Profiboxer Dominic Bösel "Der Bengel kann boxen und kommt bei den Mädels an"

Er ist höflich, gutaussehend und prügelt sich gern: Dominic Bösel soll irgendwann in die Fußstapfen von Max Schmeling und Henry Maske treten. Aber der Weg dahin ist weit.

Dominic Bösel (l.)
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Dominic Bösel (l.)


Ulf Steinforth kann es nicht mehr hören. "Lass das doch. Damit tut man dem Jungen keinen Gefallen", sagt der Promoter und Chef des SES-Boxstalls, wenn man ihn auf Parallelen zwischen seinem Boxer Dominic Bösel und dem jungen Henry Maske anspricht. Beide Halbschwergewichtler kommen aus dem Osten der Republik und überzeugten eher durch technisch sauberes Boxen als durch spektakuläre K.-o.-Siege. "Henry war Henry, den konnte es schon wegen der Zeit nur einmal geben. Und Dominic ist eben Dominic."

Maske, 1988 in Seoul Olympiasieger für die DDR, wurde 1990 Profi und 1992 der erste Profibox-Weltmeister des wiedervereinigten Deutschlands. Wie kaum ein anderer Sportler profitierte er von der Wende und konnte sie mit Hilfe seines Promoters Wilfried Sauerland zu seinem Vorteil nutzen. Durch seine Erfolge im Ring, gepaart mit dem betont höflichen Auftreten daneben, wurde er zur gesamtdeutschen Identifikationsfigur.

Ein Star zu werden ist komplizierter geworden

Bösel fällt es ein Vierteljahrhundert nach Maske deutlich schwerer, mit ähnlichen Qualitäten zu überzeugen. Die Euphorie der Wendejahre ist lange verflogen, die Konkurrenz im Boxring deutlich gestiegen. 1992, in dem Jahr, in dem Maske Weltmeister wurde, gab es in Deutschland insgesamt 24 Profibox-Veranstaltungen. 2016 waren es 170. Konkurrenz belebt das Geschäft nicht immer, sondern kann auch für Übersättigung des Marktes sorgen. Für Boxer ist es komplizierter geworden, aus der Masse herauszustechen.

Auch wenn Promoter Steinforth den Vergleich mit Maske nicht mag, stellt er seinen Schützling bewusst in einer andere, noch größere Tradition: Wenn Bösel am Abend (22.35 Uhr; TV: MDR) gegen Karo Murat kämpft, geht es um die Europameisterschaft im Halbschwergewicht - einen Titel, den einst Max Schmeling hielt.

Am 19. Juni 1927, vor fast auf den Tag genau 90 Jahren, sicherte sich der größte Boxer der deutschen Geschichte zum ersten Mal den EM-Titel. In Dortmund besiegte Schmeling den Belgier Fernand Delarge durch K.o. in der 14. von damals noch 15 Runden. Es war der Auftakt zu einer Weltkarriere, die 1930 mit dem Gewinn der Schwergewichts-Weltmeisterschaft im New Yorker Yankee-Stadium gegen Jack Sharkey und 1936 mit dem Sieg über den legendären Joe Louis ihre Höhepunkte erreichte.

"In den USA kennt mich keine Sau"

Zur WM im Schwergewicht wird es für Bösel nicht reichen. Aber auch der 27-Jährige aus Freyburg an der Unstrut in Sachsen-Anhalt träumt von großen Kämpfen in den USA. "Gegen Superstars wie Andre Ward oder Sergey Kowalew in den Ring zu steigen, ist mein Ziel", sagt Bösel. "Aber man muss auch realistisch sein: In den USA kennt mich bisher noch keine Sau."

Das will er ändern und sich mit guten Leistungen für eine Weltmeisterschaft empfehlen. Die EM gegen Murat soll so ein Sprungbrett sein. Immerhin hat es der 33 Jahre alte Armenier, der in Berlin lebt, schon nach Amerika geschafft. Im Oktober 2013 unterlag Murat in Atlantic City Altmeister Bernard Hopkins im Kampf um die IBF-Weltmeisterschaft nach Punkten. Zwei Jahre später folgte im kalifornischen Glendale eine K.-o.-Niederlage gegen den Kubaner Sullivan Barrera. Murat wurde auf der ganz großen Bühne gewogen und für zu leicht befunden. Für Bösel ist er ein guter Gradmesser.

