Radsport-Skandal Verdrehtes Denken

Die Tour de France hat ihren Skandal schon vor dem Start. Alle Topfavoriten sind aus dem Rennen. Sie werden verdächtigt, gedopt zu haben. Dass die Rennställe umdenken, ist nicht anzunehmen. Schon aus der Festina-Affäre 1998 hat, wie man nun sieht, keiner gelernt.

Von Sebastian Moll


Der Radsport hat sich sehr bemüht, angesichts seines neuesten Dopingskandals Entschlossenheit zu demonstrieren. Team T-Mobile schickte gestern seinen Star Jan Ullrich nach Hause, nur Minuten, nachdem ein Fax mit belastenden Dokumenten von den spanischen Ermittlern eingegangen war. Auch die 21 Teamchefs der Tour-Mannschaften handelten schnell, um wenigstens etwas von der 93. Frankreich-Rundfahrt zu retten. Man war sich schnell einig, alle Fahrer, gegen die in Spanien wegen des Verdachts aus Blutdoping ermittelt wird, von der Tour auszuschließen. Nachnominierungen sind ausgeschlossen.

Radprofi Ullrich: Krumme Tour?
DPA

Radprofi Ullrich: Krumme Tour?

Am selben Tag hatte die französische Sporttageszeitung "L'Equipe" in ihrem Editorial die Affäre um den Madrider Blut-Anreicherer Eufemanio Fuentes als Zeichen dafür gedeutet, dass der Radsport endlich umgedacht habe. Leidenschaft habe heutzutage den Platz der Indifferenz im Kampf gegen das Doping eingenommen, erklärte das Blatt feierlich. 1998 hatten französische Polizeirazzien das ganze unappetitliche Ausmaß des Epo-Missbrauchs im Radsport aufgedeckt. Damals habe jeder jeden gedeckt. Heute hingegen, so "L'Equipe", gebe es konkrete Untersuchungen, konkrete Anklagen, konkrete Maßnahmen.

So wehrt sich der Radsport dagegen, die neueste Affäre nicht als Rückfall in alte Gewohnheiten oder gar als Zeichen der Unverbesserlichkeit zu sehen. Im Gegenteil - die jüngsten Aktionen sollen dem Publikum, den Sponsoren und den Medien weismachen, dass der Radsport sich erneuert habe. Das klingt wie ein Standardargument, das man schon lange im Radsport hört. Der 2005 zurückgetretene Tour-Rekordsieger Lance Armstrong etwa wird seit Jahren nicht müde, darauf hinzuweisen, dass der Radsport mehr gegen das Doping tut als jeder andere Sport. Die vielen entdeckten Dopingfälle seien nur darauf zurückzuführen, dass hart durchgegriffen wird.

Es ist schon eine arg verdrehtes Denken, dass aufgedeckte Betrügereien in erster Linie ein Zeichen für Aufklärung sind und eben nicht für weit verbreiteten Betrug. Und auf den Fall der aktuellen Tour trifft es schon gar nicht zu. Denn es war wie schon 1998 der Staat, diesmal der spanische, der die tief verwurzelte Kultur des Dopings im Radsport zutage gefördert hat. Der Radsport selbst hat letztlich nur reagiert. Seit 1998 hat sich nicht viel geändert.

Das sagen selbst Leute aus dem Sport. Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer erklärte gestern: "Wenn das, was man alles hört, stimmt, ist es schlimmer als 1998." Die von der spanischen Nationalpolizei Guardia Civil aufgedeckte Praxis, dass Blutkonserven in Kühltaschen kreuz und quer durch Europa verschifft, angereichert und dann wieder injiziert wurden, findet Holczer gleich aus mehreren Gründen abstoßend und verstörend.

Neben der hygienischen Unappetitlichkeit solcher Machenschaften gibt vor allem die Unverfrorenheit und das nach wie vor kaum ausgeprägte Unrechtsbewusstsein zu denken. Holczers inzwischen entlassener Kollege Manolo Saiz, eine der einst angesehensten Figuren im Profiradsport, tauschte in aller Öffentlichkeit 60.000 Euro gegen Blutkonserven ein. Das sieht nicht gerade nach Skrupel aus.

Aber Fairness war dem Radsport schon immer fremd. Die Tour des France war von Beginn an kein ritterlicher Kampf, sondern ein Massenspektakel. Und Kern des Spektakels war es, wie unglaublich das ist, was die Fahrer sich zumuten. Danach, wie sie das schaffen und womit sie nachhelfen, wurde in den ersten 70 Jahren des Sports nicht gefragt. Das ging niemanden etwas an.

Genau so denken im Radsport bis heute noch viele. Die Mehrheit der Fans interessiert es auch nicht. Richard Virenque, eine der zentralen Figuren des Festina-Skandals von 1998, ist immer noch (oder gerade deshalb?) einer der beliebtesten französischen Rennfahrer. Als die Tour ihn 1999 ausladen wollte, gab es Proteste und Solidaritätsbekundungen.

In diesem Jahr muss sich das Publikum nach dem Ausschluss von Ullrich und Co. mit einer Tour ohne Stars anfreunden. Vielleicht verlieren die Zuschauer an einem solchen Rennen ja dann das Interesse, wenn Blutbeutel und Polizeirazzien das schon nicht vermochten. Das würde den Radsport wirklich schmerzen, denn dann würden auch die Sponsoren ausbleiben. Reformieren würde vermutlich jedoch auch das den Sport nicht – dafür ist es wohl schon lange zu spät.



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