Armstrong und die Folgen Doper unter sich

Was wird aus Lance Armstrongs Tour-de-France-Siegen? Die Usada will dem Ex-Radprofi alle sieben Titel aberkennen lassen, doch das ist nicht ganz so einfach. Einerseits gibt es eine Verjährungsfrist. Vor allem aber stehen auch die Nachrücker unter Dopingverdacht - oder sind sogar verurteilt.

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Kontrahenten Ullrich (l.), Armstrong (2004): "Top Ten dürften alle gedopt gewesen sein"
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Kontrahenten Ullrich (l.), Armstrong (2004): "Top Ten dürften alle gedopt gewesen sein"


"König der Tour de France": So wurde Lance Armstrong früher einmal genannt. Niemand dominierte die Rundfahrt mehr als der US-Amerikaner, niemand gewann das härteste Radrennen der Welt häufiger. Von 1999 bis 2005, siebenmal in Folge, triumphierte Armstrong. Doch schon bald könnte sein Name aus der Siegerliste gelöscht werden.

Weil Armstrong darauf verzichtet, sich vor einem Schiedsgericht gegen die Dopingvorwürfe der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada zu wehren, droht ihm die Aberkennung seiner sieben Tour-Titel. So will es die Usada. Eine heikle Angelegenheit, aus zweierlei Gründen: erstens wäre das nicht mit dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vereinbar; und zweitens würde ein verurteilter Dopingsünder nachträglich zum Dreifach-Sieger erklärt werden - Jan Ullrich.

"Ich bin erstaunt darüber, dass in dem Fall Armstrong nicht erörtert wird, dass es eigentlich nach Wada-Code eine achtjährige Verjährungsfrist gibt", sagte der Heidelberger Rechtsanwalt und Sportrechtsexperte Michael Lehner dem Sport-Informations-Dienst. Demnach wären alle möglichen Dopingvergehen vor 2004 verjährt, Armstrong würde also nur zwei seiner Titel verlieren.

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Im Schatten der Dopingvorwürfe: Die Karriere des Lance Armstrong
Diese Verjährungsfrist kam 2007 auch bei Bjarne Riis zum Tragen. Der dänische Toursieger von 1996 hatte damals ein Doping-Geständnis abgelegt, woraufhin ihm der Tour-Organisator ASO den Titel aberkannte. Daraufhin intervenierte der Radsport-Weltverband UCI und machte die Verjährungsregel geltend. Riis darf sich daher weiterhin erster und bislang einziger dänischer Tour-de-France-Sieger nennen.

Die Usada will jedoch erwirken, dass Armstrong alle seine Tour-Titel verliert und sämtliche Ergebnisse Armstrongs seit dem 1. August 1998 gestrichen werden. Die Aberkennung von Siegen kann zwar nur die UCI vornehmen; Usada-Präsident Travis Tygart sagt jedoch, der Weltradsportverband als Unterzeichner des Welt-Anti-Doping-Kodex sei "verpflichtet, unsere Entscheidung anzuerkennen und zu verhängen". Die UCI hat zum Fall Armstrong bislang noch keine Stellung bezogen.

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Lance Armstrong: Der tiefe Fall des Tourminators
Sollten dem Tour-Rekordsieger Titel aberkannt werden, unabhängig ob zwei oder sieben, hätte der Weltradsportverband aber das nächste Problem: die Nachrücker, die von Platz zwei auf Platz eins rutschen würden. Für 2004 wäre das Andreas Klöden, der damals für das deutsche Team Telekom fuhr, bei dem systematisches Doping stattgefunden haben soll. Klöden bestreitet die massiven Dopingvorwürfe gegen ihn seit Jahren. 2005 war Ivan Basso Zweiter. Der Italiener wurde ein Jahr später im Zuge des Skandals um den spanischen Mediziner Eufemiano Fuentes von der Tour ausgeschlossen.

Sollte die Usada mit ihrem Plan erfolgreich sein, Armstrong sämtliche Tour-Titel abzuerkennen, könnte Ullrich, Zweiter 2000, 2001 und 2003, vom ein- zum viermaligen Sieger der Tour de France werden. Der Deutsche hatte 1997 bei der Rundfahrt triumphiert. "Ich schaue nicht auf diese Titel, ich verfolge das Verfahren auch nicht intensiv. Ich bin stolz auf meine zweiten Plätze. Wenn der Fall tatsächlich eintritt, werde ich mich dazu äußern. Bis dahin ist das Spekulation", sagte Ullrich dem "Tagesspiegel".

Im Gegensatz zu Klöden und Basso wurde Ullrich sogar wegen Dopings schuldig gesprochen, der Internationale Sportgerichtshof Cas erkannte ihm alle seine Erfolge ab 2005 ab. Zwar besteht nach wie vor der Verdacht, Ullrich habe auch schon in den Jahren zuvor gedopt; nach Ansicht des Cas war eine Zusammenarbeit Ullrichs mit Fuentes aber erst ab dem 1. Mai 2005 zweifelsfrei bewiesen. Auch Alex Zülle, Zweiter 1999, und Joseba Beloki, Zweiter 2002, haben eine Doping-Vergangenheit. Und auch fast alle Tour-Dritten zwischen 1999 und 2005 wurden des Dopings überführt.

Wegen all dieser Fakten hat sich der deutsche Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel gegen eine mögliche Weitergabe der Tour-Siege in den besagten Jahren ausgesprochen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er: "Das wäre lächerlich. Die Top Ten dürften damals alle gedopt gewesen sein."



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
simon23 24.08.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSWas wird aus Lance Armstrongs Tour-de-France-Siegen? Die Usada will dem Ex-Radprofi alle sieben Titel aberkennen lassen, doch das ist nicht ganz so einfach. Einerseits gibt es eine Verjährungsfrist. Vor allem aber stehen die Nachrücker auch unter Dopingverdacht - oder sind sogar verurteilt. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,851903,00.html
Also ich mag bei der Tour de France die Landschaften. Die sind wirklich schön anzuschauen. Darauf freue ich mich wieder...:-)
Willi Wacker 24.08.2012
2. ja, das war wirklich immer Klasse
Zitat von simon23Also ich mag bei der Tour de France die Landschaften. Die sind wirklich schön anzuschauen. Darauf freue ich mich wieder...:-)
aber dieses Jahr musste man wirklich lange basteln, um die Tour auch via Internet verfolgen zu können. Das war alles vernagelt und gesperrt. Erbärmliche Zockerei. (Versuche...)
robinato 24.08.2012
3. Die spinnen...
...die Radler...
rolandjulius 24.08.2012
4. Die Top Ten im Radsport.
Wer hier wirklich untersucht werden müsste ist die Usada. Warum wurde das Doping nicht sofort beanstandet? Wer war gekauft? Die Spatzen pfiffen von allen Dächern! Eins ist sicher, das Publikum wurde verkauft!
mats73 24.08.2012
5. Verjährung
I.d.R git die Verjährungsfrist bis zum Beginn der Ermittlungen - sonst könnten Verbrecher durch Einsprüche und Verzögerung den meisten Strefen grundsätzlich sich entziehen. Da wird aber extrem strittig sein, wann die Ermittlungen begonnen haben...
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