NBA-Profi Irving: Stärker als King James

Von Jan Hieronimi

Er vereint die Stärken von Stars wie Chris Paul und Derrick Rose und trifft besser als LeBron James in seiner Premierensaison: Kyrie Irving wird in der NBA wohl Rookie des Jahres werden. Das Basketball-Magazin "FIVE" stellt den Point Guard vor und erzählt, wie sein Vater ihn prägte.

Clevelands Irving (r.): Bessere Statistiken in der Rookie-Saison als LeBron James Zur Großansicht
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Clevelands Irving (r.): Bessere Statistiken in der Rookie-Saison als LeBron James

Cleveland ist eine Stadt im Dunkeln, sie ist Amerikas Schattenseite. Nach Jahrzehnten des Wachstums hat die Finanzkrise die Arbeiterstadt schwer getroffen. Ganze Stadtviertel langsam dahin, ohne dass jemand außerhalb des Bundesstaats Ohios davon Notiz nimmt.

Ähnlich ergeht es dem Profisport in Cleveland. Der NFL-Titel der Browns 1964 ist nur noch eine fade Erinnerung. 2010 beendete dann LeBron James eine kurze Phase überregionaler Aufmerksamkeit, als er seinen Abschied nach Miami bekannt gab. Seitdem ist das Team abgestürzt. Die Cavaliers, der einstige Publikumsmagnet, zogen plötzlich die wenigsten Fans bei Auswärtsspielen an - eine Saison fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu Recht.

Denn eine miese, 26 Spiele währende Niederlagenserie war Bestandteil der Spielzeit 2010/2011 mit insgesamt 63 Pleiten und nur 19 Siegen. Doch die fehlende Aufmerksamkeit, sorgte auch dafür, dass Kyrie Irving weitestgehend unbeachtet blieb.

Wochenlang sprach kein Mensch über Irving

Der Rookie liefert bis dato bessere Statistiken als James in seiner Premiere-Saison ab. Irvings 18,1 Punkte und 5 Assists bei 50 Prozent Trefferquote aus dem Feld und 40 Prozent bei Dreiern toppen die damals weltweit gefeierten Zahlen von "King James" (16,8 Zähler, 6,3 Vorlagen, 39,9 Prozent aus dem Feld und 31,6 Prozent von außen). Doch - ob es am Lockout liegt oder an dem Mangel an abnormen Dunkings, die sich in Highlight-Shows platzieren lassen - wochenlang sprach kein Mensch über den Point Guard.

Eine Situation, die sich geändert hat. Stan Van Gundy, Trainer der Orlando Magic, sagte: "Mein Gott, mein Gott. Er ist wirklich sehr gut. Er ist lang, schnell, er geht zum Korb, er trifft gute Entscheidungen, er trifft über 40 Prozent von der Dreierlinie, er verteidigt. Ich sehe keinen Grund, warum er nicht auf Augenhöhe mit einem Chris Paul oder Derrick Rose spielen sollte."

Rose und Paul sind zwei Namen, die aufmerksamen Beobachtern fast unweigerlich in den Sinn kommen, wenn sie Irving spielen sehen. Denn der Rookie verbindet das Beste aus beiden Aufbau-Welten. Die kühle Spielintelligenz von Paul trifft auf die explosive Athletik von Rose. Sein Spiel ist Geduld und Drive, Hirn und Spektakel.

"Ich will meine Gegner zerstören"

Irving sagt über sich: "Ich bin einer der wettbewerbsgeilsten Menschen aller Zeiten. Ehrlich gesagt, will ich meine Gegner da draußen zerstören. Das macht mir Spaß - diese Seite habe ich von meinem Vater."

Vater und Sohn - das ist die Geschichte, die nun immer wieder in den Sportzeitschriften zu lesen ist. "Ohne ihn wäre ich nicht der junge Mann, der ich heute bin", sagt Irving. Es ist aber auch eine Geschichte voller Herzschmerz, harter Arbeit und einem Hauch von Basketballgeschichte.

Denn Dederick Irving ist nicht irgendwer. Zu Schulzeiten spielt er an der Seite des späteren NBA-Stars Rod Strickland und ergattert in der Folge ein Stipendium an der Boston University. Er ist kein College-Star, jedoch gut genug, um kurz mit der NBA zu flirten. Danach folgen einige Jahre als Profi, unter anderem in Australien, wo Sohn Kyrie geboren wird.

Nach zwei Jahren kehrt die junge Familie in die USA zurück, wo 24 Monate später das Schicksal hart zuschlägt: Kyries Mutter stirbt plötzlich. Der Basketball wird das Bindeglied zwischen Vater und Sohn. Kaum dass Kyrie laufen kann, sitzt er auf der Ersatzbank und beobachtet das Spielgeschehen.

Mit neun Jahren nimmt er seinen Sohn mit auf die Freiplätze New Yorks, wo der sich gegen die lauten, toughen Großstadtkids durchsetzen soll. Mit 14 kritzelt der Teenager bereits auf ein Stück Papier: "Ziel: in der NBA zu spielen." Als 16-Jähriger schlägt er seinen Vater erstmals im Eins-gegen-eins - 15:0.

Favorit bei der Wahl zum Rookie des Jahres

Fortan setzt der Vater dem Jungtalent immer neue Ziele. "In der achten Klasse sagte er mir, ich würde als bester Point Guard in ganz New Jersey enden. In meinem Senior-Jahr an der Highschool sagte er, ich würde der beste Spieler des Landes werden. Und an der Uni sagte er mir vorher, dass ich der Nummer-eins-Pick der Draft sein würde", sagt Irving. Alles trifft ein.

Und jetzt? Kyrie macht keinen Hehl aus seinem nächsten Ziel. Er will einer der besten Aufbauspieler seiner Zeit werden. Irving führt bereits alle Rookies beim Scoring an, ist zweitbester Assistgeber, liefert die drittbeste Dreier- und die viertbeste Feldwurfquote der Neulinge. Für die Wahl zum Rookie des Jahres gilt er als klarer Favorit.

Wenn Cleveland weiter in Reichweite der Playoff-Plätze bleiben will, muss Irving indes einige Schwachstellen in seinem Spiel ausmerzen. Oftmals fehlt es noch an der ordnenden Hand im Aufbau. Seine Assistwerte von knapp über fünf Vorlagen sind durchaus verbesserungswürdig. Noch hat der Aufbau zudem Probleme mit den Ballverlusten, 3,1 Turnovers produziert er im Schnitt. "Er weiß, woran er arbeiten muss", sagt sein Trainer Byron Scott kurz und knapp.

Genau das tut er.

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1. Wie kommt man an so was ?
albert schulz 28.03.2012
Zitat von sysopAPEr vereint die Stärken von Stars wie Chris Paul und Derrick Rose und trifft besser als LeBron James in seiner Premierensaison: Kyrie Irving wird in der NBA wohl Rookie des Jahres werden. Das Basketball-Magazin "FIVE" stellt den Point Guard vor und erzählt, wie sein Vater ihn prägte. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,823077,00.html
Der reine Wahnsinn. Und so perfekt, daß nur intime Kenner der Materie mitreden können.
2. naja...
gorgfan 28.03.2012
Zitat von albert schulzDer reine Wahnsinn. Und so perfekt, daß nur intime Kenner der Materie mitreden können.
Das liegt hauptsächlich am Randdasein des Basketballs hier Dtl. In den Staaten hat der junge Mann sich schon längst nen Namen gemacht und durch die Koorperation mit der Five wird er auch hier zumindest ein wenig berühmter.
3. Nicht gleich den ganz großen Hammer auspacken!
S. Lorenz 28.03.2012
Zitat von gorgfanDas liegt hauptsächlich am Randdasein des Basketballs hier Dtl. In den Staaten hat der junge Mann sich schon längst nen Namen gemacht und durch die Koorperation mit der Five wird er auch hier zumindest ein wenig berühmter.
Na was hat denn die FIVE denn da für Zahlen ausgegraben? LeBron James' Werte in der Rookie Saison waren zwar zunächst noch nicht überragend, aber am Ende der Saison hatte er im Schnitt 21 Punkte bei 6 rebounds und 5,5 Assists. Und auch die Wurfquote ging rauf auf letzlich knapp 42%. Bei Irving scheint es dagegen ein wenig anders herum zu laufen. War er am Anfang noch extrem effektiv, was sich auch am mangelnden Scouting in der Lock-Our Saison liegt, ist er inzwischen bei normaleren 47% angekommen. Das macht ihn zwar immernoch zum besten Rookie des Jahres, an einen James in dessen erster Saison kommt er dennoch nicht heran. Der Grund warum Irving Anfangs kein großes Thema in den Medien war hat übrigens einen Namen: Ricky Rubio. Der ist zwar deutlich schwächer was den Wurf angeht, ist dafür aber der wohl spektakulärste Aufbauspieler seit White Chocolate. Dazu führte Rubio sein Team, wenn auch mit großer Unterstützung von Kevin Love, bis in die Playoff-Ränge der starken Western Conference, während die Cavs von der Postseason nicht träumen brauchen. Etwas merkwürdig finde ich übrigens die Einschätzung, Irving sei ein guter Verteidiger. Wie ein Analyst auf die Idee kommt, ist mir ein echtes Rätsel. Irving ist einer der schwächsten Verteidiger auf PG-Position in der ganzen Liga, was bei einem Rookie aber durchaus zu erwarten ist. Rubio dagegen gehört bereits jetzt zu den drei besten Verteidigern auf dieser Position.
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Zu einem Basketballteam gehören fünf Akteure. Auf der Eins spielt der Point Guard (Aufbau). Die Zwei hat der Shooting Guard inne, dessen vornehmliche Aufgabe es ist, Punkte zu erzielen. Die Drei ist der Small Forward, eine wendige Flügelkraft mit einem guten Wurf. Spieler, die auf der Zwei oder Drei eingesetzt werden können, heißen "Swingmen". Die Vier ist der Power Forward, ein kräftiger Spieler, der durch seine Größe auch für Rebounds prädestiniert ist. Auf der Fünf spielt der Center, der zumeist in Korbnähe agiert. Die Positionen Eins und Zwei bilden den Backcourt, Drei bis Fünf sind der Frontcourt.

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