Phil Taylor im Finale der Darts-WM Der Dart-Arbeiter

Krönt er seine Karriere mit dem 17. WM-Titel? Dass der 57-jährige Phil Taylor bei seiner letzten Darts-Weltmeisterschaft im Finale steht, scheint ein Wunder zu sein. Aber es steckt mehr dahinter.

Phil Taylor
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Phil Taylor


Die Geschichte klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Darts-Legende Phil "The Power" Taylor, der großen Anteil daran hatte, den britischen Kneipensport auf große Bühnen zu bringen und zum weltweit beliebten TV-Event zu machen, könnte im stolzen Alter von 57 Jahren bei seiner letzten WM-Teilnahme noch mal den Titel gewinnen. Im Finale trifft Taylor am Abend (21 Uhr, TV: Sport1, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Shootingstar Rob Cross.

Sollte "The Power" gewinnen, würde er sich zum 17-fachen Weltmeister krönen und den Sockel seines eigenen Denkmals noch weiter erhöhen. Obwohl Taylor der beste Darts-Spieler der Geschichte ist, werden Begriffe wie "Wunder" und "Wintermärchen" bemüht, um das zu beschreiben, was gerade im Londoner Alexandra Palace passiert. Der Grund: Taylors Glanzzeit, in der er das Pfeilewerfen nach Belieben dominierte, liegt eigentlich lange hinter ihm.

Zwischen 1995 und 2002 blieb der ehemalige Fabrikarbeiter aus Stoke-on-Trent bei Weltmeisterschaften unbesiegt, seinen letzten WM-Titel gewann er 2013. Seitdem ist eine neue Generation um den Niederländer Michael van Gerwen nachgerückt, die schneller, härter und noch genauer wirft als er. Taylor konnte das Tempo und die hohen Punktzahlen der Konkurrenz in den vergangenen Jahren nicht mehr mitgehen. Der Rekordweltmeister schien seine "Power" verloren zu haben.

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Darts-WM 2018: Volle Power

Deswegen lag es nahe, ihn abzuschreiben. Doch wer das tat, hat den 57-Jährigen nicht nur unterschätzt, sondern vielleicht auch das Phänomen Phil Taylor nicht wirklich verstanden. Der Grund dafür, dass Taylor über viele Jahre besser war als jeder andere Darts-Spieler auf der Welt, war seine Einstellung zum Sport. "The Power" gilt als akribischer Arbeiter, der immer mehr trainierte als seine Gegner.

Trainieren wie mit der Stechuhr

Geprägt vom Arbeitermilieu in Stoke-on-Trent hat er das Pfeilewerfen immer in erster Linie als seinen Beruf verstanden, dem er so nachging wie ehemalige Kollegen ihrem mühsamen Tagwerk am Fließband. Taylor stand frühmorgens auf und stellte sich für acht, neun oder auch mal zehn Stunden ans Trainingsboard. Wer ihn darüber sprechen hört, wundert sich, dass er keine Stechuhr verwendet hat. Durch die ständige Wiederholung gelang es ihm, seine Handgriffe zu perfektionieren.

Man darf davon ausgehen, dass der Altmeister seinen Abgang von der großen Darts-Bühne ähnlich akribisch geplant hat wie seine gesamte Karriere. Als er Ende Januar 2017 ankündigte, nach dieser Saison zurückzutreten, wusste Taylor vermutlich genau, was er für ein perfektes Ende tun müsste. Anders als in früheren Jahren spielte er nur noch ausgewählte Turniere.

Dass er die übrige Zeit dazu nutzte, im Training an seinen Schwächen zu arbeiten, lässt sich an den Ergebnissen ablesen: Im Sommer gewann er das World Matchplay, nach der WM das zweitwichtigste Turnier des Jahres. Bei zehn weiteren Starts erreichte er sieben Mal mindestens das Halbfinale.

In der "Order of Merit", der Weltrangliste des Darts-Sports, für deren Berechnung Preisgelder der vergangenen beiden Jahre zugrunde gelegt werden, liegt Taylor auf dem sechsten Platz. Nur fünf Spieler waren in dieser Zeit also erfolgreicher als "The Power". Als "Wunder" kann man seinen Einzug ins WM-Finale folglich nicht bezeichnen.

Viele Mitfavoriten früh raus

Natürlich wurde Taylors Weg ins Endspiel auch dadurch begünstigt, dass viele andere hoch eingeschätzte Spieler überraschend früh scheiterten. Beim formschwachen Ex-Weltmeister Adrian Lewis konnte man das vielleicht noch erwarten. Aber dass es auch der Weltranglistenzweite Peter Wright, "Super Chin" Daryl Gurney oder der Österreicher Mensur Suljovic nicht ins Viertelfinale schaffen würden, war vor Beginn der Weltmeisterschaften nicht abzusehen.

