Im Wasser lässt Kirsten Bruhn alle hinter sich. Mit kurzen, kräftigen Zügen - aber ohne Einsatz ihrer Beine - kämpft sie sich durch das Becken. "Es ist nicht nur so, dass meine Beine mich beim Schwimmen nicht unterstützen, sie sind sogar ein Hindernis. Ich muss sie als Gewicht hinter mir her ziehen", sagt Bruhn. Die 42-Jährige zählt zu den schnellsten Handicap-Schwimmern der Welt, ihre Kraft holt sie nur aus der Arm- und Rückenmuskulatur. Kirsten Bruhn ist querschnittgelähmt.
Bei den Paralympischen Spielen 2004 in Athen gewann sie Gold über 100 Meter Brust, zudem zweimal Silber und einmal Bronze. Vier Jahre später in Peking war Bruhn mit fünf Medaillen, darunter erneut Gold über 100 Meter Brust, die erfolgreichste deutsche Athletin. Bei den Paralympics in London will sie nun wieder aufs Podium. "Im Wasser vergesse ich meine Einschränkung komplett", sagt Bruhn. An Land ist sie zur Fortbewegung an den Rollstuhl angewiesen.
1991 wollte sich die damals 21-Jährige ein paar Tage mit ihrem Freund auf der griechischen Insel Kos erholen, bevor ihr Studium in Hamburg beginnen sollte. Ein Motorradunfall sorgte nicht nur für das abrupte Ende des Urlaubs - er beendete ihr Leben, wie sie es bis dahin lebte. "Ich bin so unglücklich mit meinem Gesäß in einer Kuhle gelandet, dass ich nach hinten wegbrach und mich sofort nicht mehr bewegen konnte", sagt Bruhn. Diagnose: Querschnittlähmung.
Nach zwei Monaten intensiver Reha merkte sie, dass gewisse Reaktionen in den Oberschenkeln wiederkamen und sie auch die Kontrolle über ihre Kniescheiben zurückgewann. "Die Ärzte sagten, ich müsste im ersten Jahr die Physiotherapie so extrem gestalten, dass alles gereizt wird, was noch reizbar ist." Bruhn hielt sich an diese Vorgabe und nach kürzester Zeit konnte sie von Beinschienen gestützt im Barren stehen. "Ich war der King. Das war der Punkt, an dem ich dachte, da geht noch etwas."
Tägliche Fortschritte im Training
Bruhn begann, sich auf die Fähigkeiten zu konzentrieren, die ihr geblieben waren. "Ich sagte mir, jetzt ist Schluss mit dem Jammern." Sie entschied sich, wieder regelmäßig zu schwimmen - wie sie es bereits vor ihrem Unfall gemacht hatte. Allmählich stockte sie ihr Trainingsprogramm auf und bemerkte, dass sie täglich Fortschritte machte.
Solch große Fortschritte, dass eine Schwimmkollegin sie fragte, warum sie eigentlich nicht an Wettkämpfen für Behinderte teilnehme. Sie war skeptisch. "Zu realisieren, dass du behindert bist, ist die eine Sache. Aber das dann auch noch mit Stolz und Begeisterung nach außen zu tragen und sich mit anderen Behinderten zu messen, ist eine ganz andere", sagt Bruhn.
Abschied von der internationalen Bühne
Erst zehn Jahre nach ihrem Unfall fand bei ihr ein Umdenken statt: 2002 startete Bruhn zum ersten Mal bei einem Wettkampf für Behinderte. "Ich wurde wieder lebendiger und habe gemerkt, dass mir genau das gefehlt hat", sagt Bruhn. Zwei Jahre später schwamm sie in Athen zu Gold.
Auch wenn sie sich im Wettkampf mit Behinderten misst, setzt Bruhn in der Vorbereitung auf Training mit Nicht-Behinderten. So zieht sie ihre Bahnen Seite an Seite mit Britta Steffen: "Natürlich werde ich gegen Britta immer das Nachsehen haben. Dafür kam sie kaum von der Stelle, als sie sich einmal die Beine zusammengebunden hat, um nachvollziehen zu können, wie ich mich im Wasser bewege."
In London startet Bruhn zum dritten Mal bei den Paralympischen Spielen - und könnte dabei weitaus erfolgreicher als Trainingskollegin Steffen das Londoner Becken verlassen. Am Donnerstag gelang ihr bereits mit der zweitbesten Zeit im Vorlauf der Einzug in das Finale über 100 Meter Rücken, kommenden Montag tritt sie über 100 Meter und einen Tag später über 50 Meter Freistil an. Am siebten Wettkampftag warten 100 Meter Brust, Bruhns Paradedistanz, auf der ihr das dritte Gold in Folge kaum jemand streitig machen kann.
Fest steht, dass Bruhn bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro nicht mehr dabei sein wird. "Viele schaffen den Absprung nicht rechtzeitig. Ich möchte als Athletin abtreten und nicht als alte, kaputte Frau. Ich möchte das Leben danach schmerzfrei genießen. Zwölf Jahre Leistungssport sind genug", sagt sie.
Ihren letzten Wettkampf bestreitet Bruhn bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften 2014 in Berlin, danach ist für sie Schluss. Komplett auf den Sport verzichten wird sie trotz Karriereende nicht: "Ich habe schon immer panische Angst, dass ich zunehme. Im Rollstuhl umso mehr. Daher werde ich mir schon mein Hamsterrad suchen."
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