Doping-Untersuchungsbericht: Das System Armstrong

Von Benjamin Knaack

Demontage des Dominators: Lance Armstrong hat seine Radsport-Karriere auf einem ausgeklügelten System aus Doping, Schweigegeld und Einschüchterung aufgebaut. Er gab dem Team die Richtung vor - und fast alle dopten mit. Denn wer nicht mitzog, war draußen.

REUTERS

"Dominator" wurde er genannt, sieben Tour-de-France-Titel in Folge gewann er: Lance Armstrong galt als bester Radfahrer der Welt. Doch das wird nicht das Entscheidende sein, wovon sich Radsportfans in Zukunft erzählen werden. Armstrong wird als größter Betrüger der Sportgeschichte in Erinnerung bleiben.

Die US-Anti-Doping-Agentur Usada hat ihre Untersuchungsergebnisse zu den Dopingpraktiken von Armstrong veröffentlicht, der Tausend-Seiten-Bericht gibt tiefe Einblicke in das Geflecht von subtilen Einschüchterungen und offenen Drohungen, mit denen Armstrong jahrelang höchst erfolgreich gegen Doping-Anschuldigungen vorging. Und er verrät auch, wie durchdacht und kontrolliert in seinem Umfeld gedopt wurde.

Er deckt das System Armstrong auf.

Lance Armstrong war ein Kämpfer, Niederlagen konnte der Texaner nicht ertragen. Viel lieber siegte er, mehr noch: Er wollte seine Gegner dominieren. Legendär sein Schulterblick, als er bei der Tour 2001 beim Anstieg zum Zielort L'Alpe D'Huez knapp vor Jan Ullrich lag, sich dann zu diesem umdrehte - und einfach davonfuhr. "The Look" wurde diese Aktion später genannt.

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Lance Armstrong: Das Netzwerk der Unsportlichkeit
Armstrong war so versessen aufs Gewinnen, dass er auch im Dopen der Beste wurde. In seinem Rennstall US Postal förderte er laut Usada-Bericht deshalb ganz massiv Dopingpraktiken auch bei seinen Teamkollegen. Wer nicht mitzieht, ist raus - das war jedem klar. "Lance hat die Richtung vorgegeben. Was er sagte, wurde gemacht", sagt ein früherer Mitstreiter. Widerworte ließen Armstrong und seine Helfer nicht gelten. Der Gehorsam zahlte sich aus: Wer mitzog und dopte, wurde erfolgreich, berühmt, reich.

Die Usada geht "zweifellos von dem höchstentwickelten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm" aus, das "die Sportwelt jemals gesehen hat". Je besser die Dopingfahnder wurden, desto ausgeklügelter wurden die Vorsichtsmaßnahmen. In den ersten Jahren habe es schon genügt, den Kontrolleuren einfach die Wohnungstür nicht zu öffnen. Später hätten die Teamchefs stets im Voraus erfahren, wann ein Test anstand. Weil die Dopingkontrollen von Jahr zu Jahr intensiver wurden, habe sich Armstrong in Wohnungen von Teamkollegen versteckt.

Armstrong hatte eine "Armee von Helfern", so der Usada-Bericht, die wichtigsten waren jedoch Mediziner. Die Team-Ärzte von US Postal errechneten genau die Zeitfenster für die risikoärmste Doping-Einnahme. Einen positiven Kortison-Test Armstrongs habe Teamarzt Luis García del Moral laut Usada-Bericht durch ein gefälschtes nachträgliches Rezept verschleiert. Armstrongs wichtigster Helfer jedoch war der italienische Arzt Michele Ferrari, in der Szene bekannt als "Dottore Epo", der erst vor kurzem verurteilt wurde. Laut Usada arbeitete Armstrong die ganze Karriere hindurch mit ihm zusammen.

100.000 Dollar Schweigegeld an die UCI?

Armstrongs Machenschaften wurden lange auch durch das Radsport-Umfeld ermöglicht. Der US-Amerikaner profitierte vom System des kollektiven Schweigens in der Profiradsportszene, der Omertà. Die Regel war einfach: Wer in Doping-Verdacht gerät, gar überführt wird, schweigt. Ansonsten droht der Ausschluss aus der Radsport-Familie.

Was passierte, wenn man Armstrong zu dessen aktiver Phase des Doping beschuldigte, erlebte der italienische Fahrer Filippo Simeoni. Während der Tour de France 2004 wies Armstrong Simeoni vor laufenden Kameras zurecht. Zudem konterte er jeden Ausreißversuch des Italieners - oder ließ ihn kontern. Simeoni wurde zur Unperson im Peloton. So ist Armstrong: Rivalen werden rücksichtslos klein gemacht.

