Darts-Weltmeister Cross High Voltage

Bei seiner ersten Weltmeisterschaft deklassiert Rob Cross die Legende Phil Taylor im Finale. Ist er der legitime Nachfolger des bisher einzigartig erfolgreichen Altmeisters?

Darts-Champion Rob Cross
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Darts-Champion Rob Cross

Von Sven Scharf


Im Siegerinterview auf der Bühne bedankte Rob Cross sich noch einmal bei seinem Onkel. Dieser hatte ihn 2016 dazu überredet, gemeinsam an einem Qualifikationsturnier für ein Profi-Event teilzunehmen. Cross gewann den "Pub Qualifier" und durfte somit als einer von 32 Amateuren an den UK Open teilnehmen. Nach seiner knappen 5:9-Niederlage gegen die Nummer eins der Welt, Michael van Gerwen, beschloss er, es selbst als Profi zu versuchen.

Nicht ganz zwei Jahre später erhält Rob Cross, Kampfname "Voltage", die Sid Waddell Trophy und zeigt dabei eine Größe, die Phil Taylor in seiner Karriere nicht immer bewies. Der WM-Debütant reckt den Pokal zusammen mit dem Rekordweltmeister in die Höhe und teilt seinen bisher größten Moment mit dem Mann, der seine Karriere so gerne mit einem 17. Titel beendet hätte.

Taylor ohne Chance

Dass Cross alles besitzt, um in Phil Taylors Fußstapfen zu treten, bewies er spätestens beim 7:2-Finalerfolg im Londoner Alexandra Palace. Von Beginn an wirkte der 30 Jahre ältere Taylor chancenlos.

Der 27-jährige Cross ließ sich zu keinem Zeitpunkt anmerken, ob sein erstes WM-Finale seinen Puls höher schlagen ließ. Eine unruhige Hand zeigte er nur einmal, als ihm versehentlich ein Wasserglas vom Tisch fiel.

Schnell ging der Außenseiter mit 3:0 in Führung, zeigte sich dabei eiskalt beim Zielen auf die Doppelfelder und wusste zudem mit hohen Check-outs (167, 153) zu gefallen. Taylor spielte mit 102,26 Punkten pro Aufnahme besser als bei seinem 7:1-Halbfinalsieg gegen Jamie Lewis (99,87), wirkte aber die gesamte Partie über so, als wisse er, dass es an diesem Abend für ihn nicht reichen würde.

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Darts WM: Ende Legende

Nur im vierten Durchgang dürfte bei "The Power" kurz Hoffnung aufgekommen sein, als er sich zunächst das erste Leg mit einem 151er-Finish sicherte und sich danach den Satz mit 3:0 schnappte.

Das letzte Aufbäumen des Altmeisters

Im ersten Leg des fünften Satzes verpasste Taylor dann das perfekte Spiel, den 9-Darter, denkbar knapp. Es wäre sein erster bei einer WM gewesen. Der letzte Dart auf die doppelte 12 kratzte aber nur außen am Draht. Es war das letzte Aufbäumen des Altmeisters. Cross gewann nicht nur das Leg, sondern auch den Satz 3:0 und gab sich danach keine Blöße mehr.

"The Power" versuchte es zwar mit allen in 29. Weltmeisterschaften gelernten Tricks. Er interagierte mit dem Publikum, suchte Augenkontakt zu Cross, sprach ihn mehrfach an, um ihn aus der Fassung zu bringen. Cross aber ließ sich nicht darauf ein und gab nur noch einen Durchgang ab.

Die neue Nummer drei der Welt beendete die Partie mit einem Rekord. Sein Check-out von 140 Punkten war das höchste Finish, das je zum WM-Sieg geworfen wurde. Die alte Bestmarke hielt Phil Taylor, der 2010 131 zum Sieg auf null brachte.

Parallelen zu Taylor

Während Taylors Märchen von einem 17. Titel zum Karriereabschluss unvollendet blieb, dürfte der WM-Sieg im Debütjahr nur das erste Kapitel in Cross' Geschichte sein.

Vor einigen Tagen sagte Taylor der Professional Darts Corporation, dass Rob Cross sein Nachfolger sein könnte. Die Art und Weise, wie der Engländer sich seinen ersten WM-Titel erspielte, lässt darauf schließen, dass sein Landsmann Recht haben könnte.

"Voltage" zeigte im Finale seine mit Abstand beste Partie des Turniers, spielte mit 107,67 den zweithöchsten 3-Dart-Average der gesamten WM und den dritthöchsten, der je in einem Finale gespielt wurde. Dazu traf er mit 60 Prozent seiner Würfe auf die Doppelfelder.

Schon in den Runden zuvor zeigte der Mann aus Hastings Parallelen zu Phil Taylors Spiel während dessen Glanzzeiten. In der zweiten Runde überstand Cross Matchdarts von Michael Smith, im Viertelfinale ließ er sich nicht von der Aufholjagd von Dimitri van den Bergh aus der Ruhe bringen, und in der dramatischen Vorschlussrunde gegen Top-Favorit und Titelverteidiger Michael van Gerwen war er es, der am Ende seine Nerven besser im Griff hatte.

