Para-Leichtathletik-EM "Es ist cool, der Iron Man aus Berlin zu sein"

Ali Lacin wurden beide Unterschenkel amputiert. Eine Reportage über Behindertensport motivierte ihn, dennoch professionell Sport zu treiben. Im Interview verrät er, warum er ausgerechnet Sprinter werden wollte.

Ali Lacin
imago/ DBS-Akademie

Ali Lacin

Von León Küther


SPIEGEL ONLINE: Herr Lacin, Sie betreiben erst seit fünf Jahren Leichtathletik als Leistungssport. Wie ist es dazu gekommen?

Lacin: Sportlich war ich schon immer. Fußball war früher meine Sportart, da war ich Torwart in der Halle. 2011 hat mich ein Freund angerufen und mir von einer Reportage über Behindertensport erzählt. Da wurde über eine Athletin berichtet, die die gleiche Behinderung wie ich hat - Vanessa Low. Nach einem Unfall hat sie beide Beine verloren und ist direkt wieder aufgestanden. Sie ist supererfolgreich. Da habe ich mir gedacht, ich habe meine Behinderung seit der Geburt, du kannst das auch schaffen. Dann habe ich zum Hörer gegriffen, mich bei Dr. Ralf Otto vom PSC Berlin gemeldet und durfte mich vorstellen.

Zur Person
  • Ali Lacin, Jahrgang 1988, ist ein beidseitig oberschenkelamputierter Sprinter, der bei der Para-Leichtathletik-Europameisterschaft über 200 Meter und in einer Mixed-Staffel an den Start gehen wird. Seit fünf Jahren betreibt er Leichtathletik als Leistungssport. Seinen ersten Wettkampf auf europäischer Ebene bestritt der Berliner 2016 bei den Europameisterschaften im italienischen Grosseto.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Sprinter. Warum haben Sie diese Disziplin gewählt?

Lacin: Für mich war klar, dass es nur der Sprint werden kann. Durch meine beidseitige Oberschenkelamputation wollte ich etwas machen, was ich zuvor noch nicht machen konnte. Für mich war es wichtig, eine komplett neue Herausforderung anzugehen. Mein Trainer hat mich in der Entscheidung bestärkt. Meine Sportprothesen habe ich von Vanessa Low bekommen. Allerdings waren diese Prothesen nicht ideal für mich. Nach einem Sturz habe ich mir das Schlüsselbein gebrochen und musste acht Monate pausieren. Inzwischen habe ich spezielle Sportprothesen, die für mich angefertigt wurden.

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SPIEGEL ONLINE: Wie verläuft die Anpassung an solche Prothesen?

Lacin: Man muss erst einmal wieder laufen lernen. Das ist ein ungewohntes Gefühl, sich auf neuen Prothesen zu bewegen. Die Faktoren Statik und Federstärke sind entscheidend. Dazu kommt, dass man auf die richtige Wahl der Schäfte achten muss. Zum Joggen und Sprinten benutzt man Carbonfedern. Durch die Dynamik des Sprintens ist bei meiner Disziplin eine höhere Federstärke gefordert. Über die vergangenen Jahre haben wir viel ausprobiert, Fehler gemacht und anschließend Anpassungen vorgenommen. Aktuell laufe ich mit der Federstärke fünf.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah damals Ihr Trainingsalltag aus?

Lacin: Im ersten Jahr habe ich nur leichte Läufe gemacht und die Prothese kennengelernt. Erst einmal musste ich mich darauf einstellen, wie die Prothese bei verschiedenen Bewegungen reagiert. Das hilft einem auch dabei, Stürze abzufangen. Wie halte und bewege ich meinen Oberkörper? Wie hebe ich die Knie an? Das waren alles Teile der Einheiten in den ersten Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich dieser Prozess mental für Sie angefühlt?

Lacin: Es hat mich auf jeden Fall sehr gefordert. Ich bin eher ein sehr ungeduldiger Mensch. Deshalb kam es auch zum Schlüsselbeinbruch. Ich wollte einfach loslaufen, einfach lossprinten. Danach habe ich mich zurückgenommen und etwas gewartet. Der erste Wettkampf bei den Nordostdeutschen Meisterschaften war ein Event für mich. Es war toll, gegen andere zu sprinten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele haben Sie am Anfang Ihrer sportlichen Laufbahn verfolgt?

Lacin: Es war ein großer Traum von mir, bei internationalen Wettkämpfen an den Start zu gehen. Der allererste Wettkampf auf diesem Niveau war 2016 bei den Europameisterschaften in Grosseto. Dort bin ich Fünfter geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie vereinbaren Sie den sportlichen und beruflichen Alltag miteinander?

Lacin: Mein größter Unterstützer war mein Bruder. Wir haben zusammen das Süßwarengeschäft Sweetstore eröffnet. Als es dann bei mir mit dem Sport immer mehr wurde, ich war viermal unter der Woche trainieren und im Trainingslager, hat er mich immer wieder motiviert und meine Arbeit im Laden übernommen. Inzwischen habe ich mich aber entschlossen, das Unternehmen zu verlassen, weil es auf Dauer nicht so hätte weitergehen können. Aktuell habe ich einen Sponsoringvertrag, bin in Teilzeit tätig und werde für Trainingseinheiten und Wettkämpfe freigestellt.

SPIEGEL ONLINE: Was erhoffen Sie sich bei Ihrer Heim-EM?

Lacin: Ich gehe über 200 Meter und mit der Mixed-Staffel an den Start. Bei den 200 Metern habe ich mir eine Medaille fest vorgenommen. Ich denke, dass ich das auch allen Leuten schuldig bin, die immer an mich geglaubt haben. Natürlich ist es schön, dass meine Familie und Freunde zugucken können. Wenn ich es dann schaffen würde, dass sich in Berlin noch mehr Leute melden, die mit Handicap Sport betreiben wollen, wäre das super.

SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als hätten Sie vor fünf Jahren die richtige Entscheidung getroffen?

Lacin: Ich habe schon vor Schulklassen und Vereinen über meinen Sport und meine Motivation geredet und viele positive Rückmeldungen bekommen. Ich persönlich bin viel selbstbewusster geworden, gehe entspannter durchs Leben. Früher hatte ich Probleme, mich mit meiner Behinderung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die bemitleidenden Blicke waren schmerzhaft für mich. Das ist jetzt komplett anders. Mittlerweile laufe ich in Shorts durch die Gegend, und mir wird viel Respekt entgegengebracht. Kinder nennen mich manchmal Iron Man, und es ist schon cool, der Iron Man aus Berlin zu sein.



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