Prozess gegen ehemaligen HR-Sportchef: Grenzenlose Gier

Von David Denk und Clemens Gerlach

Die Vorwürfe sind gewaltig: Viele Jahre soll Jürgen Emig, ehemaliger Sportchef des Hessischen Rundfunks, in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Ab diesem Montag steht er vor Gericht. In dem Verfahren geht es auch um das Selbstverständnis der Sportjournalisten insgesamt.

Es dürfte eine wenig ausgelassene Geburtstagsfeier gewesen sein. Am Sonntag wurde Jürgen Emig 63 Jahre alt, am Montag dann der Prozess vor dem Landgericht Frankfurt am Main. Die Staatsanwaltschaft wirft Emig Bestechlichkeit, Anstiftung zur Bestechung, Betrug sowie Untreue vor. Er soll mehr als 600.000 Euro aus Schmiergeldern und Schleichwerbung eingestrichen und dadurch den Hessischen Rundfunk geschädigt haben. Dem früheren Sportchef (1987 bis 2004), als Berichterstatter von der Tour de France auch eines der bekanntesten Gesichter des HR, droht eine mehrjährige Haftstrafe. Die Anklage geht vom Tatzeitraum Anfang 2000 bis September 2004 aus. Zunächst sind 16 Verhandlungstage angesetzt, das Urteil könnte Ende Oktober gesprochen werden. Bis dahin ruht Emigs Arbeitsgerichtsverfahren wegen der fristlosen Entlassung im Juli 2005 durch den HR. "Frühestens im Laufe der Hauptverhandlung" werde man sich zu dem Fall äußern, sagt Emigs Anwalt Stefan Bonn. Er verriet aber immerhin vorab, dass Emig im Prozess aussagen wolle. Bei Vernehmungen hatte er bereits ein Teilgeständnis abgelegt.

Mitangeklagt ist der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Tanzsportverbandes, Harald Frahm. Dieser hatte in Abstimmung mit Emig und dessen Ehefrau Atlanta Killinger, gegen die separat ermittelt wird, Anfang 2000 die Agentur Sport Marketing & Production GmbH (SMP) gegründet. Laut Staatsanwaltschaft soll zunächst Killinger Eigentümerin der Firma gewesen sein, bevor sich 2001 Frahm zur Hälfte an der SMP beteiligt habe. Killingers Rechtsbeistand war für keine Stellungnahme zu erreichen.

Frahm, der auch als Geschäftsführer fungierte, wird vorgeworfen, Beihilfe zu Emigs Untreue geleistet und sich außerdem der Bestechung und des gemeinschaftlichen Betrugs schuldig gemacht zu haben. Mehrere hunderttausend Euro soll Frahm aus den verbotenen Geschäften erhalten haben. "Herr Frahm hatte in dem gesamten Komplex lediglich eine untergeordnete Funktion, deshalb wird er in dem Verfahren auch nur eine unbedeutende Rolle spielen", erklärten seine Anwälte Marcus Steffel und Christian Schoop auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Der Vierte im Bunde war der damalige Sportchef des Mitteldeutschen Rundfunks, Wilfried Mohren, mit dem Frahm auf Initiative Emigs im Frühjahr 2002 vereinbart haben soll, gegen Schmiergeldzahlungen von der SMP produzierte Sendungen ins MDR-Programm zu übernehmen. Im Dezember 2007 hat die Staatsanwaltschaft Dresden Anklage gegen Mohren erhoben. Ihm werden unter anderem Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Es geht um unberechtigte Zusatzeinnahmen von rund 350.000 Euro. Ein Prozesstermin ist offen. Mohrens Anwalt wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zu den Vorwürfen keine Stellungnahme abgeben.

Viele Jahre war es beim HR und anderen gebührenfinanzierten ARD-Anstalten üblich, für die Fernsehübertragung von Randsportereignissen Produktionskostenzuschüsse ("Beistellungen") zu verlangen. Seit den Neunzigern hatte sich Emig um derartige, legale Deals bemüht. Auch Sponsoringverträge schloss er ab. Rund 13 Millionen Euro will er nach Berechnungen seiner Anwälte dabei für seinen Sender eingetrieben haben, in einer anderen Quelle spricht er sogar von 20 Millionen. Zu klären ist im Prozess deshalb auch die Frage, wie HR-Intendant Helmut Reitze, der eventuell sogar als Zeuge aussagen wird, und dessen Vorgänger Klaus Berg, der von 1993 bis 2002 amtierte, zur Praxis der "Beistellungen" standen.

Der HR hat nach eigenen Angaben unverzüglich auf die Vorwürfe gegen den damaligen Sportchef Emig reagiert und seit April 2004, kurz nach dessen Rücktritt, keine Produktionskostenzuschüsse mehr angenommen. Doch diese Entscheidung zeugt mehr vom Bestreben, die Wogen zu glätten denn von besonderem Problembewusstsein. Reitze verteidigte noch im Juli 2005 "Beistellungen". Nach den ARD-Richtlinien zur Trennung von Werbung und Programm seien diese zulässig, "wenn die redaktionelle Unabhängigkeit gewahrt bleibt", sagte der HR-Intendant damals der "Bild"-Zeitung.