Hinzu kommt, dass Murat sich bestens als Antagonist für den stets höflichen Schwiegermutter-Liebling Bösel eignet. Im Vorfeld des Kampfes machten beide deutlich, wie wenig sie einander mögen. Dabei sind die Rollen ähnlich klar verteilt wie Mitte der neunziger Jahre zwischen Maske und Graciano Rocchigiani. Murat wurde ausfallend und schubste seinen Gegner beim obligatorischen Stare-Down für die Fotografen. "Sowas ist total daneben, aber Karo scheint eben leicht reizbar zu sein", sagte Bösel, der sich nicht aus der Ruhe bringen ließ.

"Der Bengel kann boxen und kommt bei den Mädels an"

Steinforth schwärmt vom "Gesamtpaket" seines Schützlings: "Der Bengel kann boxen, wünscht sich immer starke Gegner, sieht dazu noch gut aus und kommt bei den Mädels an. Mehr kann man sich als Promoter nicht wünschen." Laut Steinforth ist Bösel "ein absoluter Ticketseller". Allerdings gilt das bisher nur für den Osten der Republik. Dresden, Leipzig, Magdeburg, Frankfurt an der Oder, Dessau, Potsdam, Halle an der Saale, Spergau, Weißenfels - die Liste der Orte, in denen Bösel geboxt hat, liest sich wie ein Streifzug durch vermeintlich blühende Landschaften.

Das ist einer der zentralen Unterschiede zwischen Bösel und Maske: Der "Gentleman" machte seine größten Kämpfe in Düsseldorf, Dortmund und München. Dafür, dass Bösel in den West-Metropolen bislang kaum zu sehen war, gibt es einen einfachen Grund: TV-Partner MDR verlangt einen regionalen Bezug. Die Kämpfe werden zwar bundesweit ausgestrahlt, aber in Sachen Austragungsorte ist der Magdeburger SES-Stall an das mitteldeutsche Kerngebiet gebunden.

Steinforth betont selbstverständlich trotzdem, wie zufrieden er mit seinem Fernsehpartner sei: "Das ganze Team macht einen herausragenden Job". Und tatsächlich erzielen SES und der MDR in Zeiten rückläufiger Einschaltquoten bei den großen Privatsendern konstant hohe Reichweiten. Trotzdem bräuchte Bösel für den finalen Durchbruch vermutlich eine noch breitere Plattform. Vielleicht bekommt er sie, wenn er sich überzeugend gegen Murat durchsetzt.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 01.07.2017
1. Alles aber nicht wie Maske
langweilig bis zum geht nicht mehr. Dann lieber wie Iron Mike.
frank_w._abagnale 02.07.2017
2. Schon Ende der Karriere?
Und trotzdem ist er gestern Abend ziemlich verprügelt worden. Das war wohl schon das Ende seiner so hoffnungsvoll gestarteten Karriere.
janowitsch 02.07.2017
3. Boxsport vom Feinsten
Es war gestern Abend ein toller Boxkampf mit TKO in der 11. Runde. Man konnte Boxsport auf hohem Niveau sehen: der Techniker gegen den Straßenkämpfer. Am Ende hat der Straßenkämpfer gewonnen, weil der Techniker die Deckung nicht mehr oben halten konnte. Es war ein Abnutzungskampf mit fulminantem Beginn, der auch anders herum hätte ausgehen können. Ob der Ringrichter zu früh abgebrochen hat? Der Gesund willen des nicht mehr vollständig Abwehrenden war es in Ordnung. Bösel wird wiederkommen. Er hat gute Anlagen, eine gute Ausbildung und wird aus dieser Niederlage lernen.
walldemort 02.07.2017
4.
Na, wenn das heute für eine Karriere reicht - sich gerne prügeln und dabei gut aussehen... Herzlichen Glückwunsch, der Mann hat's ja offenbar echt drauf.
theo# 02.07.2017
5. Dass der Bengel
boxen kann ist klar. Aber ist er auch gut genug? Ein schönes Gesicht ist eher von Nachteil.
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