Rollstuhlbasketball: "Hebt Euch das Mitleid für unsere Gegner auf!"

Von Franziska Ringleben

Sie verteidigen, dribbeln, werfen Körbe - und das alles auf vier Rädern. Edina Müller und Maya Lindholm sind Rollstuhlbasketballerinnen, sie sind querschnittgelähmt. In London nehmen sie mit dem deutschen Team an den Paralympischen Sommerspielen teil und träumen von Gold.

Rollstuhlbasketball: Auf quietschenden Reifen Fotos
DPA

Die Reifen quietschen, wenn auf engstem Raum gestoppt oder gewendet wird. Es knallt und scheppert, wenn zwei Spielerinnen mit Höchstgeschwindigkeit ineinander rauschen. Wer Rollstuhlbasketball spielt, muss hart im Nehmen sein. "Das ist nichts für schwache Nerven, kein Mädchensport", sagt Aufbauspielerin Maya Lindholm.

Taktische Fouls sind keine Seltenheit. Wenn es nicht anders geht, wird der Gegenspieler sogar samt Rollstuhl umgeworfen. "Viele unterschätzen Rollstuhlbasketball und können sich nicht vorstellen, dass dahinter ein System steckt und man aggressiv verteidigt", sagt die 21-Jährige, die in der ersten Rollstuhlbasketball-Bundesliga für den Hamburger SV spielt.

Körbe, Spielfeld und Spielzeit haben exakt die gleichen Dimensionen wie im "normalen" Basketball: Der Korb hängt in 3,05 Meter Höhe, gespielt wird vier mal zehn Minuten, bei Gleichstand entscheidet eine fünfminütige Verlängerung. Den Schrittfehler gibt es auch: Nach zwei Schüben an den großen Rädern muss der Spieler den Ball aufprellen. "Nur ein Doppeldribbling haben wir nicht. Der Ball kann gehalten oder auf dem Schoß abgelegt werden, das Dribbling darf beliebig oft zum Anschieben unterbrochen werden", sagt Edina Müller. Sie und Lindholm spielen zusammen beim Hamburger SV und in der Nationalmannschaft. Beide sind querschnittgelähmt.

In London soll es Gold werden

Mit der Nationalmannschaft wollen sie sich bei den Paralympischen Sommerspielen in London eine Medaille sichern. "Die Farbe ist nicht egal", sagt Müller, die mit dem deutschen Team 2008 in Peking Zweite wurde. "Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an die Siegerehrung denke."

Mit Silber will sich die 29-Jährige in diesem Jahr nicht zufrieden geben: "In London ist alles drin." Im ersten Vorrundenspiel kommt es heute gegen die USA zu einer Neuauflage des Endspiels von Peking. Und vier Jahre nach der Finalpleite 2008 will Müller die Halle nicht wieder als Verliererin verlassen.

Sie und Lindholm spielen kraftvoll, treffen zielgenau und sind blitzschnell auf dem Feld unterwegs. So wendig sie im Rollstuhl sind, so hilflos sind sie, wenn sie während des Spiels hinten über kippen. Sie wissen noch, wie es sich anfühlt, einfach aufzustehen und loszulaufen, können es aber nicht mehr.

Fühlen sich nach Lähmung selbstständiger als vorher

Als Lindholm 13 Jahre alt war, wachte sie plötzlich mit starken Rückenschmerzen auf. Einige Stunden später konnte sie ihre Beine nicht mehr bewegen. Ihr Arzt diagnostizierte eine Rückenmarkentzündung. "Woher die kam, weiß bis heute keiner", sagt Lindholm. Über Rückenschmerzen klagte auch Müller, als sie 16 Jahre alt war. Der behandelnde Orthopäde renkte sie falsch ein, seitdem ist auch sie an den Rollstuhl gefesselt.

"Meine Gedanken damals? Das ist nicht zu beschreiben", sagt Lindholm. Sie musste lernen, sich wieder selbst anzuziehen. Auch ein Schulwechsel in eine Einrichtung mit Integrationsklasse stand an. "Alles veränderte sich plötzlich."

Während der Reha fassten Lindholm und Müller neuen Lebensmut und entdeckten den Rollstuhlsport für sich. Beim Basketball blieben sie schließlich hängen. "Die Geschwindigkeit gibt mir den Kick", sagt Müller. Sie und Lindholm bemerkten, dass sie trotz Behinderung viele Möglichkeiten haben, ihr Leben abwechslungsreich zu gestalten.

"Alle denken, das Schlimmste sei, im Rollstuhl sitzen zu müssen. Viel schlimmer ist es aber, von anderen Menschen abhängig zu sein", sagt Lindholm. Heute fühlen sich die beiden selbstständiger, als vor ihrer Lähmung: "Weil uns das noch wichtiger geworden ist", so Müller.

Wenn sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind, wird ihnen meist wenig zugetraut. "Viele Leute schieben einen ungefragt, wenn man gerade eine Treppe runterfährt. Auch wenn man sagt, man brauche keine Hilfe. Ich habe das Gefühl, mich immer dafür rechtfertigen zu müssen, dass es mir gut geht, obwohl ich behindert bin", sagt Müller. Mitleid ist das letzte, was die beiden wollen. "Hebt euch das lieber für unsere Gegner auf", sagt Lindholm.

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Paralympics 2012: Die deutschen Stars in London

Paralympische Spiele: Rollstuhlbasketball-Medaillengewinnerinnen seit 1992
Jahr Gold Silber Bronze
2008 USA Deutschland Australien
2004 USA Australien Kanada
2000 Kanada Australien Japan
1996 Kanada Niederlande USA
1992 Kanada USA Niederlande
Paralympische Spiele: Der ewige Medaillenspiegel
Platz Team Gold Silber Bronze
1 USA 666 586 589
2 Großbritannien 493 470 463
3 Deutschland 434 427 400
4 Kanada 339 272 299
5 Australien 294 324 278
6 Frankreich 294 296 285
7 Niederlande 237 204 171
8 China 232 187 135
9 Polen 209 202 177
10 Spanien 191 187 198