Von Birger Hamann
Mit dem Ehemann lief es einfach nicht mehr. Das musste sich auch Li Na im Frühjahr schweren Herzens eingestehen. Sie hatte gute Jahre mit Shan Jiang, ihrem Gatten. Aber im April war es an der Zeit, Schluss zu machen. Für Li Na kein leichter Moment. "Ich würde meinem Mann nie sagen: Du bist gefeuert", so die Chinesin. Doch ihre Worte werden ähnliche gewesen sein müssen, schließlich setzte sie ihn vor die Tür.
Vor die Kabinentür wohlgemerkt. Denn Shan Jiang war auch ihr Trainer. "Es war mir einfach zu viel. Wir haben uns drei Jahre lang 24 Stunden am Tag gesehen", begründete die 29-Jährige ihre rein sportliche Trennung. Ende April heuerte sie den Dänen Michael Mortensen als Coach an. Shan Jiang muss sich seither auf die Rolle als Ehemann und Zuschauer beschränken.
Mit dem neuen Trainer kam der Erfolg zurück, der nun in Li Nas - vorerst - größtem Triumph mündete: Sieg bei den French Open in Paris. "Heute ist ein Traum wahr geworden", sagte die Chinesin nach ihrem Zweisatz-Sieg gegen Titelverteidigerin Francesca Schiavone aus Italien. Der Erfolg ist eine logische Konsequenz in der Karriere von Li Na, die immer die Erste gewesen ist.
Seit 1999 schon ist Li Na auf der Profi-Tour unterwegs, gewann im Oktober 2004 als erste Chinesin ein WTA-Turnier. 2006 zog sie in Wimbledon als erste Chinesin ins Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers ein. 2010 gelang ihr der Sprung unter die Top Ten der Weltrangliste, 2011 erreichte sie bei den Australian Open in Melbourne das Endspiel eines Grand-Slam-Turniers - beides als erste Chinesin. "Das ist immer so, weil noch nicht viele chinesische Tennisspielerinnen vor mir da waren", kommentierte sie ihre vielen Premieren humorvoll. Doch nach Lachen war ihr zu Beginn dieses Jahres gar nicht zumute.
Nach dem Erfolg in Melbourne kam der sportliche Tiefpunkt
Dabei hatte 2011 sehr gut für Li Na begonnen. Im Finale des WTA-Turniers von Sydney bezwang sie Kim Clijsters. Anschließend standen sich beide im Endspiel der Australian Open erneut gegenüber, dieses Mal mit dem besseren Ende für die Belgierin. Für Li Na war der Januar dennoch ein herausragender Monat - dann kam der Absturz.
Im Februar und März gewann die Chinesin kein einziges Spiel mehr, schied bei vier Turnieren in Folge in der ersten Runde aus. Li Na befand sich sportlich am Tiefpunkt, nur noch die Trennung von ihrem Trainer Shan Jiang half.
Mortensen übernahm und brachte den Erfolg zurück. Weil er eine andere Art der Ansprache als Li Nas Ehemann fand, "eine positive Art, mir etwas zu sagen". Der Neu-Coach gibt das Kompliment gerne zurück: "Mit ihr zu arbeiten, ist sehr dankbar, weil sie mit ganzem Herzen dabei ist, Ratschläge annimmt und gut umsetzt."
Flinke Beinarbeit und gute Antizipation sind das Erfolgsgeheimnis
Die neue chinesisch-dänische Tennis-Beziehung fruchtete sofort. In Madrid und Rom erreichte Li Na jeweils das Halbfinale. Auf Sand, ausgerechnet. Schließlich hatten die Menschen in ihrem früheren Umfeld ihr jahrelang eingeredet, "dass ich keine gute Sandplatzspielerin wäre. Nach dem zehnten Mal glaubt man es".
Zu was Li Na auf diesem Belag tatsächlich imstande ist zu leisten, konnten die Zuschauer in Paris bestaunen. Im Achtelfinale lag sie im dritten Satz bereits 0:3 gegen die Tschechin Petra Kvitová zurück. Ihr nervöser Mann hielt es auf der Tribüne nicht mehr aus, verließ das Stadion - und plötzlich lief es bei Li Na. Sie gewann sechs Spiele in Folge, siegte 2:6, 6:1, 6:3.
Im Halbfinale traf sie auf die Russin Maria Scharapowa, die gerne auf alles draufhaut, was nach Tennisball aussieht. Mit ihren harten Schlägen hatte sie es bis an die Spitze der Weltrangliste geschafft. Gegen Li Na waren sie nicht hart genug. Weil die Chinesin mit ihrer flinken Beinarbeit und ihrer guten Antizipation immer eine Antwort auf Scharapowas Schläge parat hatte. Das ist die Russin selten gewohnt und verlor 4:6, 5:7. Li Na sagte anschließend: "Ich mag es, gegen sehr hart schlagende Spielerinnen anzutreten."
Im Finale gegen Schiavone war es allerdings die Chinesin selbst, die mit druckvollen Schlägen das Spiel bestimmte. Abgesehen von einer Schwächephase in der Mitte des zweiten Satzes, als ihre italienische Gegnerin die Partie von 2:4 auf 5:4 kurzzeitig drehen konnte, war Li Na das gesamte Endspiel über besser. Eindrucksvoller Beleg ihrer Form war der Tie-Break des zweiten Satzes, als sie keinen einzigen Punkt abgab und 7:0 gewann.
"Sie hat den Sieg verdient", sagte Schiavone anerkennend. Li Nas Erfolg war der erste Grand-Slam-Triumph einer Chinesin, natürlich. Es war sogar der erste Einzelsieg einer asiatischen Tennisspielerin bei einem der vier großen Turniere überhaupt.
Mit ihrem Trainer Michael Mortensen hatte sie Ende April eine Testphase über drei Turniere vereinbart. "Man weiß nie, wie man harmoniert", begründete Li Na die Abmachung. Rom, Madrid und Paris: Anschließend wollten Coach und Spielerin Bilanz ziehen. Man darf davon ausgehen, dass Mortensen der Mann an ihrer Seite bleibt. Rein sportlich natürlich.
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