Poker-Weltmeister Pius Heinz: Triumph mit Anna Kurnikowa

Von Lasse König

Ein goldenes Armband, 6,3 Millionen Euro - und ein Titel für die Ewigkeit: Pius Heinz ist der erste deutsche Poker-Weltmeister. Gesiegt hat er mit einem besonders verführerischen Blatt, das eigentlich nie gewinnt. Wie hat der Student das angestellt? Und folgt jetzt ein Poker-Boom in Deutschland?

"Poker boomt in Deutschland!" Diesen Satz hat man in den vergangenen Jahren sehr, sehr oft gelesen. Immer wieder fand er sich in Artikeln. Egal, ob Politiker in Schleswig-Holstein sich zum Glücksspielstaatsvertrag äußerten oder irgendwo mal wieder ein Casino ausgeraubt wurde.

Leider stimmt die Aussage nicht. Sicher, Poker ist beliebt, Poker ist verbreitet, Poker ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber ein Boom? Jeder kennt ja auch jemanden, der einen Schnellkochtopf hat. Oder Skat spielt. Aber würde man deshalb von einem Skat-Boom sprechen? Einen Boom kann nur etwas auslösen, das neu ist. Und die wilden Zeiten des Poker-Aufbruchs sind in Deutschland schon seit dem Online-Hype vor zwei Jahren passé.

Glaubte man.

Denn nun hat ein junger Deutscher etwas geschafft, was noch nie da war. Etwas ganz Neues. Pius Heinz hat das Main Event gewonnen, das berühmteste und größte Turnier, das es gibt - und von dem man nur zu hoffen wagte, dass es in den nächsten 50 Jahren mal ein deutscher Spieler gewinnen würde. 6865 Teilnehmer waren es diesmal, 4614 davon US-Amerikaner und nur 158 Deutsche.

Mit Glück an den Finaltisch

Heinz hat nun im Penn & Teller Theatre zu Las Vegas den Scoop seines Lebens gelandet. Manche sagen, er habe es nur mit Glück an den Finaltisch geschafft. Aber Poker ist auch Glück, zumal in einem Turnier, das über zehn Tage geht und jeden Tag acht bis zwölf Stunden.

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Poker-WM: Und dann die Hände, zum Himmel
Poker kann gemein sein, im Fall von Pius Heinz traf es diesmal die anderen. An Tag sechs hielt er zwei Damen und musste gegen Ass-König antreten, eine 50-Prozent-Chance ist das vor dem Flop. Sein Gegner hieß Sebastian Ruthenberg, ein Deutscher, der einer der besten Spieler der Welt ist. Heinz gewann. An Tag acht, kurz bevor die letzten neun Spieler feststanden, riskierte Pius Heinz mit König-Bube alles - und gewann erneut gegen Ass-König, als er mit der letzten Karte eine Straße traf.

Dass ausgerechnet Ass-König zu der Hand wurde, mit der er Dienstagnacht in Las Vegas das Main Event gewann, ist eine Ironie dieser Erfolgsgeschichte. Noch nie wurde ein Main Event mit Ass-König gewonnen. Bisher nannte man die Hand scherzhaft "Anna Kurnikowa", weil sie "gut aussieht, aber selten gewinnt". Vielleicht heißt sie irgendwann die Pius-Heinz-Hand.

Aber was bedeutet das für den 22-Jährigen, der sein Wirtschaftspsychologie-Studium geschmissen hat und nun mit dem Ruhm umgehen muss - und mit viel Geld? Umgerechnet 6,3 Millionen Euro hat er für den Triumph kassiert. Wie also kommt Pius Heinz mit der Rolle klar, in die er nun gedrängt werden wird, vor allem von dem Poker-Anbieter, der ihn eben unter Vertrag genommen hat und sein ganz eigenes Interesse an einem Poker-Boom in Deutschland hat. Dass der kommen wird, ist ja nicht mehr die Frage. Sondern nur, wie groß er ausfallen wird.

