Doping-Untersuchungsbericht Das System Armstrong

Demontage des Dominators: Lance Armstrong hat seine Radsport-Karriere auf einem ausgeklügelten System aus Doping, Schweigegeld und Einschüchterung aufgebaut. Er gab dem Team die Richtung vor - und fast alle dopten mit. Denn wer nicht mitzog, war draußen.

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"Dominator" wurde er genannt, sieben Tour-de-France-Titel in Folge gewann er: Lance Armstrong galt als bester Radfahrer der Welt. Doch das wird nicht das Entscheidende sein, wovon sich Radsportfans in Zukunft erzählen werden. Armstrong wird als größter Betrüger der Sportgeschichte in Erinnerung bleiben.

Die US-Anti-Doping-Agentur Usada hat ihre Untersuchungsergebnisse zu den Dopingpraktiken von Armstrong veröffentlicht, der Tausend-Seiten-Bericht gibt tiefe Einblicke in das Geflecht von subtilen Einschüchterungen und offenen Drohungen, mit denen Armstrong jahrelang höchst erfolgreich gegen Doping-Anschuldigungen vorging. Und er verrät auch, wie durchdacht und kontrolliert in seinem Umfeld gedopt wurde.

Er deckt das System Armstrong auf.

Lance Armstrong war ein Kämpfer, Niederlagen konnte der Texaner nicht ertragen. Viel lieber siegte er, mehr noch: Er wollte seine Gegner dominieren. Legendär sein Schulterblick, als er bei der Tour 2001 beim Anstieg zum Zielort L'Alpe D'Huez knapp vor Jan Ullrich lag, sich dann zu diesem umdrehte - und einfach davonfuhr. "The Look" wurde diese Aktion später genannt.

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Lance Armstrong: Das Netzwerk der Unsportlichkeit
Armstrong war so versessen aufs Gewinnen, dass er auch im Dopen der Beste wurde. In seinem Rennstall US Postal förderte er laut Usada-Bericht deshalb ganz massiv Dopingpraktiken auch bei seinen Teamkollegen. Wer nicht mitzieht, ist raus - das war jedem klar. "Lance hat die Richtung vorgegeben. Was er sagte, wurde gemacht", sagt ein früherer Mitstreiter. Widerworte ließen Armstrong und seine Helfer nicht gelten. Der Gehorsam zahlte sich aus: Wer mitzog und dopte, wurde erfolgreich, berühmt, reich.

Die Usada geht "zweifellos von dem höchstentwickelten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm" aus, das "die Sportwelt jemals gesehen hat". Je besser die Dopingfahnder wurden, desto ausgeklügelter wurden die Vorsichtsmaßnahmen. In den ersten Jahren habe es schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong in Wohnungen von Teamkollegen versteckt.

Armstrong hatte eine "Armee von Helfern", so der Usada-Bericht, die wichtigsten waren jedoch Mediziner. Die Team-Ärzte von US Postal errechneten genau die Zeitfenster für die risikoärmste Doping-Einnahme. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis García del Moral laut Usada-Bericht durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert. Armstrongs wichtigster Helfer jedoch war der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als "Dottore Epo", der erst vor kurzem verurteilt wurde. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit ihm zusammen.

100.000 Dollar Schweigegeld an die UCI?

Armstrongs Machenschaften wurden lange auch durch das Radsport-Umfeld ermöglicht. Der US-Amerikaner profitierte vom System des kollektiven Schweigens in der Profiradsportszene, der Omertà. Die Regel war einfach: Wer in Doping-Verdacht gerät, gar überführt wird, schweigt. Ansonsten droht der Ausschluss aus der Radsport-Familie.

Was passierte, wenn man Armstrong zu dessen aktiver Phase des Doping beschuldigte, erlebte der italienische Fahrer Filippo Simeoni. Während der Tour de France 2004 wies Armstrong Simeoni vor laufenden Kameras zurecht. Zudem konterte er jeden Ausreißversuch des Italieners - oder ließ ihn kontern. Simeoni wurde zur Unperson im Peloton. So ist Armstrong: Rivalen werden rücksichtslos klein gemacht.

