Von Lasse König
"Poker boomt in Deutschland!" Diesen Satz hat man in den vergangenen Jahren sehr, sehr oft gelesen. Immer wieder fand er sich in Artikeln. Egal, ob Politiker in Schleswig-Holstein sich zum Glücksspielstaatsvertrag äußerten oder irgendwo mal wieder ein Casino ausgeraubt wurde.
Leider stimmt die Aussage nicht. Sicher, Poker ist beliebt, Poker ist verbreitet, Poker ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber ein Boom? Jeder kennt ja auch jemanden, der einen Schnellkochtopf hat. Oder Skat spielt. Aber würde man deshalb von einem Skat-Boom sprechen? Einen Boom kann nur etwas auslösen, das neu ist. Und die wilden Zeiten des Poker-Aufbruchs sind in Deutschland schon seit dem Online-Hype vor zwei Jahren passé.
Glaubte man.
Denn nun hat ein junger Deutscher etwas geschafft, was noch nie da war. Etwas ganz Neues. Pius Heinz hat das Main Event gewonnen, das berühmteste und größte Turnier, das es gibt - und von dem man nur zu hoffen wagte, dass es in den nächsten 50 Jahren mal ein deutscher Spieler gewinnen würde. 6865 Teilnehmer waren es diesmal, 4614 davon US-Amerikaner und nur 158 Deutsche.
Mit Glück an den Finaltisch
Heinz hat nun im Penn & Teller Theatre zu Las Vegas den Scoop seines Lebens gelandet. Manche sagen, er habe es nur mit Glück an den Finaltisch geschafft. Aber Poker ist auch Glück, zumal in einem Turnier, das über zehn Tage geht und jeden Tag acht bis zwölf Stunden.
Dass ausgerechnet Ass-König zu der Hand wurde, mit der er Dienstagnacht in Las Vegas das Main Event gewann, ist eine Ironie dieser Erfolgsgeschichte. Noch nie wurde ein Main Event mit Ass-König gewonnen. Bisher nannte man die Hand scherzhaft "Anna Kurnikowa", weil sie "gut aussieht, aber selten gewinnt". Vielleicht heißt sie irgendwann die Pius-Heinz-Hand.
Aber was bedeutet das für den 22-Jährigen, der sein Wirtschaftspsychologie-Studium geschmissen hat und nun mit dem Ruhm umgehen muss - und mit viel Geld? Umgerechnet 6,3 Millionen Euro hat er für den Triumph kassiert. Wie also kommt Pius Heinz mit der Rolle klar, in die er nun gedrängt werden wird, vor allem von dem Poker-Anbieter, der ihn eben unter Vertrag genommen hat und sein ganz eigenes Interesse an einem Poker-Boom in Deutschland hat. Dass der kommen wird, ist ja nicht mehr die Frage. Sondern nur, wie groß er ausfallen wird.
Der Urvater des Poker-Hypes
Denn dass Main-Event-Sieger einen Hype auslösen können, hat 2008 der Däne Peter Eastgate gezeigt. Der damals 22-Jährige wurde zum Vorbild für die skandinavische Jugend, die im Internet schnell lernte und heute die europäische Poker-Szene aufrollt. Joseph Hachem machte Poker durch seinen Sieg 2006 in Australien populär; Jerry Yang, obwohl US-Bürger, in Asien.
Der Urvater dieser Boom-Auslöser ist der US-Amerikaner Chris Moneymaker, ein ehemaliger Buchhalter, der 2003 im Alter von 27 das Main Event gewann, nachdem er sich für 40 Dollar online qualifiziert hatte. Moneymakers Erfolgsgeschichte hatte diverse Implikationen: Jeder kann es mit harter Arbeit ganz nach oben schaffen, auch wenn man einem Nine-to-five-Job nachgeht und nicht mehr der Jüngste ist. Der US-Amerikaner war der Jackpot für die Poker-Industrie, die in den Folgejahren zu einem Milliardenbusiness wurde.
Wofür aber steht Pius Heinz?
Fest steht: Er ist einer der wagemutigsten Profis, die Poker bisher gesehen hat - und das, obwohl das Spiel in der Variante No Limit Hold'em in den vergangenen Jahren ohnehin viel aggressiver geworden ist. Heinz kennt keine Furcht, er nutzt jede Schwäche des Gegners gnadenlos aus. Er hat sich zudem so professionell auf seinen großen Moment vorbereitet wie selten einer zuvor: Sein Trainer Johannes Strassmann vermittelte ihm Mental- und Fitnesscoaches und sorgte auch für die richtige Ernährung.
Fest steht aber auch: Nicht jeder wird sich mit diesem Jungen identifizieren können. Denn die Botschaft des Kölners ist: Sei jung, furchtlos, studiere ein kompliziertes Fach und trainiere jahrelang online, dann kannst du Main-Event-Champion werden. Er spricht damit vor allem junge Menschen an. Der Liebling der Massen wird Heinz auch aus einem anderen Grund wohl nicht werden: Poker hat immer noch den Ruf eines Glücksspiels. Der Weltmeister hätte zwar die Chance, das Image seines Sports zu verbessern. Doch Poker-Spieler gelten als Menschen, die die Öffentlichkeit meiden.
So oder so wird Pius Heinz in den nächsten Tagen in vielen Artikel auftauchen. Als Ersatz für den Poker-Boom. Und als sein potentieller Auslöser.
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