Silber-Gewinnerin Karsch Gut geschützt vor der Öffentlichkeit

Monika Karsch holt die erste Medaille für die deutschen Schützen - erstmals seit vier Jahren bekommt der Sport in Deutschland Aufmerksamkeit. Der Erfolg ist auch Ergebnis einer gnadenlosen Inventur.

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Zu Olympischen Sommerspielen gehört dazu, dass die breite Öffentlichkeit alle vier Jahre ein paar Namen lernen muss. Gerade zu Beginn der Spiele und wenn es nicht gleich nach Wunsch für die deutsche Mannschaft läuft, wird jeder Medaillengewinner abgefeiert - auch jene, von denen abseits von Olympia kaum jemand Notiz nimmt.

Wer vor den Spielen von Rio etwas über Monika Karsch erfahren wollte, musste schon die "Mittelbayerische Zeitung" lesen. Die 33-Jährige, die am Dienstag mit der Sportpistole die Silbermedaille errungen hat, ist bis zu diesem Tage bestenfalls eine regionale Sportgröße gewesen. Die Lokalzeitung hat im Vorfeld von Rio die eine oder andere Geschichte über sie gemacht. Jetzt ist sie plötzlich ein bundesweiter Star. Für einen Tag. Die "Bild"-Zeitung ernannte sie gleich schon mal wenig charmant zur "Baller-Moni", anderswo ist sie die "Schützenkönigin".

Mit Glück ins Olympiateam gerutscht

"Auf einmal ist so viel Trara um unseren in Anführung so popeligen Schießsport", kommentiert Teamkollegin Barbara Engleder ziemlich lässig. 6,4 Millionen Zuschauer verfolgten im ZDF Karschs Finalduell mit der Griechin Anna Korakaki, in einer Sportart, die sonst so gut wie nie im Fernsehen zu sehen ist. Und bei der man alle vier Jahre denkt: Warum ist das eigentlich so? Sportschießen ist doch extrem spannend, es hat eine geradezu klassische Sport-Dramaturgie, es hat sein Publikum, der Schützenbund hat in Deutschland 1,4 Millionen Mitglieder und ist der viertgrößte Sportverband in Deutschland. Aber dann sind die Spiele vorbei, und die Schützen sind wieder ein Fall für die "Mittelbayerische Zeitung".

Dabei gäbe es über Monika Karsch einiges zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte, dass die Sportschützin eigentlich gar nicht für Rio qualifiziert war. Wiederholt verpasste sie bei den Qualifikationswettbewerben die nötige Norm denkbar knapp, manchmal nur um einen einzigen Ring. Es war Karschs vierter Anlauf, an Spielen teilzunehmen, und es schien zum vierten Mal nicht zu klappen. Erst weil der Verband einen sogenannten Quotentausch vornahm und auf zwei Startplätze im Gewehrschießen verzichtete, rutschte Karsch ins Olympiateam. Und hat ihre Chance genutzt.

Monika Karsch
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Monika Karsch

Mit den Schützen war es jahrelang bei Olympia wie mit den Reitern oder den Kanuten. Wenn nichts ging bei den Schwimmern, bei den Leichtathleten, bei den Stars der Mannschaft: Auf sie konnte sich der DOSB dennoch verlassen. Zuverlässige Zulieferer für die Medaillenbilanz. Bis zu den Spielen in London vor vier Jahren.

Nach den Spielen von London alles geändert

2012 war ein Desaster für den Deutschen Schützenbund. Ein Team voller Weltmeister, voller Europameister, voller Routiniers fuhr am Ende ohne jede Medaille nach Hause. Das war man bei den vom Erfolg verwöhnten Schützen nicht gewohnt, und man hat reagiert. Der zuständige Sportdirektor Heiner Gabelmann hat direkt nach den Spielen angefangen, ungeachtet aller Widerstände die Strukturen im Verband umzugraben. Neue Trainer wurden engagiert, die Arbeit in den Stützpunkten verstärkt, der Nachwuchs konsequenter gefördert. Verdiente Athleten und Athletinnen wie die ehemalige Weltschützin Sonja Pfeilschifter wurden aussortiert.