Das Finale selbst dürfte den einen oder anderen an das von 1990 erinnern, als ein noch relativ unbekannter Phil Taylor bei seiner ersten WM im Finale den bis dato erfolgreichsten Spieler, Eric Bristow, 6:1 besiegte. Es war damals das Ende der Ära Bristows und der Beginn von Taylors. Und es war das Jahr, in dem Rob Cross geboren wurde.

"Als er (Phil Taylor, Anm. d. Red) seinen ersten Titel gewann, tat ich meinen ersten Atemzug", so Cross nach dem Spiel. Der Sieg sei ein Märchen, sagte Cross weiter. "Vor 15 Jahren war es mein Traum, gegen ihn zu spielen. Es ist phänomenal."

Taylor selbst gab die Blumen zurück: "Er war wie ich vor 25 Jahren: Er war gut, er war unerbittlich und er hörte einfach nicht auf, dich unter Druck zu setzen."

Ob am 1. Januar 2018 auf der Bühne im "Ally Pally" ein neuer Phil Taylor geboren wurde, wird die Zeit zeigen. Rob Cross bringt aber alles mit, was es dafür braucht.

Für Taylor selbst, der schon beim Walk-on feuchte Augen hatte, gab es dann doch noch eine Art Happy End. Der Pokal bei seinem Lieblingsturnier, dem World Matchplay, heißt ab sofort Phil Taylor Trophy.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
carluke2001 02.01.2018
1. "...und zeigte dabei eine Größe, ...
... die Phil Taylor in seiner Karriere nicht immer bewies." Ein wahrer Satz und deshalb habe ich Cross auch von Anfang bis Ende die Daumen gedrückt, hätte aber nicht im Traum gedacht, dass er Taylor so auseinandernehmen würde. Anyway, a most deserved victory. Congrats, Rob!
RamBo-ZamBo 02.01.2018
2. asdf
Unglaublich, wie gut dieser Rob Cross gespielt hat und wie gut er seine Nerven im Griff hat. Man hatte das Gefühl Taylor war es recht verloren zu haben. Gegen MVG hätte Taylor sich niemals so verhalten.
ColynCF 02.01.2018
3. "... und zeigte dabei eine Größe, ..."
Diese Größe ist natürlich dem historischen Event zu verdanken, der letzte Gegner von Phil Taylor gewesen zu sein. Da kam auch ein neuer Weltmeister nicht dran vorbei, zumal Cross allein dadurch unvergeßlich sein wird, dass er die Karriere Taylors beendet hat. Ausschnitte dieses Matches wird man auch in 20 Jahren noch im TV zu sehen bekommen. Zu einer Zeit, wo sonst (vielleicht) niemand mehr den Namen Cross kennt. Denn es gab auch schon andere One Hit Wonders. Aber Cross hat in der Tat das Zeug dazu, länger an der Spitze zu bleiben. MvG wird um seinen Thron bangen müssen. Vor allem, weil Cross nicht mit dem Gepose punktet. Aber selbst wenn er die historische Karriere von Taylor wiederholt (oder gar übertrifft), es wird nicht das gleiche sein. Taylor ist nicht nur durch Darts groß geworden, Darts selbst ist durch Taylor groß gemacht worden (Taylor ist Mitgründer und Anteilseigner der PDC). Die nächste Spielergeneration setzt sich ins gemachte Nest. Aber gestern war ein würdiger Generationenwechsel.
grumpy53 02.01.2018
4. war spannend gestern
naja, vielleicht hat Phil sein letztes Match amders durchgezogen, als man erwartet hat. Einen 9-darter hätte ich ihm noch mal gewünscht, aber es war so oder so eine spannende Partie. Und ja, Cross ist ein Newcomer, dafür hat er aber eine großartige Leistung gezeigt, sich nicht ablenken lassen und anschließend Respekt gezeigt, von dem MvG wirklich noch lernen kann. Aber gerade die unterschiedlichen Charaktere und Auftritte, ob nun Taylor, Anderson, MvG oder eben Cross, machen die Spannung aus. Und wer da leicht vom Sofa aus urteilt, das sei kein Sport oder langweilig, der soll doch Fußball, Tatort oder Musikantenstadl gucken - oder besser raus an die frische Luft. Ich hab die Dart-WM geguckt, trotzdem Zeit für Freunde und Familie, Spaziergänge und nett gemeinsam kochen gehabt, also alles gut. Gratulation an Taylor für seine einzigartige Karriere - und an Cross für brilliantes Spiel.
kranger 02.01.2018
5. Formel 1, Fussball, Tennis, Olympische Spiele...
...ungelogen, mich hat schon lange kein Event mehr so begeistert wie diese Darts WM. Dass da kein Deutscher dabei ist, der auch nur im entferntesten irgendwie Erfolg hat? Wen interessiert's. Der Sport an sich begeistert. Wer Van Gerwen gegen Van Barneveld im Viertelfinale oder Rob Cross gegen van Gerwen im Halbfinale gesehen hat und dann immer noch behauptet, Darts sein kein "echter" Sport, dem ist nicht mehr zu helfen! Wer mal selbst versucht hat, konstant in T20 zu treffen, der kann nachvollziehen, auf welchem Niveau (auch und vor allem mental) diese Jungs unterwegs sind.
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