Paralympics-Schwimmerin Bruhn: Schluss mit Jammern

Von Franziska Ringleben

Sie dachte an Suizid, als ein Motorradunfall ihr Leben in einen Alptraum verwandelte - Querschnittlähmung. Dann verhalf der Sport Kirsten Bruhn zu neuem Lebensmut. Bei den Paralympischen Sommerspielen in London peilt die Schwimmerin ihren Gold-Hattrick an.

Paralympics 2012: Die Arme sind ihr Motor Fotos
Parapictures Film Production/ Olaf Ballnus

Im Wasser lässt Kirsten Bruhn alle hinter sich. Mit kurzen, kräftigen Zügen - aber ohne Einsatz ihrer Beine - kämpft sie sich durch das Becken. "Es ist nicht nur so, dass meine Beine mich beim Schwimmen nicht unterstützen, sie sind sogar ein Hindernis. Ich muss sie als Gewicht hinter mir her ziehen", sagt Bruhn. Die 42-Jährige zählt zu den schnellsten Handicap-Schwimmern der Welt, ihre Kraft holt sie nur aus der Arm- und Rückenmuskulatur. Kirsten Bruhn ist querschnittgelähmt.

Bei den Paralympischen Spielen 2004 in Athen gewann sie Gold über 100 Meter Brust, zudem zweimal Silber und einmal Bronze. Vier Jahre später in Peking war Bruhn mit fünf Medaillen, darunter erneut Gold über 100 Meter Brust, die erfolgreichste deutsche Athletin. Bei den Paralympics in London will sie nun wieder aufs Podium. "Im Wasser vergesse ich meine Einschränkung komplett", sagt Bruhn. An Land ist sie zur Fortbewegung an den Rollstuhl angewiesen.

1991 wollte sich die damals 21-Jährige ein paar Tage mit ihrem Freund auf der griechischen Insel Kos erholen, bevor ihr Studium in Hamburg beginnen sollte. Ein Motorradunfall sorgte nicht nur für das abrupte Ende des Urlaubs - er beendete ihr Leben, wie sie es bis dahin lebte. "Ich bin so unglücklich mit meinem Gesäß in einer Kuhle gelandet, dass ich nach hinten wegbrach und mich sofort nicht mehr bewegen konnte", sagt Bruhn. Diagnose: Querschnittlähmung.

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Paralympics 2012: Die deutschen Stars in London
Die Behinderung nahm ihr jegliche Lebensperspektive. Zumindest glaubte sie das in der ersten Phase der Rehabilitation. "Ich hatte schon etliche Ideen, wie ich das alles beenden würde: von der Brücke springen oder aus dem Fenster", sagt Bruhn. "Aber dann dachte ich mir, wenn du da unten landest und dann ein Voll-Pflegefall bist, dann beißt du dir in beide Knie."

Nach zwei Monaten intensiver Reha merkte sie, dass gewisse Reaktionen in den Oberschenkeln wiederkamen und sie auch die Kontrolle über ihre Kniescheiben zurückgewann. "Die Ärzte sagten, ich müsste im ersten Jahr die Physiotherapie so extrem gestalten, dass alles gereizt wird, was noch reizbar ist." Bruhn hielt sich an diese Vorgabe und nach kürzester Zeit konnte sie von Beinschienen gestützt im Barren stehen. "Ich war der King. Das war der Punkt, an dem ich dachte, da geht noch etwas."

Tägliche Fortschritte im Training

Bruhn begann, sich auf die Fähigkeiten zu konzentrieren, die ihr geblieben waren. "Ich sagte mir, jetzt ist Schluss mit dem Jammern." Sie entschied sich, wieder regelmäßig zu schwimmen - wie sie es bereits vor ihrem Unfall gemacht hatte. Allmählich stockte sie ihr Trainingsprogramm auf und bemerkte, dass sie täglich Fortschritte machte.

Solch große Fortschritte, dass eine Schwimmkollegin sie fragte, warum sie eigentlich nicht an Wettkämpfen für Behinderte teilnehme. Sie war skeptisch. "Zu realisieren, dass du behindert bist, ist die eine Sache. Aber das dann auch noch mit Stolz und Begeisterung nach außen zu tragen und sich mit anderen Behinderten zu messen, ist eine ganz andere", sagt Bruhn.

Abschied von der internationalen Bühne

Erst zehn Jahre nach ihrem Unfall fand bei ihr ein Umdenken statt: 2002 startete Bruhn zum ersten Mal bei einem Wettkampf für Behinderte. "Ich wurde wieder lebendiger und habe gemerkt, dass mir genau das gefehlt hat", sagt Bruhn. Zwei Jahre später schwamm sie in Athen zu Gold.

Auch wenn sie sich im Wettkampf mit Behinderten misst, setzt Bruhn in der Vorbereitung auf Training mit Nicht-Behinderten. So zieht sie ihre Bahnen Seite an Seite mit Britta Steffen: "Natürlich werde ich gegen Britta immer das Nachsehen haben. Dafür kam sie kaum von der Stelle, als sie sich einmal die Beine zusammengebunden hat, um nachvollziehen zu können, wie ich mich im Wasser bewege."

