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Paralympics-Segler Kröger: "Ich hatte Angst, nur belächelt zu werden"

Von Franziska Ringleben

Bei den Paralympischen Spielen in Sydney holte der deutsche Segler Heiko Kröger die Goldmedaille, zwölf Jahre später geht er in London wieder auf Titeljagd. Der 46-Jährige wurde ohne linken Unterarm geboren und zählt dennoch weltweit zu den Besten im Einmann-Kielboot - auch unter Nichtbehinderten.

Paralympics-Segler Kröger: Mit einer Hand auf Gold-Kurs Fotos
STG/ Wehrmann

Die meisten Menschen bräuchten zum Segeln eher drei Hände. Eine zum Trimmen des Vorsegels, eine weitere zum Bändigen des Großsegels und die dritte zum Steuern mit der Pinne. Doch Heiko Kröger reicht dazu eine Hand. Er kam ohne linken Unterarm auf die Welt. "Woran das genau lag, weiß ich bis heute nicht", sagt der 46-Jährige.

Wenn Kröger segelt, dann verschwindet sein Körper komplett im Schiffsrumpf, nur sein Kopf ragt heraus. Kröger segelt eine "2.4mR", ein Einmann-Kielboot, das bei internationalen und nationalen Regatten sowohl von Sportlern mit Handicap, als auch von Nichtbehinderten gesegelt wird. Es ist unsinkbar und mit wenig Aufwand an die jeweiligen Fähigkeiten - oder Einschränkungen - des Sportlers anzupassen. Kröger lenkt das Kielboot mit den Füßen, die Schoten bedient er mit der verbliebenen Hand. "Entscheidend ist bei dieser Bootsklasse nicht die Physis, sondern der Kopf", sagt Kröger.

Dass diese Einschätzung nicht nur Wunsch, sondern Realität ist, stellte er persönlich unter Beweis, als ihm 2001 die Sensation gelang: Er gewann in der offenen Klasse den Weltmeistertitel im 2.4-Einmann-Kielboot - bei den Nichtbehinderten. Bei den Paralympischen Spielen ein Jahr zuvor in Sydney hatte er sich die Goldmedaille gesichert.

Kröger will "Scharte der vergangenen beiden Male auswetzen"

Die Frage, ob er lieber bei den Olympischen Spielen angetreten wäre - also so wie 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius an den Wettkämpfen für Nichtbehinderte teilgenommen hatte - stellt sich Kröger nicht. Denn seine liebste Bootsklasse ist nur im paralympischen Aufgebot vertreten. "Sie wird oft unterschätzt und nur als Behindertenklasse eingestuft. Einen Start bei Olympia hätte mir zwar keiner verwehren können - wäre aber nur mit einem anderen Boot möglich gewesen. Das wollte ich nicht, meine 2.4mR gefällt mir am besten", sagt Kröger.

Nachdem er bei den Paralympischen Spielen 2004 in Athen und 2008 in Peking "nur" auf dem undankbaren vierten Platz gelandet war, will Kröger an der englischen Südküste, in der Weymouth Bay, auf Sieg segeln: "Die Scharte der vergangenen beiden Male will ich wieder auswetzen. Die Vorbereitung hat sehr viel Kraft gekostet, da möchte ich am Ende des Tages auch abkassieren." Am Samstag startet er in seine ersten beiden Regatten, am kommenden Donnerstag steht fest, wer sich nach insgesamt elf Wettrennen Edelmetall gesichert hat.

Im Gegensatz zum Schwimmen oder der Leichtathletik gibt es in den paralympischen Segelwettkämpfen keine verschiedenen Startklassen oder Zeitzuschriften. Drei Bootsklassen treten bei den Paralympics an. Wer vorne ist, hat gewonnen. "Bei den Olympischen Spielen wird im Hochsprung ja auch nicht plötzlich eine zweite Disziplin für Menschen unter 1,60 Meter eingeführt, damit alle identische Bedingungen haben", sagt Kröger.

Seine Karriere hatte Kröger in einem Feld mit Menschen ohne Handicap begonnen, vor 14 Jahren rang er sich zu einem Wechsel in den Behindertensport durch - trotz Bedenken. "Ich hatte schon Angst, dass ich in eine B-Liga abrutsche, in der man mild belächelt wird", sagt er.

Geringere Prämien für paralympische Medaillengewinner

Doch diese Angst war unberechtigt: Im Segelsport verschwinden körperliche Einschränkungen fast komplett. Behinderte und Nichtbehinderte trainieren zusammen in einer Nationalmannschaft, tragen die gleiche Teamkleidung und erhalten die identische Förderung von ihrem Verband. "Das ist eine Ausnahmeerscheinung, davon sollten sich viele Sportverbände mal eine Scheibe abschneiden", so Kröger.

In anderen Sportarten haben paralympische Athleten meistens das Nachsehen. Ihre Fachverbände sind mit wenigen Ausnahmen ausgegliedert und die Siegesprämien der Deutschen Sporthilfe reichen kaum aus, um den Trainingsaufwand zu decken. Auch Kröger bekam das zu spüren: "Meine Prämie im Jahr 2000 für Gold in Sydney fiel sogar elfmal geringer aus, als die eines Olympiasiegers." Zwar hat die Deutsche Sporthilfe die Prämie für paralympischen Gold in London auf 7500 Euro erhöht, doch ist ihr der Triumph eines Olympioniken immer noch das Doppelte wert.

Erfreulich ist aus seiner Sicht das Interesse der Zuschauer: "Der Stellenwert der Paralympischen Spiele steigt in der Öffentlichkeit immer mehr. Es kommt mir bei diesen Spielen so vor, als stünden nicht mehr nur Prothesen und Rollstühle im Vordergrund, sondern endlich auch die Leistung der Athleten. Unsere Spiele werden nicht mehr als Sommersportfest für bedauernswerte Behinderte eingestuft."

Was nach London kommt, weiß Kröger noch nicht - einen Start 2016 bei den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro will der dann 50-Jährige nicht ausschließen. "Das Alter spielt keine Rolle. Schließlich gibt es den perfekten Segler nicht. Ich lerne immer wieder dazu, Segeln ist jeden Tag eine neue Herausforderung."

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Fotostrecke
Paralympics 2012: Die deutschen Stars in London

Paralympische Spiele: Deutsche Medaillen seit 1992
Jahr Gold Silber Bronze
1992 61 52 48
1996 40 58 51
2000 16 41 38
2004 19 28 32
2008 14 25 20
Paralympische Spiele: Der ewige Medaillenspiegel
Platz Team Gold Silber Bronze
1 USA 666 586 589
2 Großbritannien 493 470 463
3 Deutschland 434 427 400
4 Kanada 339 272 299
5 Australien 294 324 278
6 Frankreich 294 296 285
7 Niederlande 237 204 171
8 China 232 187 135
9 Polen 209 202 177
10 Spanien 191 187 198


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