Von Torsten Schwenke
Schläger knallen auf das Eis, Handschuhe fliegen durch die Luft. Zwei Männer stehen sich gegenüber und ballen die Fäuste. Es sind Eishockeyspieler, bereit, dem Kontrahenten eine Lektion zu erteilen. Mit bloßen Fäusten prügeln sie aufeinander ein. Oft ohne den schützenden Helm und auf nur wenige Millimeter dünnen Stahlkufen.
Sie tun es nicht aus Wut oder zum Vergnügen. Es ist ihr Job.
Derek Boogaard ist einer von diesen sogenannten Enforcern (Vollstrecker). Der 28-Jährige misst 2,04 Meter und wiegt über 120 Kilogramm. Als Flügelspieler der New York Rangers ist er derzeit einer der am meisten gefürchteten Fighter in der National Hockey League (NHL). Dafür schätzen ihn die Rangers-Fans.
Wann immer Boogaard das Eis im heimischen Madison Square Garden betritt, hallen "Boo"-Rufe durch die weltberühmte Arena, die schon Schauplatz für viele große Profi-Boxkämpfe war. Boogaard hat sich durch seine angsteinflößende Spielweise und in Anlehnung an einen amerikanischen Horrorfilm den Spitznamen "Boogeyman" erkämpft.
Boogaard steht für ein sehr spezielles Berufsbild im Kufensport. In fast jedem NHL-Spiel kommt es zu Schlägereien - sehr zur Freude der Fans. Ohne Hiebe ist Eishockey in Nordamerika undenkbar. Das Problem: Die besten Kämpfer, Heavyweights genannt, sind körperlich unheimlich stark, werden immer größer und trainieren ihre Kampftechniken in der spielfreien Zeit sehr professionell. Die Eisfläche verwandelt sich so häufig in einen Boxring.
Hohes gesundheitliches Risiko
Schwere Kopfverletzungen sind traurige Realität in der NHL. Boogaard, der zurzeit unter den Folgen einer Gehirnerschütterung leidet, brach seinem Gegenspieler Todd Fedoruk von den Anaheim Ducks mit einem brutalen Faustschlag mehrere Gesichtsknochen. Fedoruk mussten Titanplatten eingesetzt werden, er fiel mehrere Wochen aus. Steve MacIntyre, ein Raubein von den Edmonton Oilers, schickte Calgary Flames' Enforcer Raitis Ivanans im Oktober 2010, am ersten Spieltag der aktuellen NHL-Saison, per Knockout auf den Boden. Der 32-Jährige wird nach wie vor auf Calgarys Verletztenliste geführt.
Die NHL ringt seit Jahren um eine klare Linie. Soll sie die Kämpfe weiter tolerieren und damit die Gesundheit der Spieler riskieren? Oder die Boxeinlagen gänzlich verbieten und dadurch die Zuschauer vergrätzen? Denn die Fights bringen dem Spiel Leidenschaft und Emotionen. Wird dieser Aspekt verbannt, könnte es für die NHL weitreichende Folgen im hart umkämpften US-Medien-Markt nach sich ziehen.
Befürworter der Enforcer sind indes der Ansicht, dass diese das Spiel sogar sicherer machen. Allein die Präsenz dieser Spieler sorge dafür, dass Unbeherrschtheiten auf dem Eis ausblieben, da rüpelhafte Profis ansonsten mit schmerzhaften Konsequenzen zu rechnen hätten. Für eine Schlägerei in der NHL gibt es im Regelfall eine Zeitstrafe von fünf Minuten. In besonders schweren Fällen können zusätzlich Zehn-Minuten-Strafen oder Spielverweise ausgesprochen werden.
Massenschlägereien sehr beliebt
Im Duell der New York Islanders gegen die Pittsburgh Penguins am 11. Februar war dies wegen zahlreicher Massenschlägereien mehrfach der Fall. Die Bilanz der Begegnung: 346 Strafminuten, elf Spielverweise und 15 Kampfstrafen. Wegen unsportlichen Verhaltens wurden drei beteiligte Spieler nachträglich für mehrere Partien gesperrt. Das Schlachtfest von New York kam bei der Mehrheit der Zuschauer sehr gut an. In einer Umfrage des kanadischen Sportsenders TSN gab es fast ausnahmslos positive Meinungsbekundungen zu den Vorfällen in New York.
Verglichen mit der Deutschen Eishockey Liga (DEL) sind die Strafen für Handgemenge in der NHL sehr moderat. Bis zur letzten Saison wurden Kämpfer in der DEL automatisch für den Rest der Partie vom Eis gestellt und für ein weiteres Spiel gesperrt. Diese Vorgehensweise sollte das schmutzige Image der deutschen Liga aus den neunziger Jahren aufpolieren. Damals bestimmten rücksichtslose Stockschläge und wilde Massenkeilereien das Geschehen auf dem Eis.
Die neuen Regeln sorgten allerdings für großen Unmut bei den Fans, weil die beliebten Faustkämpfe fast gänzlich aus den deutschen Eishallen verdrängt wurden. Auch von Spielern und Trainern gab es heftige Kritik für die kleinlichere Regelauslegung.
Durch ligaweite Protestaktionen der Fans hat sich die DEL in dieser Saison wieder dem NHL-Modell angenähert und verhängt nun zusammengefasst 14 Minuten Strafzeit für einen Fighter. Es scheint, als sollten die beliebten Rangeleien auch in der DEL wieder Einzug halten. Im Januar gab es so viele Fights wie seit Jahren nicht.
Gefährlich oder nicht, die Fans sind der Ansicht, dass Schlägereien zum Eishockey gehören. Durch Protestaktionen für Kämpfe sichern sie dem Sport seinen hohen Unterhaltungswert - und den Enforcern ihren Job.
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