100-Meter-Hoffnung Popow "Wenn es schief geht, muss ich auf die Fresse kriegen"

Sprinter Heinrich Popow ist die deutsche Hoffnung im 100-Meter-Rennen bei den Paralympischen Spielen. Der einseitig Oberschenkelamputierte ist ein Freund klarer Worte. Er fordert eine ehrliche Bewertung der Leistung von Behindertensportlern: "Ich brauche keinen Artenschutz".

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Manchmal reicht ein Satz, um einen Menschen zu beschreiben. Heinrich Popow hat diesen sogar selbst gesagt: "Wenn mein Arm ab wäre, dann wäre ich Kugelstoßer geworden", verriet der 29-Jährige unlängst dem Magazin "Laufzeit". Wenn ein Hindernis auftritt, dann begreift Popow es als Herausforderung. Nun fehlt dem deutschen Athleten aber kein Arm, sondern ein Unterschenkel. Und deshalb wurde er Sprinter.

Bei den Paralympischen Sommerspielen in Peking 2008 hatte Popow die Silbermedaille über 100 Meter gewonnen, bei der WM im vergangenen Jahr in Neuseeland holte er gar Gold. In London will Popow nun endlich den Paralympics-Sieg.

"Gold, das ist das einzige, was mir noch fehlt.", sagte Popow der "Welt" vor den Spielen: "Ich trainiere doch nicht vier Jahre, um Zweiter zu werden." Popow läuft für Bayer Leverkusen und trainiert dort auch in einer Gruppe mit Nichtbehinderten. "Wir können viel von ihnen lernen", sagt Popow.

Bronze hat Popow bereits sicher - über 200 Meter

Mit neun Jahren verlor der IT-Systemadministrator seinen Unterschenkel. Nach einer Krebserkrankung wurde er ihm prophylaktisch abgenommen, da man befürchtete, dass der Krebs zurückkommen und Methastasen bilden könnte. Popow hat sich mit der Behinderung abgefunden. Mehr noch: "Wenn ich mein Bein wiederbekommen würde und dafür mein jetziges Leben hergeben müsste - ich würde ablehnen."

In London hatte Popow bereits drei Auftritte: Im Weitsprung kam er auf 6,07 Meter und verpasste Bronze nur um vier Zentimeter. Diese Medaille holte er dann im 200-Meter-Rennen der einseitig Oberschenkelamputierten. Und das, obwohl er mit schweren Krämpfen zu kämpfen hatte. Auch mit der 4x100-Meter-Staffel wurde er Dritter.

Doch das war alles nur Vorgeplänkel. Denn am Freitag steht das wichtigste Rennen für Popow auf dem Programm: 100 Meter. Die Strecke hat nicht nur für ihn etwas Mythisches. Bei den Olympischen Spielen ist sie der Höhepunkt, und auch bei den Paralympics zieht dieses Ereignis viele Zuschauer an. War es bei Olympia Usain Bolt, der zum Gold rannte, soll es nun Popows Triumphzug werden.

"Wir haben noch nicht das Niveau der Olympia-Sportler"

Doch Popow empfindet nicht nur Vorfreude vor dem Rennen: Der Wettkampfplan sorgt für Ärger. Während die 100-Meter-Distanz bei den Olympischen Spielen der erste Wettbewerb für Mehrfachstarter ist, haben die Sportler bei den Paralympics bereits Weitsprung, 200- und 400-Meter-Läufe in den Knochen. "Das ist nicht olympia- und leistungssportwürdig. Bolt würde das nicht mit sich machen lassen", sagt Popow.

Der Sprinter hat seine Meinung schon immer sehr deutlich gesagt, und er kämpft um bessere Bedingungen für die Athleten: Vor vier Jahren in Peking beschwerte er sich darüber, dass über ihn und seine Kollegen im Behindertensport nur bei "Aktion Mensch" berichtet werde: "Wir wollen ins Sportstudio", forderte er damals.

Doch im Prämienstreit, der vor Beginn der Paralympics für Aufsehen sorgte, vertritt Popow eine Außenseitermeinung in der Behindertenszene. Während viele seiner Kollegen eine Gleichstellung mit Olympiateilnehmern forderten, die 15.000 Euro für eine Goldmedaille bekommen (Paralympioniken bekommen die Hälfte), überraschte Popow mit einer anderen Aussage: "Man muss ehrlich sagen, wir haben noch nicht das Niveau der Olympia-Sportler. Ich muss mich gegen weitaus weniger Leute durchsetzen als beispielsweise Robert Harting (Diskus-Olympiasieger, d. Red.)."

Popow will keine Gleichstellung aus Mitleid. Popow will die ehrliche Bewertung seiner Leistung. "Ich fordere Respekt und Anerkennung. Aber das heißt auch, dass ich keinen Artenschutz brauche, nur weil ich behindert bin", sagt Popow. "Wenn ich den Mund zu weit aufreiße, und es geht schief, dann muss ich auch auf die Fresse kriegen."

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1lauto 07.09.2012
1. wer oberhald des Knies amputiert ist, der ist oberschenkelamputiert!
"Der einseitig Unterschenkelamputierte ist ein...." "Bronze nur um vier Zentimeter. Diese Medaille holte er dann im 200-Meter-Rennen der einseitig Unterschenkelamputierten. " Ist also falsch. Siehe auch hier : http://en.wikipedia.org/wiki/T42_(classification) er treitt in der Klasse T42 an.
namibian 07.09.2012
2. Keine Pity-Party
Die Paralympics sind zum ersten Mal genauso spannend wie die Olympischen Spiele. Ständig gibt es neue Weltrekorde, ich empfinde die Paralympics als Inspiration. Die Behinderungen werden (zumindest in der englischen Übertragung) kaum thematisiert, die Leistungen der Sportler steht im Mittelpunkt. Ich verbringe genauso viele Stunden vor dem Fernseher wie bei den olympischen Spielen. Selbstverständlich gehört dieses Ereignis ins Sportstudio, und ich bin mir sicher, dass es auf dem besten Wege dahin ist.
traurigewelt 07.09.2012
3. optional
RIchtig gute Einstellung gefällt mir. Und is doch ganz einfach: weniger Medieninteresse & Zuschauerinteresse = weniger Geld.... Je mehr Leute Paraöympics schauen und je besser die Sportler sind, umso mehr werden sie bekommen
schrecklassnach 07.09.2012
4. Warum..
...gibt es eigentlich keinen Live - Ticker bei Spiegel, wie für die Olympischen Spiele?
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