So radikal ist bei den Schützen nie ein- und durchgegriffen worden, wie Gabelmann es nach 2012 getan hat. Es war, wie es oft ist: Es musste erst ein richtiger Misserfolg her, um die Sachen zu ändern, die geändert werden mussten. Gabelmann selbst ist seit mehr als 25 Jahren im Amt, auch er musste wohl das Umdenken lernen.

Jetzt ist man wieder da, wo man vor London war. Mit Karschs Medaille im Rücken ist das Selbstbewusstsein zurück, Gabelmann sagt: "Das war keine kalkulierte Medaille, die dicken Chancen kommen noch." Zum Beispiel bei den Gewehrschützen Henri Junghänel und Daniel Brodmeier am Freitag oder bei den Schnellfeuersportlern Oliver Geis und Christian Reitz, Bronzemedaillengewinner von Peking 2008. Trainer Detlef Glenz sagt über Geis, er sei "wie ein Kettenhund, den ich loslassen muss, eine Kampfsau". Da wird einem fast bange.

Dann gibt es noch Christine Wenzel, vierfache Weltmeisterin im Skeetschießen und trotzdem eine weithin Unbekannte, oder André Link, den 21-jährigen Juniorenweltmeister, sozusagen der Shooting-Star der Szene. Wenn sich die Wünsche des Verbandes erfüllen, gibt es für die deutsche Öffentlichkeit noch viele Namen zu lernen.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
adhortator 10.08.2016
1. Danke.....
...für diesen objektiven Artikel. Ansonsten übt man sich bei SpOn ja im Sportschützen-Bashing, schön dass es auch anders geht.
schensu 10.08.2016
2. Verwunderung?
Dass diese Spitzensportler nur alle 4 Jahre in den medialen Fokus rücken, ist wohl nicht vom Himmel gefallen. Berichtet einfach zwischen den olympischen Spielen auch von diesen Sportarten. Und das verwunderte Augenreiben bliebe uns allen erspart. Ich weiß, das wird schwer - wie soll man schließlich in trauter Kooperation mit dem Kicker auch die letzte Nullinfo aus dem Rasenzirkus noch in eine Schlagzeile gezwungen bekommen... Die Beachvolleyballerinnen Müsch / Friedrichsen haben das in Sydney mal eindrucksvoll auf den Punkt gebracht: "Gold in unseren Sportarten ist nicht alles - Silber ist nichts." Und das liegt alleine an euch Medien! Auch Monika Karsch wird dieser Weg des schnellen Vergessens bei solch erbärmlich selektiv operierenden "Sport"redaktionen nicht erspart bleiben.
Lankoron 10.08.2016
3. Ich finde es toll,
wenn Journalisten darüber schreiben, dass Sportarten nicht bekannt sind. Wieviel Artikel zum Schießsport gabs denn beim Spiegel in den 4 Jahren zwischen den Spielen? Brauch ich ne 2. Hand zum Zählen? Oder die Sendezeit beim öffentlich-rechtlichen Sportfernsehen...wieviel Zeit wurde da den Schützen gewidmet?
Pless1 10.08.2016
4.
---Zitat--- Eine Sportart, die sonst so gut wie nie im Fernsehen zu sehen ist. Und bei der man alle vier Jahre denkt: Warum ist das eigentlich so? Sportschießen ist doch extrem spannend, es hat eine geradezu klassische Sport-Dramaturgie, es hat sein Publikum, der Schützenbund hat in Deutschland 1,4 Millionen Mitglieder und ist der viertgrößte Sportverband in Deutschland ---Zitatende--- Das fragen Sie sich nicht wirklich, warum der Schießsport so ein Schattendasein fristet, oder? Was anderswo ein echter Volkssport ist (Italien, Großbritannien, USA zum Beispiel) steht in Deutschland unter Generalverdacht. Sich privat - in welch harmloser Absicht auch immer - mit Waffen zu befassen ist in vielen Bereichen kaum noch gesellschaftsfähig. Sportschützen, traditionelle Schützenvereine, Jäger oder auch Sammler bekommen zunehmend zu spüren, wie einseitig manche Menschen Toleranz auslegen.
sumse123 10.08.2016
5. ich persönlich
kann mit dieser Sportart nichts anfangen. Schützenvereine finde ich antiquiert. Aber wenn es andere interessiert, dann sollten auch sie ihre Foren und medialen Plattformen haben!
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