler dürfen zum großen Teil an den Olympischen Spielen teilnehmen. Das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat unter der Führung des deutschen Präsidenten, der als Sympathisant des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt, beschlossen, das russische NOK nicht zu suspendieren.

Eine Person hat das IOC-Exekutivkomitee aber bereits von den Wettkämpfen ausgeschlossen: Die Whistleblowerin Julia Stepanowa, die sehr wahrscheinlich ihr Leben riskiert hat, als sie heimlich Aufnahmen machte, um das staatlich organisierte Dopingsystem zu belegen, die Dokumente sicherstellte, die der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada schon vor Jahren Informationen zuspielte, die mit ihrem Mann Witali auf der Flucht ist, Russland verlassen musste - und die hoffte, nach ihrer sporthistorischen und weltweit gewürdigten Leistung als Dopingaufklärerin in Rio den 800 Meter Wettbewerb zu bestreiten. Doch im IOC-Kosmos gelten andere Regeln, oder besser: Jene Regeln, die für andere Sportler gelten, gelten nicht für Stepanowa.

Überführte Doper anderer Nationen zum Beispiel, die ihre Sperren abgesessen haben, dürfen in Rio teilnehmen, allen voran der US-Amerikaner Justin Gatlin. Stepanowa war jahrelang im russischen Staatsdopingsystem verfangen, wurde bei einer Kontrolle erwischt und hatte - auch das ist absurd - nicht das Glück, wie mindestens 643 andere Russen, dass ihre positive Probe vernichtet wurde.

Stepanowa wurde zwei Jahre gesperrt. Sie hat gebüßt. Vor allem aber hat sie gewaltige Risiken auf sich genommen und so umfassend ausgepackt, wie kaum jemand zuvor in der olympischen Geschichte. Gegen Ende seines nur halbstündigen Telefontermins am Sonntagnachmittag erklärte der IOC-Präsident Bach erneut stotternd, man dürfe Sportler nicht für ein staatliches Dopingsystem verantwortlich machen. Für Stepanowa gilt das offensichtlich nicht.

Fall Stepanowa: IOC sendet eindeutige politische Botschaften

Dabei erfüllt Stepanowa voll und ganz jene Kriterien, die der Leichtathletik-Weltverband IAAF vor einem Monat aufgestellt hat, und die das IOC gemäß seiner Postulate doch unterstützt. Die angeblich unabhängige Ethikkommission des IOC lieferte dazu eine schwer irritierende Erklärung: Stepanowa erfülle nicht "die ethischen Anforderungen, um an den Olympischen Spielen teilzunehmen". Die olympische Legende Sir Matthew Pinsent, viermaliger Ruder-Olympiasieger aus Großbritannien, erklärte Minuten später auf Twitter: "Die Belohnung für die Zerschlagung der größten Doping-Organisation im Sport ist also dieselbe als hätte man gedopt."

Pinsent hat allerdings etwas übersehen, denn Stepanowa wird mit ihrem Ausschluss gleich doppelt bestraft. Daran ändert nichts, dass das IOC die Familie Stepanow nach Rio einlädt, Unterstützung bei der Fortsetzung ihrer Karriere und bei der Suche nach einem geeigneten Nationalen Olympischen Komitee verspricht. Diese politische Botschaft heißt übersetzt: Julia Stepanowa muss die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes beantragen, um jemals an den Spielen teilnehmen zu können. In Russland ist das nie wieder möglich.

Letztlich spitzt sich die Entscheidung des IOC-Exekutivkomitees auf die vielen Widersprüche im Fall Stepanowa zu. Darin wird ebenso deutlich, wessen politische Interessen die IOC-Führung offenbar vertritt. Russlands Präsident Putin hatte zuvor noch die Gründung einer angeblich unabhängigen Anti-Doping-Kommission angeregt, die von einem Funktionär geführt werden soll, der laut Putin im IOC einen "absolut einwandfreien Ruf" genießt: Witali Smirnow.

Der 81-Jährige war als Nomenklaturkader nicht nur Cheforganisator der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, sondern in zahlreichen Funktionen auch am Aufbau der sowjetischen und russischen Sportsysteme beteiligt, die bis zuletzt erwiesenermaßen Dopingsysteme waren. Smirnows angeblich tadellosen Ruf muss man wegen seiner Beteiligung an zahlreichen dubiosen und korruptionsverdächtigen Vorgängen stark in Frage stellen.

Auch deshalb, weil er im Rahmen des Salt-Lake-City-Bestechungsskandals von seinen IOC-Kollegen eine "ernste Verwarnung" erhielt. Smirnow ist Recherchen russischer Historiker und Aussagen eines damaligen Führungsoffiziers im Sowjetreich zufolge auch KGB-Agent gewesen, wie einst Putin.

