Debatte bei der Tour de France: Radprofis beklagen Doping-Doppelmoral

Aus Gap berichtet

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AFP

Tour-Gesamtführender Froome: Die Skepsis fährt mit

Die Tour de France blieb bislang von Dopingfällen verschont. Die Leichtathletik dagegen kämpft mit dem Betrugsskandal um drei Top-Sprinter. Radprofis beklagen, dass im Sport mit zweierlei Maß gemessen werde - auch von Journalisten.

Die Ruhetage der Tour de France sind am gefährlichsten. Zuverlässig wurden in der Vergangenheit ausgerechnet dann neue Dopingfälle bekannt, wenn Sportler und Organisatoren dachten, endlich einmal durchatmen zu können. Nachdem der erste Ruhetag in der vergangenen Woche tatsächlich ruhig geblieben war, warnte man sich unter Fahrern und Journalisten gleichermaßen: Warten wir den kommenden Montag ab!

Doch auch dieser ist ohne eine Dopingmeldung vorübergegangen. Zumindest ohne eine von der Tour de France.

Am Sonntagnachmittag erreichte die Welt die Nachricht, dass 100-Meter-Läufer Tyson Gay positiv auf Doping getestet wurde. Der US-Amerikaner hält die Weltjahresbestleistung über 100 Meter, für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau Mitte August galt er als einer der größten Herausforderer von Starläufer Usain Bolt. Wenige Stunden später war klar: Nicht nur Gay sondern auch die Jamaikaner Asafa Powell und Sherone Simpson haben gedopt, sie missbrauchten offenbar das Medikament Oxilofrin als Stimulans.

Drei Athleten, noch dazu einige der weltbesten ihrer Disziplin, beinahe zeitgleich des Betrugs überführt: Das schien zuletzt den Dopingjägern im Radsport vorbehalten. Diese haben bei der diesjährigen Tour de France noch keinen Fahrer erwischt, zumindest wenn man den bisherigen Berichten glauben darf. Trotzdem ist dort Doping eines der größten Themen, keine Pressekonferenz vergeht ohne die obligatorischen Fragen.

Froomes Worte hinterlassen Unbehagen

Ausgerechnet der Gesamtführende Christopher Froome, der mit seinen ungewöhnlich starken Auftritten in den Pyrenäen und am Mont Ventoux irritiert hat, möchte das nicht mehr ertragen. Sagte er in der vergangenen Woche noch: "Ich weiß, dass ihr diese Fragen stellen müsst", entgegnete er einen Tag nach seinem Ritt auf den Mont Ventoux den skeptischen Journalisten: "Hier sitze ich nach dem größten Sieg meiner Karriere und werde beschuldigt, ein Lügner und Betrüger zu sein. Das ist uncool." Dann verließ er den Raum. Das Unbehagen einiger Anwesenden war deutlich zu spüren.

Denn Froome hatte eine Frage hinterlassen: Ist es tatsächlich fair, wie Journalisten und kritische Beobachter mit dem Radsport umgehen? Ist es richtig, die in den vergangenen Jahren völlig zu Recht gelernte Skepsis in die Gegenwart mitzunehmen?

Der Radsport ist ohne das Dopingthema nicht mehr denkbar. Es spaltet Medien wie Zuschauer, ein Blick in die Leserforen bei SPIEGEL ONLINE zeigt deutlich die beiden Lager: Etliche Kommentatoren wollen von der Sportart nichts mehr wissen, für sie ist sie ein einziger großer Betrug. Andere schreiben, der Radsport sei sauberer als noch vor wenigen Jahren, sauberer wohl als viele andere Disziplinen, die mit Doping jedoch nicht in Verbindung gebracht würden. Das sei nicht gerecht.

"Nicht mit dem Finger auf andere zeigen"

Weltmeister Tony Martin sagt: "Es gibt schon eine Doppelmoral. Der 100-Meter-Sprint wird als Faszination angesehen. Das, was dort geleistet wird, wird von Großteilen der Gesellschaft als außergewöhnlich akzeptiert. Im Radsport ist es genau andersrum: Von dem, was faszinierend ist, wenden sich Zuschauer und Journalisten ab." Nach einem neuen 100-Meter-Rekord werde nach Antworten gesucht, wie das möglich sein könne. Schaffe aber ein Radsportler Besonderes, "wird nach Gründen gesucht, warum genau das nicht möglich gewesen sein kann", sagt Martin, Sieger des ersten Zeitfahrens dieser Tour.

Gemeinsam mit den Sprintern Marcel Kittel und John Degenkolb gilt er als einer der vehementesten Dopingbekämpfer unter den Radprofis, öffentlich sprachen sich die drei für lebenslange Sperren von Betrügern aus. Kittel hält es dennoch für falsch, nun mit dem Finger auf Dopingfälle in anderen Sportarten zu zeigen. "Der Radsport muss, um wieder glaubwürdig zu werden, sein Problem selber in den Griff bekommen. Wie und mit welchem Maß darüber berichtet wird, steht auf einem anderen Blatt und kann von uns nicht beeinflusst werden", sagt er.

Unterstützung erhält Kittel vom britischen Sprinter Mark Cavendish: "Wir müssen damit leben, dass Journalisten immer wieder die gleichen Fragen stellen. Das gehört dazu, sie wollen eben ihre Geschichten. Aber ich kann das akzeptieren, weil ich glaube, dass am Ende jeder gefasst wird, der betrügt."

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Geht noch Jahrzehnte so weiter
cosifantutte 17.07.2013
Bin ja eher lösungsorientiert, aber die Dopingproblematik lässt sich nicht lösen, zieht doch schon Jahrzehnte durch die Welt des Sports. Und das wird auch noch ein paar Jahrzehnte so weiter gehen. cosifantutte.
2.
marthaimschnee 17.07.2013
Gestern hielt man es bei Eurosport auch mal für nötig, auf die Doppelmoral der Sponsoren, insbesondere der Telekom im Bezug auf die Dopingvergangenheit des Bayern Trainers Guardiola hinzuweisen.
3. Der einfachste Weg...
jpsjever 17.07.2013
wäre es doch, wenn man das Doping freigeben würde. Man könnte dann zB in zwei Klassen fahren: mit oder ohne Doping. Und die Pharma-Industrie hätte ein neues Werbeumfeld für leistungssteigernde Mittel.
4. richtig.
sitiwati 17.07.2013
klar gibts gerade bei den Sprintern Doping, das war schon immer so, ebenso bei den Schwimmern, die DDR hat gedopt ua auf Teufel komm raus und alle Welt hats toleriert-der Fluch-schneller-weiter-höher, was für eine Hexenjagd Dopingfander/funktionäre veranstalten können, hat man bei Pechstein gesehen, jahrelange Verfahren und Beschuldigungen, Vernichtung einer Sportkarriere, dabei sind die deutschen Dopingfander die eifrigsten-Deutsche Sportler werden gandenlos verfolgt-in anderen LÄnder geht das nicht ohne vorige Anmeldung!
5. Alles nur Blabla
Stelzi 17.07.2013
"Denn Froome hatte eine Frage hinterlassen: Ist es tatsächlich fair, wie Journalisten und kritische Beobachter mit dem Radsport umgehen? Ist es richtig, die in den vergangenen Jahren völlig zu recht gelernte Skepsis in die Gegenwart mitzunehmen?" Ja natürlich ist es das. Schliesslich haben sich das die rollenden Apotheken selbst zuzuschreiben. So wie wir z.t. jahrelang auf die Wahrheit warten mussten, müssen die Herrschaften nun eben, so sie denn keine Betrüger sind (ja klar...) eben ein paar Jährchen mit den Zweifeln an ihren Erfolgen umgehen. Und zwar so lange, bis kein Fahrer, so wie Froome jüngst wieder, aus dem Nichts heraus die Konkurrenz kaputtfährt und genau so schnell oder schneller die Berge hinauffliegte wie entlarvte Betrüger zuvor. Wer damit nicht umgehen kann, der muss den Beruf wechseln.
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Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt