Olympische Spiele ohne ARD und ZDF Darüber berichten ist alles

Die Olympischen Spiele werden künftig ohne die Liveübertragungen von ARD und ZDF stattfinden. Zum Glück. Es ist eine Riesenchance für die öffentlich-rechtlichen Sender.

Kathrin Müller-Hohenstein, Moderatorin des ZDF
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Kathrin Müller-Hohenstein, Moderatorin des ZDF

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Olympische Spiele ohne ARD und ZDF: Dressurreiten ohne das Tremolo von Carsten Sostmeier, Schwimmwettbewerbe ohne Ralf Scholt und Franzi van Almsick am Beckenrand und Siegerinterviews ohne Kathrin Müller-Hohenstein - ja, ist denn das überhaupt vorstellbar? Ja, ist es. Und es ist zudem eine Entscheidung, zu der man ARD und ZDF nur beglückwünschen kann. Der Katzenjammer der Öffentlich-Rechtlichen ist komplett fehl am Platze.

Die Olympischen Spiele sind nie das fröhliche Sportfest gewesen, als das sie über Jahrzehnte verkauft wurden. Sie sind zwar immer noch eine Sportveranstaltung, die ihresgleichen sucht und die bei jeder Neuauflage tolle sportliche Geschichten liefert. Aber sie sind gleichermaßen knallhart durchkommerzialisierte Großevents, politisch instrumentalisiert, mit irren Kosten verbunden, ebenso mit Verdrängung von Bevölkerung, mit Umweltzerstörung, nicht zuletzt mit Doping.

Immer mehr Menschen empfinden dieses Unbehagen. Es ist auch ein Unbehagen daran, dass öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten Millionenbeträge dafür ausgeben. Sender, die immer noch den Auftrag haben, das gesellschaftliche und politische Geschehen dieser Welt kritisch und aufklärerisch zu begleiten. Ein Auftrag, der unbestritten schwerer fällt, sofern man selbst Beteiligter an dem großen Spiel ist. ARD und ZDF haben es zuletzt bei den Spielen in Sotschi und Rio schon versucht, sich davon ein Stück freizumachen, haben über die offensichtlichen Missstände ausführlicher berichtet als sonst. Die Aufdeckung des Dopings russischer Sportler im Vorfeld der Sommerspiele ist zum Gutteil auch der ARD zu verdanken gewesen. Aber es blieb ein Spagat. Und im Zweifelsfall siegt das Live-Erlebnis.

Warum ist der Rückzug positiv zu bewerten?

Der Ausstieg von ARD und ZDF aus dem Millionenpoker um Olympia ist nun eine gewaltige Chance. Die Sender sind jetzt ungebunden in ihrer Berichterstattung. Jetzt können sie ohne Zwänge das tun, wofür sie vom Gebührenzahler finanziert werden: Sie können genau und kritisch hinschauen, wenn Wintersportler zum Beispiel 2022 ihren Job in Peking zu tun haben, unter einem autoritären Regime und in einer Stadt, in der 2008 noch Sommerspiele stattgefunden haben. Man kann frei von den Umständen dem Internationalen Olympischen Komitee noch viel strenger auf die Finger schauen. Man kann gänzlich unverstrickt darüber informieren, wie Olympiasieger gemacht werden, im Gewichtheben, im Ringen, in der Leichtathletik, im Schwimmen.

Niemand muss mehr Traumfänger in Fernsehstudios verschenken. Niemand muss sich mehr in dem Zwiespalt fühlen, durch kritisches Berichten eventuell das eigene Produkt zu beschädigen, als Crasher auf der eigenen Party zu erscheinen. Es muss keine peinlichen Verbrüderungen mit den heimischen Sportlern mehr geben, um das nationale Pathos zu bedienen.

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Olympischen Spiele im Fernsehen

Was halten Sie vom Ausstieg von ARD und ZDF?