Was Emig, der am 28. Juni 2005 festgenommen wurde und mit einer kurzen Unterbrechung bis 11. August 2005 in Untersuchungshaft saß, verschwieg, ist, dass er bei der Beschaffung von "Beistellungen" wohl Geld für sich selbst abzweigte. Laut Staatsanwaltschaft hinterzog er allein von 2000 bis 2003 knapp 400.000 Euro. Gelungen sei dies, wie die Staatsanwaltschaft in ihrer Pressemitteilung zur Anklageerhebung im April 2007 feststellte, auch "aufgrund der unzutreffenden Behauptung des Sportjournalisten gegenüber den Veranstaltern, der HR sei selbst nicht berechtigt, diese Verträge abzuschließen, oder aufgrund von anderen falschen Behauptungen". Im Klartext: Emig habe gelogen, um private Vorteile aus dienstlichen Belangen zu ziehen.

Der Fall Emig wirft auch ein Schlaglicht auf den Zustand des Sportjournalismus in Deutschland. Diesem wird häufig eine gefährliche Nähe zu den Protagonisten unterstellt. Wenn etwa der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien den Sportbetrieb als "große Familie" bezeichnet, deutet dies nicht darauf hin, dass übermäßig viel Ehrgeiz besteht, den Familienfrieden durch kritische Fragen zu gefährden. Noch immer gibt es Journalisten, die Nebenjobs im Sportbusiness nachgehen, auch wenn einzelne ARD-Sender wie der Westdeutsche Rundfunk WDR ihre diesbezüglichen Regeln seit dem Fall Emig verschärft haben.

Nur in Einzelfällen wie dem des früheren ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf erregen Nebentätigkeiten von Sportjournalisten öffentliche Aufmerksamkeit. Vor der Trennung wegen mutmaßlicher Schleichwerbung für eine Margarinemarke war Boßdorf als Co-Autor der Biografie des Radsportlers Jan Ullrich in die Kritik geraten. Warum, hat er nach eigener Darstellung erst verstanden, als es zu spät war.

"Niemand hat mich gewarnt", sagte er 2006 in einem "Zeit"-Interview. "Keiner sagte, das mit dem Buch ist keine gute Idee." Entweder Boßdorf ist erschreckend naiv oder unglaublich dreist. Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Anfang Juni den 43-Jährigen wegen seiner falschen eidesstattlichen Versicherung über seine Stasi-Verstrickung angeklagt.

Mehr als 30 Journalisten sind für den Emig-Prozess akkreditiert. Das große Medieninteresse zeigt, dass die Branche in diesem Fall mehr sieht als das Korruptionsnetzwerk eines Sportjournalisten. Ein Berufsethos steht zur Debatte.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Sportjournalisten - ist Bestechung völlig normal?
insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
sportskanone 01.08.2008
Hey, hatte diese Namen schon fast vergessen :-)) Naja, natürlich sind sie nicht typisch für die Branche. Wer von uns kann das schon beurteilen. Eher eine typische Normalität unserer Gesellschaft, würde ich sagen. Da finden wir doch in allen Bereichen ehrliche und unehrliche Menschen. Ob in Politik oder Wirtschaft, ob unter Sportlern oder Schiedsrichtern...egal wo man hinschaut gibt es Licht, aber auch Schatten. Warum soll es bei den Sportjournalisten anders sein.
2.
P-Berg, 01.08.2008
Schönes Schlusswort.
3.
phoeb 01.08.2008
Man beißt nur selten die Hand die einen füttert. Hofberichterstattung im Sport zieht sich vom Dorfverein bis zum Weltverband durch die Medien. Neben einigen, wenigen Ausnahmen sind viele Journalisten zu sehr Fan ihrer Sportart um über diese auch wirklich kritisch zu berichten. Denn, es kann nicht sein was nicht sein darf. Siehe Dopingproblematik in Ballsportarten, offener Umgang mit Homosexualität oder Korruption in Sportpolitik und Wirtschaft.
4. Die GEZ-Abzocker!
soziale_kompetenz 03.08.2008
Dieser Typ ist ja nur die Spitze des Eisberges! Seine Machenschaften sind justitiabel geworden. Der alltägliche Betrug der deutschen Bevölkerung geschieht durch die Komplizienschaft von ARD, ZDF und GEZ! Da werden Abermillionen jedes Jahr für unfähige Journalisten aus dem Fenster geworfen, da darf ein Fritz Pleitzgen im gepanzerten Wagen (gekauft von GEZ-Gebühren) durch die Gegend ruckeln (auch nach seiner Pension noch!), da kostet ein einziger Schreibtischstuhl beim WDR an die 5000 Euro. Alles GEZ-Gebühren, damit sich die Damen und Herren bei der ARD und beim WDR ein dickes, dickes Pölsterczhen zulegen können. Und die Qualiät der "Berichte" dort ist allmählich unter aller Sau. Pseudojournalisten wie Brigitte Abold und Jan Hofer haben offenbar noch nie Sprecherziehung genossen. Volontäre machen dort sinnlose Berichtet und steigen nach Absolvierung des Volontariats mit 8000 Euro Monatssalär für Provinzberichterstattung ein und, und, und... DAS ist der eigentliche Skandal: dass das selbstherrliche und selbstgefällige ARD-Mediengeschmeiß unsere GEZ-Gebühren verprasst. Ich zahle schon lange nicht mehr! Und ich kann nur jeden auffordern, es mir gleich zu tun. Kein Geld mehr für die unfähigen und semikriminellen Machenschaften der Mitglieder der ARD!
5.
poppi 03.08.2008
Was das jetzt mit der GEZ zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Musste wohl mal raus. Aber das hier passt doch auch ganz schön zum Thema. Zwar nicht direkt, aber vielleicht doch: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/dieter-hennig-sportjournalist/
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -19-
Fotostrecke
ARD-Topleute: Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung