Der Raum ist viel zu klein. Lächerlich, nur 30 Stühle stehen darin in Fünferreihen, vorn ist ein kleines Podium in die Ecke gezwängt. Der ärmliche Raum, der sich im gigantischen Hilton-Hotel in Prag versteckt hat, heißt "Athen", was aber sicher nichts zu bedeuten hat. In einer halben Stunde soll hier Pokerweltmeister Pius Heinz seine "internationale Pressekonferenz" geben, und man fragt sich, wo all die Journalisten hin sollen. Die sicher kommen werden.
Heinz ist in Prag, weil hier ein Pokerturnier stattfindet. Heinz ist auch in Prag, weil er von dem Pokeranbieter unter Vertrag genommen worden ist, der das Turnier in Prag ausrichtet. Und weil Heinz in Prag ist, sind auch die Journalisten da, die sicher noch kommen werden.
Heinz ist Anfang November in Las Vegas der erste deutsche Pokerweltmeister geworden und seither ein Medienstar. Die Zeitungen waren voll mit Berichten über den 22-jährigen Kölner, ist ja auch eine beeindruckende Geschichte: junger Student setzt sich in Las Vegas gegen fast 7000 Gegner durch und gewinnt 8,5 Millionen Dollar. Zum ersten Mal hatte ein Deutscher diesen Titel gewonnen. Und dann noch ein so unbekümmerter, kluger und freundlicher.
Boris Beckers erster Tag ohne Gips
In Prag gilt es jetzt zu klären, was ein Monat aus einem jungen Multimillionär macht. Ob 30 Tage einen jungen Mann verändern, der zum Medienstar geworden ist. In fünf Minuten soll Heinz kommen, in dem Raum sind jetzt vier Journalisten. Einer, der für eine Online-Pokerseite arbeitet, berichtet, die Zugriffszahlen seien nach Heinz' Erfolg "deutlich nach oben gegangen". Jedenfalls in den "ersten Tagen". Der Raum wirkt plötzlich sehr groß.
Pius Heinz kommt durch die Tür, graues Kapuzenshirt, Jeans, setzt sich aufs Podium, er lächelt freundlich, schaut offen. Er wirkt abgeklärt, aber nicht arrogant. Es ist das Bild, das sich nach seinem Sieg in Las Vegas ins Gedächtnis gebrannt hat, nur ohne den Berg Geld. Was er sich als Erstes gekauft habe, fragt einer. "Ich habe mir ehrlich gesagt noch nichts gekauft", sagt Heinz. Der Journalist schaut enttäuscht. Heinz spricht dann 20 Minuten in makellosem Englisch über gesunde Ernährung, Aktien, Poker als Geschicklichkeitsspiel - und über Wimbledon.
Auf dem Flur vor "Athen" ist eine Stunde zuvor ein Mann mit Krücken entlanggehumpelt und in einem Nebenraum verschwunden. Boris Becker, graues Sakko, schwarzes Poloshirt, hat sich vor Wochen beim Fußball den Knöchel gebrochen, das hier ist sein erster Tag ohne Gips. Auch Becker wird in Prag pokern. Er steht bei dem gleichen Pokeranbieter wie Heinz unter Vertrag. Was Heinz fürs Pokern werden soll, war der Mann mit den Krücken für das Tennis, als er vor 25 Jahren Wimbledon gewann: Becker löste einen gigantischen Hype aus.
Zwei Botschafter des Pokers
"Was ist denn schwieriger zu gewinnen: Wimbledon oder das Main Event in Las Vegas?", wird Heinz gefragt. Der Pokerprofi lächelt und erklärt, das könne man bestimmt nicht vergleichen. Am Ende siegt der Diplomat in ihm, er erklärt das Tennis-Mekka zur größeren Herausforderung. Wimbledon und Vegas, diese Analogie fand sich auch in vielen Texten nach dem WM-Titel von Pius Heinz, die US-Glücksspielmetropole wird darin zu einer ähnlich bedeutsamen Wegmarke wie Wimbledon, was natürlich hanebüchen ist. 1985 waren plötzlich die Tennisschläger ausverkauft und Tennisclubs ausgebucht. Jeder spielte plötzlich Tennis.
Nach Heinz' WM-Titel sucht man neue Pokerclubs vergeblich. Die gab es auch vorher wegen der Gesetzeslage nicht gerade im Überfluss. Pokern im Internet ist nach wie vor eine Grauzone und Poker allgemein stigmatisiert, als ausschließliches Glücksspiel. Immerhin: Dank Pius Heinz fand Poker in den seriösen Medien endlich mal nicht nur im Zusammenhang mit Casino-Überfällen oder Hollywood-Betrügern statt.