Doch auch die Rolle des Radsportverband UCI wirft Fragen auf. So soll Armstrong bei der Tour de Suisse 2001 positiv auf Epo getestet worden sein und dafür ein als "Spende" getarntes Schweigegeld in Höhe von 100.000 Dollar an die UCI gezahlt haben. Der im SPIEGEL dopinggeständige Ex-Profi Jörg Jaksche belastet UCI-Präsident Pat McQuaid im Usada-Bericht schwer. Er habe "Stunden mit der UCI gesprochen. Mit ihren Anwälten. Mit Anne Gripper, der Anti-Doping-Verantwortlichen bei der UCI und mit Präsident McQuaid". Er habe dem Verband das Ausmaß klarmachen wollen, in dem Doping betrieben worden sei. "Die UCI hat aber null Interesse daran gezeigt. McQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, dass ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche.

Doch all der Druck, die Einschüchterung, die Omertà, das durchdachte Doping-System und das mutmaßliche Schweigegeld halfen am Ende nichts. Viele Fahrer haben zuletzt gegen Armstrong ausgepackt, auch, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Tyler Hamilton ("Ich sah Epo in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat"), Floyd Landis, George Hincapie, Levi Leipheimer, weitere Teamkollegen - sie alle belasteten ihren einstigen Mitstreiter.

Armstrong blieb seiner Für-mich-oder-gegen-mich-Linie treu und attackierte die Zeugen. Seinen ehemaligen Teamkollegen Hamilton soll Armstrong in einem Restaurant gedroht haben: "Wir machen dein Leben zur verdammten Hölle." Leipheimers Frau habe er einschüchternde SMS geschrieben. Zudem habe er mehrfach versucht, andere Fahrer zu falschen eidesstattlichen Versicherung zu nötigen, so der Usada-Bericht.

Den juristischen Kampf hat Armstrong bereits vor einigen Wochen aufgegeben, als er auf eine Auseinandersetzung mit dem Usada-Urteil verzichtete. Auch auf die Veröffentlichung des Usada-Berichts reagierte er nun nicht mit Attacken, Beschimpfungen, Drohungen. Er twitterte: "Was mache ich heute Abend? Ich verbringe Zeit mit meiner Familie, ungerührt." Das ist nicht mehr der angriffslustige Armstrong von einst. Dieser Lance Armstrong ist endgültig Geschichte.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Verschwörung
noalk 11.10.2012
Die Mondlandung und andere Ereignisse waren keine Verschwörung. Beweis: So viele Beteiligte können auf Dauer nicht schweigen. Armstrongs Dopingverschwörung ist letztlich daran gescheitert.
2. Vielleicht mal rüber schauen in andere Sportarten!
suplesse 11.10.2012
Aber bitte genau so akribisch und dann bitte genau so viele Berichte schreiben. Das ist heute schon der dritte Artikel über den gleichen Radsportler zum gleichen Thema. Ich denke jetzt könnt Ihr sicher sein. Fast jeder hat's begriffen. Nur allein der Radsport ist böse und in anderen Sportarten gibt es kaum Doping.
3. Hoffentlich hört das Fernsehen
hegauwanderer 11.10.2012
endlich mal auf, diesen potenzierten Schwachsinn zu sponsern, mit ausufernden Überragungen von unseren GEZ-Gebühren. Es gibt ja nix Langweiligeres, als stundenlang eine Horde von schwitzenden Radfahrern anzusehen.
4. Tour de France
otto_lustig 11.10.2012
finde ich toll. Würde mir gern einmal wieder eine anschauen. Aber nicht mit solchen "Helden", die nichts anderes als Blindgänger sind.
5. Klar denkende Menschen?!
helmutderschmidt 11.10.2012
Wenn Lance Armstrong, leichtfüßig mit seinem Cowboystil, an all den Spitzenfahrern vorbei die Berge hinauf zappelt und sie in Grund und Boden fuhr, muss doch jedem klar denkenden Menschen bewusst gewesen sein, dass das nicht mit rechten Dingen zu gegangen sein kann ;-).
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Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt

Kampf gegen Doping
Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada)
Am 10. November 1999 wurde auf Initiative des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Lausanne gegründet. Zusammen mit den nationalen NOKs und staatlichen Organisationen will die Wada die internationale Dopingbekämpfung fördern und einheitliche Standards für Kontrollen in allen Ländern schaffen. Das Anti-Doping-Programm der Wada wurde im März 2003 von allen Delegierten der internationalen Sportverbände, der Regierungen und dem IOC auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kopenhagen angenommen. Der Welt-Anti-Doping-Codex löste im darauffolgenden Jahr den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen 2004 auch für die Olympischen Spiele.
Welt-Anti-Doping-Programm
Der Welt-Anti-Doping-Codex löste 2004 den Anti-Doping-Code der Olympischen Bewegung ab und gilt seit den Spielen in Athen im selben Jahr auch für die Olympischen Spiele. Das Programm besteht aus drei Ebenen: 1. Welt-Anti-Doping-Code (WADC), 2. Vier Internationale Standards, 3. Erarbeitungen von Empfehlungen für die bestmögliche praktische Umsetzung durch Anti-Doping-Organisationen und Verbände.
Welt-Anti-Doping-Code (WADC)
Der Welt-Anti-Doping-Code wurde erstmalig im Jahre 2003 verabschiedet und ist das Basisdokument des Welt-Anti-Doping-Programms. 2004 traten das Programm und der Codex in Kraft. Der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Code ist seit dem 1. Januar 2009 gültig. Er vereinheitlicht Regeln und Verfahren, die bisher von Land zu Land und von Sportart zu Sportart verschieden waren und regelt die Verantwortlichkeiten der einzelnen Interessengruppen. Der Code stellt keine Definition des Dopings mehr auf, sondern bezeichnet Doping als einen Verstoß gegen nachfolgende Bestimmungen: Nachweis oder Gebrauch einer verbotenen Substanz oder Methode, Verweigerung einer Dopingkontrolle und Verletzung der Informationspflicht über den Aufenthaltsort sowie Verfälschung einer Dopingkontrolle und Besitz oder Handel von Substanzen durch einen Athleten oder sein Umfeld.
Internationale Standards
Sie ergänzen die Anforderungen des Codes durch nähere Beschreibungen und sollen dazu beitragen, national übergreifend einheitliche Formen für die Anti-Doping-Arbeit zu schaffen. Dies betrifft insbesondere die Dopingliste, die Dopingkontrolle Dopinglabors und Ausnahmebewilligungen für Medikamente.
Verbotene Substanzen
Die Dopingliste gilt weltweit und wird durch eine spezielle Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erstellt. Sie wird jedes Jahr erneuert und tritt jeweils am 1. Januar in Kraft. Auf der Liste werden nur Wirkstoffe und Methoden veröffentlicht, die mindestens zwei von drei Kriterien entsprechen: Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Wirkstoff oder die Methode das Potential zur Leistungssteigerung im Sport. Gemäß medizinischen oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen besitzt der Wirkstoff oder die Methode ein aktuelles oder potentielles Gesundheitsrisiko. Gemäß Wada verstößt die Anwendung des Wirkstoffs oder der Methode gegen die Ethik im Sport. Zu den verbotenen Substanzklassen, die teilweise ganz oder nur im Wettkampf verboten sind, gehören: 1. Alkohol, 2. Anabolika , 3. Antiöstrogene , 4. Beta-2-Agonisten , 5. Betablocker , 6. Cannabinoide (Cannabis, Haschisch, Marihuana) , 7. Glucocorticoide , 8. Hormone , 9. Maskierende Substanzen und Diuretika , 10. Narkotika , 11. Stimulanzien . Für Alkohol und Betablocker gibt es in einigen Sportarten Ausnahmen, sie werden nicht von allen internationalen Sportverbänden verboten.
Verbotene Methoden
Seit dem 1. Januar 2003 werden die verbotenen Dopingmethoden genauer beschrieben und in drei Kategorien unterteilt: 1. Erhöhung der Transportkapazität für Sauerstoff ( Blutdoping ), 2. chemische und physikalische Manipulation, 3. Gendoping . Die Anwendung verbotener Methoden ist innnerhalb als auch außerhalb des Wettkampfs verboten.
Kontrollregularien

Für Athletinnen und Athleten bestehen je nach Leistungsniveau unterschiedliche Bestimmungen zu der obligatorischen Meldepflicht. Die Ein-Stunden-Regelung verpflichtet bestimmte Athleten für jeden Tag eine Stunde zu benennen, in der sie für eine mögliche Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die genaue Stunde muss jeweils am Ende eines Quartals für die nächsten drei Monate im Voraus benannt werden, darf aber innerhalb von 24 Stunden verändert und aktualisiert werden. Wird der Athlet in dieser Stunde vom Kontrolleur nicht am benannten Ort angetroffen, wird ein sogenannter Strike für das Kontrollversäumnis ausgesprochen. Wenn ein Sportler innerhalb von 18 Monaten drei Verwarnungen kassiert hat, muss er mit einer Sperre von bis zu zwei Jahren rechnen. Strikes von verschiedenen Organisationen ( Wada , Nada sowie zuständigem internationalem Verband) werden addiert.

Die Ein-Stunden-Regelung wird durch die Angabe von Aufenthaltsdaten zum Ende eines Quartals für jeden Tag der darauffolgenden drei Monate ergänzt. Wird ein Athlet bei einer Stichprobe nicht am angegebenen Ort angetroffen, kann ebenfalls ein Strike erteilt werden. Mannschaftssportler aus gering gefährdeten Sportarten werden in Mannschafts-Whereabouts getestet. Dafür melden die Vereine der Nada die Trainingspläne der Mannschaft.

Aufgrund des seit Beginn 2009 gültigen neuen Nada-Codes werden Athleten je nach Risikobewertung der Agentur für Doping in drei unterschiedliche Testpools eingeordnet und unterliegen verschiedenen Meldepflichten: Im International Registered Testing Pool (RTP) sind rund 1400 Athleten zusammengefasst, zu denen A-Kader und A-Nationalteams der Sportarten der Gefährdungsstufe I gehören. Sie müssen nicht nur bis zum 25. des Vormonats Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit für ein Quartal machen, sondern auch die Ein-Stunden-Regelung beachten. Im Nationalen Testpool (NTP) für Kader-Athleten der Gefährdungsstufe II und III gilt diese Regel nicht. Alle anderen Athleten werden im Allgemeinen Testpool (ATP) zusammengefasst.