Es ist die Stunde der kritischen Geister, es ist die Stunde der Journalisten. ARD und ZDF haben genug Potenzial, sie haben auch die Leute dafür, von Hajo Seppelt bis Jessy Wellmer, von Markus Harm bis Jochen Breyer. Es müssen herrliche Zeiten für sie anbrechen. Und die anderen, die Jubelperser, die es natürlich auch gibt, bekommen die großartige Chance, sich noch einmal die Frage zu stellen, warum sie damals bei einem öffentlich-rechtlichen Sender angefangen haben.

ARD und ZDF sind mal bei der Tour de France ausgestiegen, als das flächendeckende Doping in der Szene öffentlich wurde. Es wurde Zeit, dass sie das auch bei den Olympischen Spielen tun. Sie haben es jetzt vorrangig aus finanziellen Gründen gemacht, aber es gäbe genug andere Argumente, diesen Schritt als einen Befreiungsschlag anzusehen. Jetzt können sie ihre Arbeit tun. Das "Jaaaaaaaa" und "Gooooal"-Geschrei können sie getrost ihren Kollegen überlassen.



insgesamt 207 Beiträge
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Klapperschlange 28.11.2016
1. Gratulation, ARD und ZDF.
Endlich mal eine vernünftige Entscheidung! Auf das Pharmafestival kann man verzichten.
räbbi 28.11.2016
2.
Ja, da redet sich wieder einer leicht - alle 2 Jahre mit Hundertschaften um die Welt jetten, die besten Studios, immer ganz vorne mit dabei und jetzt...nix! Die Schockstarre will erstmal überwunden werden. Jetzt so eine Eurosport-Berichterstattung, wo einfach nur 2 Nasen in einer Kabine sitzen und das Weltbild kommentieren...einfach nur Sport, ganz ohne kritische Einordnung, Das is doch nix. Aber keine Sorge, es bleiben ja abseits von Olympia noch die Rechte an Biathlon, Langlauf und Co...dem Doping völlig unverdächtige Sportarten. Kritische Berichterstattung...ja bei den Russen und so. Die Amerikaner beantragen einfach Ausnahmegenehmigungen, dat is total OK.
rjb26 28.11.2016
3. Das ist doch prima
dann kann man zeitverzoegert und kritisch berichten. also immer dann wenn ein deutscher oder ein betreten der Kolonialmacht siegt. wenn dann noch gefuellt werden muss , koennte man russische Sportler nieder machen oder so...
willitsch 28.11.2016
4. Absolut richtig
Ich bin total froh, dass es so gekommen ist. Mein hart verdientes Geld wovon die GEZ finanziert wird sollte wertvoller eingesetzt werden. Sportler anschauen die Doping nehmen aus welchen Gründen auch immer, will ich nicht und auch nicht dafür bezahlen. Mal sehen was für die gesparten Millionen erworben wird.
faceman 28.11.2016
5. Ich teile Ihre Meinung nicht
Es wieder einmal Schade, dass ein Autor der Meinung ist die Weisheit mit dem Löffel gegessen zu haben und seine Meinung als einzig richtig sieht. Ich persönlich finde es sehr Schade, dass ARD/ZDF die Übertragung nicht bekommen haben. Denn als Gebührenzahler sind es für mich die einzigen Highlights weshalb ich überhaupt bereit bin Gebühren zu zahlen. Denn mal abgesehen vom Tatort, welche ich selbst gar nicht anschaue, gibt es für mich leider nichts im Angebot. Den Pilcher oder der übrige Telenovela Kram sind nicht meins, daher kann ich auch umschalten. Doch nach dem jetzt die Olympischen Spiele nicht mehr übertragen werden, werde ich die nächste Petition zur Abschaffung der Gebühren für die öffentlich rechtlichen auch Unterschreiben. Denn meine Interessen werde nicht mehr vertreten und warum soll ich für etwas bezahlen, was ich nicht mehr nutzen kann? Mfg Faceman
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