Doch auch die Rolle des Radsportverband UCI wirft Fragen auf. So soll Armstrong bei der Tour de Suisse 2001 positiv auf Epo getestet worden sein und dafür ein als "Spende" getarntes Schweigegeld in Höhe von 100.000 Dollar an die UCI gezahlt haben. Der im SPIEGEL dopinggeständige Ex-Profi Jörg Jaksche belastet UCI-Präsident Pat McQuaid im Usada-Bericht schwer. Er habe "Stunden mit der UCI gesprochen. Mit ihren Anwälten. Mit Anne Gripper, der Anti-Doping-Verantwortlichen bei der UCI und mit Präsident McQuaid". Er habe dem Verband das Ausmaß klarmachen wollen, in dem Doping betrieben worden sei. "Die UCI hat aber null Interesse daran gezeigt. McQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, dass ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche.

Doch all der Druck, die Einschüchterung, die Omertà, das durchdachte Doping-System und das mutmaßliche Schweigegeld halfen am Ende nichts. Viele Fahrer haben zuletzt gegen Armstrong ausgepackt, auch, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Tyler Hamilton ("Ich sah Epo in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat"), Floyd Landis, George Hincapie, Levi Leipheimer, weitere Teamkollegen - sie alle belasteten ihren einstigen Mitstreiter.

Armstrong blieb seiner Für-mich-oder-gegen-mich-Linie treu und attackierte die Zeugen. Seinen ehemaligen Teamkollegen Hamilton soll Armstrong in einem Restaurant gedroht haben: "Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle." Leipheimers Frau habe er einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen, so der Usada-Bericht.

Den juristischen Kampf hat Armstrong bereits vor einigen Wochen aufgegeben, als er auf eine Auseinandersetzung mit dem Usada-Urteil verzichtete. Auch auf die Veröffentlichung des Usada-Berichts reagierte er nun nicht mit Attacken, Beschimpfungen, Drohungen. Er twitterte: "Was mache ich heute Abend? Ich verbringe Zeit mit meiner Familie, ungerührt." Das ist nicht mehr der angriffslustige Armstrong von einst. Dieser Lance Armstrong ist endgültig Geschichte.

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noalk 11.10.2012
1. Verschwörung
Die Mondlandung und andere Ereignisse waren keine Verschwörung. Beweis: So viele Beteiligte können auf Dauer nicht schweigen. Armstrongs Dopingverschwörung ist letztlich daran gescheitert.
suplesse 11.10.2012
2. Vielleicht mal rüber schauen in andere Sportarten!
Aber bitte genau so akribisch und dann bitte genau so viele Berichte schreiben. Das ist heute schon der dritte Artikel über den gleichen Radsportler zum gleichen Thema. Ich denke jetzt könnt Ihr sicher sein. Fast jeder hat's begriffen. Nur allein der Radsport ist böse und in anderen Sportarten gibt es kaum Doping.
hegauwanderer 11.10.2012
3. Hoffentlich hört das Fernsehen
endlich mal auf, diesen potenzierten Schwachsinn zu sponsern, mit ausufernden Überragungen von unseren GEZ-Gebühren. Es gibt ja nix Langweiligeres, als stundenlang eine Horde von schwitzenden Radfahrern anzusehen.
otto_lustig 11.10.2012
4. Tour de France
finde ich toll. Würde mir gern einmal wieder eine anschauen. Aber nicht mit solchen "Helden", die nichts anderes als Blindgänger sind.
helmutderschmidt 11.10.2012
5. Klar denkende Menschen?!
Wenn Lance Armstrong, leichtfüßig mit seinem Cowboystil, an all den Spitzenfahrern vorbei die Berge hinauf zappelt und sie in Grund und Boden fuhr, muss doch jedem klar denkenden Menschen bewusst gewesen sein, dass das nicht mit rechten Dingen zu gegangen sein kann ;-).
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