Werner Franke weiß, wie man sich inszeniert. Wie ein Fels baut sich der Heidelberger Krebsforscher und selbsternannte Dopingbekämpfer vor Stefan Schumacher auf. Und dann wird es laut vor Saal 18 des Stuttgarter Landgerichts, so laut, das auch das letzte Fernsehteam die Kamera hochreißt.
"Das hier ist ein Ort der Wahrheitsfindung", herrscht Franke zornig den verduzten Radprofi an, "ich fordere sie auf, nennen sie den Namen des Arztes." Schumacher wirkt in seinem dezent grauen Anzug zwar wie ein verschreckter Schüler, doch der 31-Jährige lässt sich nicht erweichen. Nicht in der Verhandlungspause und auch davor und danach nicht von Richter und Staatsanwalt.
Franke will den Name des Gerolsteiner-Mannschaftsarztes wissen, der Schumacher das Epo-Präparat Cera besorgt hat. doch der wegen Betrugs Angeklagte gibt dieses Geheimnis nicht Preis. Das sei eine "Frage der Ehre", so Schumacher.
Ehre - was für ein merkwürdiges Wort im Zusammenhang mit einem Betrugsprozess gegen einen Radprofi. Der erste Verhandlungstag brachte vor allem Einblicke in eine Welt, in der die Lüge ebenso zum Alltag gehört wie das Verdrängen von Realitäten.
Aber um was geht es eigentlich?
Es ist das erste Mal in Deutschlands Sportgeschichte, dass ein Athlet wegen des Vorwurfs Betrug durch Doping vor einem Strafgericht steht. Betrug meint dabei nicht das Hintergehen von Gegnern und Fans durch die Einnahme chemischer Schnellmacher, sondern Betrug am Arbeitgeber, der seine Gehaltszahlungen vertraglich an die Bedingung knüpft, dass der Job dopingfrei erledigt wird.
Hat sich Schumacher 151.462,50 Euro erschlichen?
Sollte Schumacher verurteilt werden, gäbe es den Präzedenzfall, dass ein dopender Profiathlet nicht nur gesperrt wird, sondern auch vorbestraft ist und im schlimmsten Fall ins Gefängnis wandert.
Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ist jedenfalls davon überzeugt, dass Schumacher sich exakt 151.462,50 Euro an Gehalt für drei Monate betrügerisch erschlichen hat, weil er mehrfach gegenüber Gerolsteiner-Manager und Teameigner Hans-Michael Holczer versicherte, niemals vertragswidrig mit Cera gedopt zu haben. Das hat er aber unstrittig, Schumacher beichtete seine ganze Doperkarriere vor Prozessbeginn am Ostersamstag im SPIEGEL.
Die Große Strafkammer muss jetzt klären, ob er damit auch seinen Arbeitgeber betrogen hat. Es geht also um die Frage: Wusste Teameigner Holczer, was sein Schützling da so trieb - oder nicht? Wenn ja, wie Schumacher behauptet, wäre der Prozess schnell zu Ende, weil man keinen mit Doping betrügen kann, der darüber Bescheid weiß. Holczer bestreitet die Vorwürfe bisher.
Die Näherung an die Frage offenbarte dann am ersten Prozesstag aber vor allem Einblicke in die verbale Gruselwelt des Radsports. Egal ob Richter, Staatsanwaltschaft oder Schumachers Anwälte den Angeklagten fragten, die Antworten klangen ähnlich. Holczer habe vom Doping im Team gewusst, sagte er und begründete dies mit Szenen, in denen er eine Zustimmung von Holczer zum Doping herausgehört haben will. Zum Beispiel nach der Tour de France 2007.
Das Team und Schumacher waren schlecht gefahren, Holczer habe daraufhin in "vier bis fünf Gesprächen" mit Schumacher gejammert, die anderen Teams benützten das Dopingpräparat Dynepo, deshalb hätte Gerolsteiner keine Chance. "Ich habe das als Aufforderung verstanden, was zu tun", erklärte Schumacher, "weshalb sollte er mir das sonst so oft unter vier Augen sagen?"
"Das will ich gar nicht hören"
Die vier Augen - auch so ein Mysterium des Radsports. Offen über Doping würden immer nur zwei Menschen reden, so Schumacher, käme ein Dritter dazu würde verklausuliert. Und da ergeht man sich dann offenbar in Andeutungen und Nichtssagen. Ob das gerichtsverwertbar ist?
Konkret wurde der Angeklagte aber auch. Neu ist, dass Schumacher das Cera, auf das er 2008 positiv getestet wurde, zunächst von einem Teamarzt und danach von seinem Profikollegen und Zimmergenossen Bernhard Kohl erhalten haben will. Neu ist auch, dass er nach eigener Aussage, einmal versucht habe, Holczer ganz konkret zu sagen, dass er Cera spritze. Dazu kam es aber nicht, weil ihn Holczer mit den Worten "Das will ich gar nicht hören" abgewürgt habe. Um diese Szene ging es stundenlang - ohne konkretes Ergebnis.
Am Ende des ersten Tages waren aber wenigstens die Strategien klar. Schumachers Verteidiger werden versuchen, Doping als derart alltäglich im Profiradsport dazustellen, dass Holczer selbst dann davon gewusst haben muss, wenn nicht konkret gesprochen wurde. Dagegen zieht der Staatsanwalt Schumachers Glaubwürdigkeit generell in Zweifel.
An kommenden Mittwoch geht es weiter. Vernommen wird der Zeuge Hans-Michael Holczer. Man darf gespannt sein.
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