Es ist noch ein weiter Weg zur Anerkennung, das weiß auch Heinz. Er will deshalb der "Botschafter des Pokers" sein - und wenn man so will, sitzt im Nebenraum des Prager Hotels sein Vorgänger. Boris Becker ist seit Jahren das deutsche Gesicht des weltgrößten Pokeranbieters, und natürlich wusste man immer, dass er das nicht wegen seines Könnens ist. Unter Neidern gilt als erwiesen, dass Becker weder gut pokert noch viel tut für diesen Job. Beides stimmt nicht. Der Mann wird später am Tag erklären, er werde im nächsten Jahr "noch mehr Zeit" für Poker verwenden. Und dass er besser ist als sein Ruf, werde ich am eigenen Leib erfahren.
Wie ein Telekom-Aktionär
Im Raum "Barcelona" kommt es am Nachmittag zu einem kleinen Turnier. Sechs Journalisten gegen Pius Heinz, auch Sandra Naujoks wird von der PR-Firma des Pokeranbieters eingespannt, die so unvermeidliche wie attraktive wie erfolgreiche deutsche Pokerfrontfrau. Und Boris Becker. Der Mann sitzt entspannt auf seinem Stuhl, er lächelt in die Runde. Ich sitze ihm gegenüber und frage mich, was ich wohl empfinden werde, wenn ich ihn aus dem Turnier genommen habe. Dort sitzt immerhin der Mann, für den ich in den Achtzigern nachts aufgestanden bin, um U.S. Open zu schauen. Ich werde wohl Mitleid haben. Seine Krücken stehen in der Ecke. Bobbele? Krückele.
6000 Chips hat jeder, und es geht überhaupt nicht gut los. 89 in Karo ist meine erste Hand, der Flop ist eine 7 und eine 10 in Karo sowie ein Ass in Pik. Ein Straight-Flush-Draw, aus dem am Ende weder die Straße noch der Flush werden. Eine Minute ist gespielt, ich habe noch 4000 Chips und fühle mich wie einer dieser Telekom-Aktionäre aus den Neunzigern. Wenig später eine hoffnungsvolle Hand: Ass-Dame in Pik - und der Weltmeister hat vor dem Flop auf 400 Chips erhöht. Ich schaue ihn an, er starrt, ich starre zurück und erhöhe auf 1100. Für einen Moment sieht es so aus, dass Heinz wegwirft, doch dann schiebt er alle seine Chips in die Mitte. "Ich bin All-in", sagt er. Aha.
Ich werfe meine Karten offen weg, ein Raunen geht durch die Runde. "Ich hatte Damen, guter Fold", sagt Pius Heinz. Er hätte das nicht tun müssen, aber er entschließt sich, den Amateur aufzubauen. Ein echter Pokerbotschafter. Es sind 20 Minuten gespielt, ich bin bereits das Griechenland an diesem Tisch. Der Rest der Runde wirkt sehr zufrieden.
Lilly Becker soll noch wichtig werden
Vor allem Boris Beckers Chipstapel wächst. In seinem Spiel ist nichts Hektisches, nichts Unüberlegtes. Riskiert er seine Chips, hat er gute Gründe und gute Karten. Auffällig: Wann immer der Champ einen Witz macht, lachen alle. "Ein Mann, ein Wort, eine Frau, ein Wörterbuch. Kennt ihr den? Ist von meiner Mutter." Dann öffnet sich plötzlich die Tür, und seine Ehefrau kommt herein. Ich kannte Lilly Becker bisher nur aus Stefan Raabs klamaukiger Pokerrunde. Es lacht jetzt niemand mehr. Was ich noch nicht weiß: Lilly Becker soll noch wichtig werden an diesem Abend.
Es geht irgendwann ganz schnell. Keine 90 Minuten sind vorbei, ich bekomme Ass-Bube in Pik und schiebe meine Chipreste in die Mitte. Ich bin gerade aufgestanden, als ich ein "Call" höre. Es kommt von Boris Becker, der Ass-König hält. Die Hand, mit der Pius Heinz Weltmeister geworden ist. Ausgerechnet Becker. Ich denke an kleine Fische, die im Poker immer von den großen gefressen werden. Becker, der Hecht. Beckerhecht. In der Tasche balle ich die Beckerfaust - und gratuliere.
Eine halbe Stunde später sitze ich mit Sandra Naujoks und Lilly Becker an einem kleinen Holztisch und spiele Cashgame. Es ist ein bisschen wie bei Stefan Raab, die Laune ist super, das Poker nicht so. Die beiden wirklich netten Frauen unterhalten sich über Pferde, ich gewinne eine Hand nach der anderen. Geht doch.
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