Trotzdem hat der Finaleinzug des Rekordweltmeisters wenig Märchenhaftes, sondern ist das Ergebnis konstant guter Leistungen. Immerhin schaltete Taylor im Viertelfinale den zweifachen Champion Gary Anderson aus, erzielte dabei einen Schnitt von über 102 Punkten pro Aufnahme und eine starke Doppelquote von 50 Prozent. Im Halbfinale traf "The Power" sogar mehr als jeden zweiten Dart auf die wichtigen Doppelfelder, die man braucht, um ein Leg oder einen Satz zu gewinnen.

Genau diese Präzision in entscheidenden Momenten könnte Taylor zu seinem 17. WM-Titel verhelfen. Sein Endspielgegner Cross wirft bei seiner allerersten Weltmeisterschaft zwar deutlich mehr Maxima (180 Punkte) und hat auch den leicht besseren Drei-Dart-Average, seine Doppelquote lag in den vergangenen beiden Runden aber unter 40 Prozent. Im dramatischen Halbfinale gegen van Gerwen vergab Cross mehrere Matchdarts, bevor er die Partie im "Sudden-Death-Leg" für sich entschied.

Solche Fehler darf er sich gegen Taylor nicht leisten. Sonst wird das Wunder, das keines ist, am Ende auch noch wirklich wahr.

VIDEO: So zog Taylor ins Finale ein

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aysnvaust 01.01.2018
1. Ich denke auch...
dass Taylor gute Chancen hat, dieses Finale für sich zu entscheiden, aus genau den im Artikel genannten Gründen. Ich wage die Prognose, dass Cross sich in diesem Match auch zu viele Fehler leisten wird und Taylor diese (im Gegensatz zu van Gerwen, der erstaunlich viele Chancen nicht nutzte im Halbfinale gegen Cross) dann auch bestrafen wird. Aber auf längere Sicht ist Cross imho tatsächlich der Spieler mit dem Potential, Taylors Erbe anzutreten und den Dartssport auf Jahre zu dominieren, und zwar sehr viel stärker als ein "Mighty Mike" das tut. Insofern ist dieses Finale in meinen Augen tatsächlich das Traumfinale - der Altmeister übergibt den Staffelstab an seinen Erben - und erteilt ihm zum Abschied noch eine Lektion ;)
noodles64 01.01.2018
2. Taylor Wonderland
Wer auch immer das Finale gewinnt, schreibt Dart Geschichte. Der Newcomer gegen den Altmeister. Es ist die erste Profisaison (2017) für Cross und die letzte für Taylor. Es wird spannend!
sorosch 01.01.2018
3. Völligst egal, wer gewinnt - solange es (HEUTE) Taylor ist
ohne Taylor würde es (wahrscheinlich) keinen Cross, Barni, MVG usw. geben. Ich würde mich Mega über eine Sieg von Wonderland freuen - ab morgen dürfen alle anderen gewinnen. Und selbst wenn Taylor heute keine 250 Prozent abliefern kann - dann sollte Cross ein paar Gänge herunterschalten - nur der Ehre wegen.... ab morgen darf/ist Cross ein ganz Großer sein. Ohne Taylor würde ich kein Dart anschauen... Viel, viel, viel Erfolg heute, Phil.
HaioForler 01.01.2018
4.
Phil,. do it again. Es kommt auch immer auf die Tagesform an. Doch Taylor hat seine bisherigen Matches wesentlich überzeugender gewonnen.
HaioForler 01.01.2018
5.
Zitat von aysnvaustdass Taylor gute Chancen hat, dieses Finale für sich zu entscheiden, aus genau den im Artikel genannten Gründen. Ich wage die Prognose, dass Cross sich in diesem Match auch zu viele Fehler leisten wird und Taylor diese (im Gegensatz zu van Gerwen, der erstaunlich viele Chancen nicht nutzte im Halbfinale gegen Cross) dann auch bestrafen wird. Aber auf längere Sicht ist Cross imho tatsächlich der Spieler mit dem Potential, Taylors Erbe anzutreten und den Dartssport auf Jahre zu dominieren, und zwar sehr viel stärker als ein "Mighty Mike" das tut. Insofern ist dieses Finale in meinen Augen tatsächlich das Traumfinale - der Altmeister übergibt den Staffelstab an seinen Erben - und erteilt ihm zum Abschied noch eine Lektion ;)
Naja, ob's sein Erbe wird (sollte dauerhafte Performance gemeint sein und nicht nur der WM-Titel), bleibt abzuwarten. Die Fußabdrücke sind nicht nur übermächtig groß; sondern selten kommt es auch vor, daß jemand mal gerade "Lauf" hat. Die Frage war für mich, ob Cross bei 10 Dart.Turnieren gegen van Gerwen wirklich 50% oder mehr gewonnen hätte. Aber schauen wir mal. Ich wollte zuerst Karten bestellen und es waren bis vor 6 Tagen noch viele zu haben, dachte mir aber, ohne Taylor wär's nur halb so historisch wertvoll ;) Und nu' isser drin.
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