In London startet Bruhn zum dritten Mal bei den Paralympischen Spielen - und könnte dabei weitaus erfolgreicher als Trainingskollegin Steffen das Londoner Becken verlassen. Am Donnerstag gelang ihr bereits mit der zweitbesten Zeit im Vorlauf der Einzug in das Finale über 100 Meter Rücken, kommenden Montag tritt sie über 100 Meter und einen Tag später über 50 Meter Freistil an. Am siebten Wettkampftag warten 100 Meter Brust, Bruhns Paradedistanz, auf der ihr das dritte Gold in Folge kaum jemand streitig machen kann.

Fest steht, dass Bruhn bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro nicht mehr dabei sein wird. "Viele schaffen den Absprung nicht rechtzeitig. Ich möchte als Athletin abtreten und nicht als alte, kaputte Frau. Ich möchte das Leben danach schmerzfrei genießen. Zwölf Jahre Leistungssport sind genug", sagt sie.

Ihren letzten Wettkampf bestreitet Bruhn bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften 2014 in Berlin, danach ist für sie Schluss. Komplett auf den Sport verzichten wird sie trotz Karriereende nicht: "Ich habe schon immer panische Angst, dass ich zunehme. Im Rollstuhl umso mehr. Daher werde ich mir schon mein Hamsterrad suchen."

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Frau Bruhn und
taladega 30.08.2012
Zitat von sysopSeit über 20 Jahren ist sie behindert, nach der Diagnose Querschnittslähmung dachte Kirsten Bruhn an Selbstmord - doch der Sport verhalf ihr zu neuem Lebensmut. Bei den Paralympischen Sommerspielen in London peilt die Schwimmerin ihren Gold-Hattrick an. Paralympics 2012 Schwimmerin Kirsten Bruhn - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,850918,00.html)
alle Sportler der Paralympischen Sommerspiele verdienen für deren Kampfeswille und Lebensmut meinen Respekt und Hochachtung. Eine Schande sind die Schweinsteigers und Co, die wegen einem verlorenen Finale oder einem verstauchten Zeh jammern und keine Leistung bringen, aber trotzdem nicht auf ihre Millionen verzichten wollen.
2. Ich könnte heulen
spiekr 30.08.2012
vor Hochachtung vor diesen Sportlern und allen anderen Behinderten und Benachteiligten, die sich solche Mühe geben. Davon können sich viele Unbehinderte ein Stück abschneiden. Das passive Gejammer über die "unperfekte" Welt speist sich überwiegend aus Enttäuschung über sich selbst.
3. Katrin Green........
eric1512 30.08.2012
ist für mich die inspirierendste Teilnehmerin der diesjährigen Paralympics. http://sport.t-online.de/behindertensport-grosse-geste-von-katrin-green/id_44229600/index http://www.bmi.bund.de/FairPlay/DE/Jurybegruendungen/Green/green_node.html http://www.google.de/imgres?q=katrin green&hl=de&sa=X&biw=1024&bih=614&tbm=isch&prmd=imvnso&tbnid=Db8qRAqzcC1cZM:&imgrefurl=http://www.badische-zeitung.de/olympische-spiele/deutsche-athletinnen-holen-zweimal-gold--5053894.html&imgurl=http://ais.badische-zeitung.de/piece/00/4d/1d/b5/5053877.jpg&w=1024&h=768&ei=uj0_UM6bJsqD4gS1y4DICg&zoom=1&iact=hc&vpx=719&vpy=179&dur=3454&hovh=194&hovw=259&tx=194&ty=107&sig=115991725729799430439&page=1&tbnh=126&tbnw=174&start=0&ndsp=18&ved=1t:429,r:5,s:0,i:115 Schade, dass sie in dem Artikel und in der Fotoserie vergessen wurde!
4.
verpiler 30.08.2012
Ist jetzt nichts neues, dass jeder Mensch einen Lebensinhalt sucht. Für die Frau war es halt Sport. Ja, mein Gott, warum auch nicht.
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Deutsche Schwimm-Medaillen bei Paralympischen Sommerspielen
Jahr Gold Silber Bronze Gesamt
1992 20 14 13 47
1996 19 23 14 56
2000 2 10 9 21
2004 5 8 10 23
2008 1 3 5 9

Fotostrecke
Paralympics in London eröffnet: Phantasievoll, fröhlich, akrobatisch und emotional
Paralympische Spiele: Der ewige Medaillenspiegel
Platz Team Gold Silber Bronze
1 USA 666 586 589
2 Großbritannien 493 470 463
3 Deutschland 434 427 400
4 Kanada 339 272 299
5 Australien 294 324 278
6 Frankreich 294 296 285
7 Niederlande 237 204 171
8 China 232 187 135
9 Polen 209 202 177
10 Spanien 191 187 198