Der Urvater des Poker-Hypes

Denn dass Main-Event-Sieger einen Hype auslösen können, hat 2008 der Däne Peter Eastgate gezeigt. Der damals 22-Jährige wurde zum Vorbild für die skandinavische Jugend, die im Internet schnell lernte und heute die europäische Poker-Szene aufrollt. Joseph Hachem machte Poker durch seinen Sieg 2006 in Australien populär; Jerry Yang, obwohl US-Bürger, in Asien.

Der Urvater dieser Boom-Auslöser ist der US-Amerikaner Chris Moneymaker, ein ehemaliger Buchhalter, der 2003 im Alter von 27 das Main Event gewann, nachdem er sich für 40 Dollar online qualifiziert hatte. Moneymakers Erfolgsgeschichte hatte diverse Implikationen: Jeder kann es mit harter Arbeit ganz nach oben schaffen, auch wenn man einem Nine-to-five-Job nachgeht und nicht mehr der Jüngste ist. Der US-Amerikaner war der Jackpot für die Poker-Industrie, die in den Folgejahren zu einem Milliardenbusiness wurde.

Wofür aber steht Pius Heinz?

Fest steht: Er ist einer der wagemutigsten Profis, die Poker bisher gesehen hat - und das, obwohl das Spiel in der Variante No Limit Hold'em in den vergangenen Jahren ohnehin viel aggressiver geworden ist. Heinz kennt keine Furcht, er nutzt jede Schwäche des Gegners gnadenlos aus. Er hat sich zudem so professionell auf seinen großen Moment vorbereitet wie selten einer zuvor: Sein Trainer Johannes Strassmann vermittelte ihm Mental- und Fitnesscoaches und sorgte auch für die richtige Ernährung.

Fest steht aber auch: Nicht jeder wird sich mit diesem Jungen identifizieren können. Denn die Botschaft des Kölners ist: Sei jung, furchtlos, studiere ein kompliziertes Fach und trainiere jahrelang online, dann kannst du Main-Event-Champion werden. Er spricht damit vor allem junge Menschen an. Der Liebling der Massen wird Heinz auch aus einem anderen Grund wohl nicht werden: Poker hat immer noch den Ruf eines Glücksspiels. Der Weltmeister hätte zwar die Chance, das Image seines Sports zu verbessern. Doch Poker-Spieler gelten als Menschen, die die Öffentlichkeit meiden.

So oder so wird Pius Heinz in den nächsten Tagen in vielen Artikel auftauchen. Als Ersatz für den Poker-Boom. Und als sein potentieller Auslöser.

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insgesamt 140 Beiträge
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1. Glückwunsch...
lupo_nd 09.11.2011
und einfach Glück gehabt.
2. Wie kommt er damit klar?
wind_stopper 09.11.2011
Studium geschmissen und jetzt wird der Gewinn - so in richtiger Poker Manier - komplett verballert ... wetten, dass?
3. Nur Glück?
max_copernicus 09.11.2011
Zitat von lupo_ndund einfach Glück gehabt.
Spielerisches Können wird wohl auch eine Rolle gespielt haben. Oder hat Sebastian Vettel auch Glück, einfach nur Glück gehabt?
4. Neue Hype
Stauss 09.11.2011
die männliche Lena.
5. Titel
testthewest 09.11.2011
Zitat von max_copernicusSpielerisches Können wird wohl auch eine Rolle gespielt haben. Oder hat Sebastian Vettel auch Glück, einfach nur Glück gehabt?
In den meisten Spielen und Sportarten spielt Glück eine Rolle. Im Poker ist die meiner Meinung nach Recht groß. Ich denke nicht, dass einer der am Finaltisch Sitzenden wirklich ein schlechter Spieler ist. Und wer von denen dann gewinnt ist Glück, da Poker nicht zwischen so kleinen Differenzen im Können unterscheiden kann. Zumindest nicht mit einem Versuch. Deshalb gibts auch jedes Jahr nen neuen Weltmeister, Titelverteidigungen sind eher selten. Vergleichen sie das von mir aus mit Tennis: Auch dort ist Glück manchmal entscheidend, aber im allgemeinen gleicht es sich aus, und der Beste gewinnt am Schluß das Tunier. Und nicht nur das eine Tunier, sondern wenn er grad Weltspitze ist, gewinnt er auch seinem Belag dann fast alles.
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