Viele Sportverbände werden für Russland entscheiden

Die Teilnahme des russischen olympischen Komitees (ROK) und die Sperre für Stepanowa sind eindeutige politische Botschaften, die das von Bach dominierte IOC-Exekutivkomitee gesendet hat. Das ROK darf allerdings keine Sportler nominieren, die nicht von den 28 olympischen Weltverbänden und anschließend vom IOC als teilnahmeberechtigt erklärt worden sind. Für diese sollen dann verstärkte Dopingkontrollmaßnahmen gelten. Das ist ebenfalls in mehrfacher Hinsicht problematisch, unter anderem weil Doping langfristig zu betrachten ist - wer vor Monaten noch ungestraft und bestens organisiert dopen konnte, wie im Falle Russland eindeutig bewiesen ist, hat in Rio weiter einen Wettbewerbsvorteil.

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Der internationale Tennisverband (ITF) hat bereits bekanntgegeben, dass die russischen Sportler starten dürfen. Einige weitere Weltverbände wie die Ringer (UWW) und Judoka (IJF) haben ebenfalls angekündigt, im Sinne der Russen entscheiden zu wollen. Deren Präsidenten Nenad Lalovic und Marius Vizer gehören nachweislich dem russischen Lager an. Vizer, ein in Budapest residierender Rumäne mit österreichischer Staatsbürgerschaft, hat Putin vor Jahren zunächst zum Ehrenpräsidenten der Europäischen Judo-Union und danach zum Ehrenpräsidenten der IJF gemacht. In anderen Verbänden sieht das ähnlich aus.

Es mag allerdings sein, dass durch die Durchführungsbestimmungen des IOC-Beschlusses der Einfluss der Verbandspräsidenten auf die Zulassung einzelner Russen geringer wird. Im Detail gibt es allerdings nichts, was die IOC-Führung nicht schon vor Wochen hätte entscheiden können. Nun ist man extrem unter Druck, was sich auch negativ auf saubere Sportler anderer Nationen auswirken wird, die eventuell über die in zahlreichen Verbänden üblichen Quotenregeln nachrücken dürften. Sie erfahren dann erst wenige Tage vor ihrem Wettkampf, dass sie sich in ein Flugzeug nach Brasilien setzen dürfen.

insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
norbert-r 24.07.2016
1. Schändlich, schändlich, schändlich
IOC oder FIFA ... eine korrupte Bande ist das. Schade, dass es nicht mehr Staatsanwälte, wie in den USA gibt, die sich solche Geflechte näher ansehen. Thomas Bach hat dem Sport und dem olympischen Gedanken damit mehr geschadet als das Doping des Herrn Putin.
heinz_schmitz 24.07.2016
2.
Diese antirussische Hetze ist unerträglich! Schon die Kollektivsperre der Leichtathleten entbehrt jeder Logik, wenn man gleichzeitig andere Verbände, gegen die gleichartige Vorwürfe erhoben werden (Stichworte Doping, mangelnde Mitarbeit der nationalen Verbände etc.) unbehelligt bleiben. Und was Stepanowa angeht: Für WELCHEN Verband hätte die denn starten sollen? Falls es Ihnen in Ihrem blinden Russland-Hass nicht aufgefalen sein sollte: Es GIBT bei Olympia keine staatenlosen Starter! Stepanowa hätte also die Staatsbürgerschaft wechseln und dann die Qualifikationskriterien des neuen Nationalverbandes erfüllen müssen, um starten zu können. Nichts davon hat sie getan. Sie ist nach wie vor Russin, darüberhinaus nicht mehr im russsichen Leichtathletik-Verband organisiert, der darüberhinaus vom IAAF für die Spiele gesperrt wurde. Und die Norm des russischen Verbandes erfüllt sie ganz nebenbei aktuell auch nicht. Also WIE hätte sie bei Olympia starten sollen? Und welchen Zweck, wenn nicht nur einen billigen Propaganda-Auftritt in einem sinnlosen Vorlauf hätte sie da erfüllen sollen?
ingolondon 24.07.2016
3. war doch klar
hat ehrlich irgendjemand erwartet, dass das IOC interessiert wäre, dickes geld zu verlieren? prinzipien und "ideale des sports" gibts dort ungefähr soviele wie bei der fifa.
Shoxus 24.07.2016
4. Sorry aber
wo kommen wir denn da hin, wenn wir plötzlich alle sperren. Selbst die, die nicht gedoped haben. Sind wir wieder bei Sippenhaftung angelangt? Wer nicht gedoped hat, soll auch mit machen dürfen. Und mir stellt sich nur die Frage, wie kann es sein, das, wenn staatlich gedoped wurde, es welche gibt die das nicht sind. So wie es die ganze Zeit dargestellt wurde, is wohl jeder in Russland gedoped. Sorry man merkt halt eindeutig, das hier der Sport wieder politisch ausgeschlachtet wird.
usbektimur 24.07.2016
5. Herr Weinreich!
Sehen Sie denn überhaupt kein Problem darin z.B. Schützen und andere Sportler auszuschließen aus Sportarten bei welchen sich überhaupt nicht lohnt zu dopen. Was denken Sie eigentlich über die Unschuldyvermutung? Oder Kollektivbestrafung? Wenns um Russen geht ist es ihnen offenbar egal! Haben Sie überhaupt kein Mitleid mit Sportlern, die 4 Jahre auf dieses Ereignis hingearbeitet haben? Offenbar nicht, in ihren Augen müssen diese Putinwähler bestraft werden.
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