Platz drei bei WM "Eine große Sache für den deutschen Basketball"

Das deutsche Basketball-Nationalteam hat seine großartige Vorstellung bei der WM in Indianapolis mit dem Gewinn der Bronzemedaille gekrönt. Die DBB-Auswahl überrannte Neuseeland im Spiel um den dritten Platz.

Von Andreas Lampert, Indianapolis


Happy End: Dirk Nowitzki und seine Spielgefährten gewinnen das Spiel um Platz drei
REUTERS

Happy End: Dirk Nowitzki und seine Spielgefährten gewinnen das Spiel um Platz drei

Indianapolis - Jörg Lütcke kam mit einer Flasche Bier in die Mixed Zone. "Ah, schmeckt das gut", freute sich der Berliner, obwohl er sich nicht sicher war, ob er dabei nicht eine illegale Tat bestreiten würde. "Ich glaube, ich brauch' eine braune Papiertüte, weil man Bier hier nicht öffentlich trinken darf." Doch die Sorge beim Nationalspieler war unbegründet, die deutschen Basketballer durften feiern, und keiner wollte ihnen den Spaß verderben.

Einige Minuten zuvor hatte die DBB-Auswahl mit einem ungefährdeten 117:94-Sieg über Neuseeland die Bronzemedaille bei der WM gewonnen - der bislang größte Erfolg in der deutschen Basketballgeschichte. Bislang war ein zwölfter Platz bei der WM in Toronto 1994 das beste Ergebnis. Nur in den ersten Minuten der Partie, als die Dreiwurfspezialisten der "Tall Blacks" mit jedem Wurf trafen, lag die deutschen Mannschaft zurück, doch bereits zum Ende des ersten Viertels (35:27) waren die Weichen auf Bronze gestellt.

"Eine Wahnsinnstrefferquote"


Zwischenzeitlich führten Nowitzki & Co. sogar mit 41 Punkten Vorsprung gegen die tapfer kämpfenden Neuseeländer, die im neunten Spiel innerhalb von elf Tagen mit ihren Kräften am Ende waren. "Unsere Benzinkanister waren völlig leer", musste Neuseelands Coach Tab Baldwin anschließend zugeben. "Außerdem hatten die Deutschen eine wahnsinnige Trefferquote." In der Tat fanden 41 von 63 Wurfversuchen (65,1 Prozent) diesmal den Korb und es schien, als wollten sich die deutschen Basketballer den Frust über die knappe Halbfinal-Niederlage gegen Argentinien von der Seele werfen und den Lohn für sieben Wochen harte Arbeit - seit 17. Juli war die Nationalmannschaft unterwegs gewesen - nicht entgehen lassen.

Am Abend zuvor hatte sich die Mannschaft zum gemeinsamen Abendessen bei "Buca di Peppo" getroffen, einem italienischen Restaurant, das auch Schauplatz eines Martin-Scorsese-Films hätte sein können, und sich geschworen, kein zweites "Türkei-Gefühl" aufkommen zu lassen. Bei der EM vor einem Jahr hatte das Team von Bundestrainer Henrik Dettmann das Halbfinale ebenfalls knapp verloren und sich anschließend im Kampf um Bronze den Spaniern mehr oder minder freiwillig ergeben. "Diesmal haben wir uns zusammengesetzt und uns gesagt, dass wir uns zusammenreißen müssen", beschrieb Dirk Nowitzki den Abend, an dem neue Motivation geschöpft wurde.

Kein zweites Bayer Leverkusen


"Wie sich die Mannschaft nach der Niederlage gegen Argentinien aus diesem Stimmungsloch herausgezogen hat, gehört zu den schönsten Überraschungen dieser WM", bewertete DBB-Präsident Roland Geggus die gelungene Aktion. "Wir wollten mit etwas Handfestem nach Hause kommen", fügte Lückte hinzu, "wer weiß, wann sich eine solche Gelegenheit wieder ergibt." Und Marko Pesic, der bereits während des Spiels von den jugoslawischen Zuschauern - das Endspiel zwischen Jugoslawien und Argentinien fand im Anschluss an das "kleine Finale" statt - gefeiert wurde, bewertete den Bronzemedaillengewinn als den größten Erfolg seiner Karriere. "Das hat sich die Mannschaft hier verdient. Wir wollten nicht als das Bayer Leverkusen bei dieser WM enden."

"Das ist eine große Sache für den deutschen Basketball", bewertete Nowitzki diesen dritten WM-Platz. Der NBA-Star von den Dallas Mavericks wurde auf der Siegerehrung auch zum "MVP" (Most Valuable Player) dieses Turniers gekürt wurde. Ein Prädikat, das ihm längst nicht soviel bedeutet wie die Bronzemedaille. "Das Individuelle darf nicht im Vordergrund stehen, deshalb haben wir hier Erfolg gehabt", so der 24-Jährige. Auch Pesic sieht im Teamgeist und Zusammenspiel den Schlüssel zum Aufschwung der deutschen Basketball-Nationalmannschaft: "Wir sind längst nicht mehr so abhängig von Dirk, wie noch vor einem Jahr. Die anderen Spieler haben sich weiterentwickelt. Außerdem haben wir bewiesen, dass wir aus unseren Fehlern lernen können."

Basketballkultur in Deutschland etablieren


Rosige Aussichten für die Zukunft des deutschen Basketballs? "Es ist großartig, eine Medaille zu gewinnen, aber jetzt müssen wir unseren Weg weiter verfolgen", gibt sich Bundestrainer Dettmann ("Ohne Spieler bin ich nichts") auch im Triumph bescheiden. "Unser Ziel muss es sein, in Deutschland eine Basketballkultur zu etablieren." Die Nationalmannschaft hat ihren Teil dazu beigetragen und junge Spieler wie Misan Nikagbatse haben in Indianapolis bewiesen, dass ihnen die Zukunft gehört. "Wir haben hier zeigen können, dass wir auf diesem Level spielen können", so der gelobte Berliner, der bei Olympiakos Piräus unter Vertrag steht. "Nun müssen wir als Mannschaft weiter wachsen."

An Zielen mangelt es den Jungs von Henrik Dettmann nicht. Als kommende Aufgabe steht die EM-Qualifikation für das Turnier in Schweden (5.-14.9. 2003) an, wo die Plätze für das olympische Turnier in Athen vergeben werden. "Die EM wird ein Hammer", ahnt Stephen Arigbabu, Center bei Rhein Energy Cologne. "Da sind wir dann mit einem Mal die Gejagten." Ein völlig neues Gefühl für die deutschen Basketballer.

Deutschland - Neuseeland 117:94
Deutschland:Nowitzki (29 Punkte), Okulaja (21), Pesic (11), Maras (10), Demirel (10), Rödl (9), Lütcke (7), Femerling (6), Nikagbatse (5), Arigbabu (4), Roller (3), Garris (2)
Neuseeland: Jones (26), Penney (19), Cameron (13), Dickel (8), Boucher (8), Book (7), Henare (5), Rampton (4), Flavell (4)
Zuschauer: 10.000



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