Ausstieg von Team Sky im Radsport Wie ein Sturz bei Tempo 70

Jahrelang hat das Team Sky den Radsport beherrscht, und plötzlich zieht der Eigentümer und Sponsor den Stecker, steigt aus. Nach erdrückender Dominanz und Dopingvorwürfen jetzt - ein Neuanfang?

Die Sky-Fahrer Geraint Thomas (l.) und Chris Froome
CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA-EFE/REX

Die Sky-Fahrer Geraint Thomas (l.) und Chris Froome

Von Eike Hagen Hoppmann


Der Ausstieg des Medienunternehmens Sky trifft den Radsport mit einer Wucht wie einen Fahrer ein Sturz auf der Zielgeraden bei 70 km/h. Was die genauen Unfallfolgen sein werden, ist jetzt noch schwer abzuschätzen. Zu sehr hat Sky den Radsport im vergangenen Jahrzehnt geprägt - im Positiven wie im Negativen. Und zu sehr hängt der Erfolg eines Radsportteams vom Sponsor ab.

Am Mittwochmorgen kündigte Sky per Mitteilung seinen Rückzug aus dem Radsport an. Sky ist nicht nur Sponsor, sondern auch Eigentümer des gleichnamigen Teams, das den Radsport in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderes in seiner Geschichte dominiert hat: In sechs der vergangenen sieben Jahre hat ein Sky-Fahrer die Tour de France gewonnen, viermal hieß der Sieger Chris Froome.

Die Fahrer sollen am Dienstagabend beim Abendessen von dem Rückzug erfahren haben. Das Team befindet sich derzeit im Trainingslager auf Mallorca und bereitet sich auf die neue Saison vor, die letzte in der aktuellen Konstellation.

Über die Gründe für das Aus wird viel spekuliert. In der offiziellen Mitteilung heißt es, das Unternehmen wolle ein neues Kapitel in seiner Entwicklung aufschlagen. "Wir werden unseren Fokus auf andere Initiativen richten", sagte Unternehmenschef Jeremy Darroch. Vermutlich hängt die Entscheidung mit der Übernahme von Sky durch das US-Unternehmen Comcast im Herbst zusammen. Die Entscheidungen treffen nun andere - und für den Radsport ist kein Geld mehr eingeplant.

In zehn Jahren zur Radsport-Macht

Sky war vor zehn Jahren in den Radsport eingestiegen. Das Ziel: Zum ersten Mal mit einem britischen Fahrer die Tour de France zu gewinnen. Das Unternehmen investierte insgesamt eine dreistellige Millionensumme und wurde innerhalb weniger Jahre zum erfolgreichsten Team des Sports. Als dann 2012 mit Bradley Wiggins tatsächlich ein Brite die Frankreichrundfahrt gewann, war das erst der Anfang.

Irgendwann wurde die Dominanz von Sky so groß, dass sogar Regeln geändert wurden. Die Mannschaftsstärke bei großen Rundfahrten und Eintagesrennen wurde von neun auf acht Fahrer reduziert. Es wurden verstärkt kurze, besonders schwere Bergetappen in die Rundfahrten eingebaut, um die Rennen für Sky schwerer kontrollierbar zu machen. Gebracht hat es wenig.

In diesem Jahr gewann Sky erneut die Tour und mit dem Giro d'Italia auch noch die zweitwichtigste Rundfahrt des Jahres. Zuletzt wurde sogar über eine Gehaltsobergrenze diskutiert, um die Dominanz von Sky einzudämmen.

So dominant Sky sportlich auftrat, so umstritten ist das Team. Immer wieder gab es Dopingvorwürfe gegen den Rennstall, unter anderem wegen einer dubiosen Medikamentenlieferung an Wiggins 2011 und einer positiven Dopingprobe von Froome 2017. Das ist womöglich auch einer der Gründe für den Rückzug - auch wenn das offiziell dementiert wird.

Die Zukunft ist unklar

Der Rückzug von Sky soll für die Mannschaft noch nicht das Ende sein. "Das Team ist offen für die Zukunft und die Zusammenarbeit mit einem neuen Partner", sagte Teamchef Dave Brailsford. "Wir sind noch nicht fertig." Bis zur Tour de France 2019 wolle man Klarheit über die Zukunft haben, teilte das Team in einem offenen Brief an die Fans mit.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Suche erfolgreich sein wird. Sky hat viele der Topfahrer langfristig an sich gebunden, sportlicher Erfolg wäre für einen neuen Geldgeber fast garantiert. Unwahrscheinlich ist aber, dass ein neuer Sponsor eine ähnlich hohe Summe wie Sky investieren kann und will, es sollen jährlich etwa 40 Millionen Euro sein.

In diesem Jahr hatten mit Quick-Step und BMC bereits zwei andere große Teams Probleme bei der Suche nach neuen Gelbgebern und verloren wichtige Fahrer. Die Machtverhältnisse im Radsport könnten sich damit demnächst grundlegend verschieben.

Sponsoren sind im Radsport so eng mit Erfolg verknüpft wie in kaum einer anderen Sportart. Und so sorgt die Entscheidung eines Unternehmens nun dafür, dass plötzlich eine ganze Sportart vor dem Umbruch steht.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stefan.p1 12.12.2018
1. Kann nur gut für den Radsport sein!
Sky hat in der aktuellen Besetzung mindestens 3 eher 4 Fahrer die die ZdF gewinnen könnten. Das ist eindeutig zu viel. Ob sich ein neuer Sponsor ein derart starkes und deshalb auch teures Team leisten kann,glaub ich nicht. Und deshalb glaube ich,das die Entscheidung von Sky gut für den Radsport ist.
kodu 12.12.2018
2. 40 Millionen im Jahr für die Katz!
Vielleicht haben die neuen Eigentümer den Verantwortlichen bei Sky mal die Filzbrille vom Gesicht genommen...Wer will denn einen sportlichen Wettbewerb sehen, der regelmäßig bereits im Vorfeld entschieden ist, weil mit finanzieller Hyperpotenz ein unschlagbares Team zusammengekauft werden konnte? Für die Radsport-Verantwortlichen besteht jetzt die große Chance, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen. Z.B. könnte man die Budgets deckeln, um eventuell allzu große und dauerhafte Dominanz eines Teams zu verhindern... Dadurch würde die Attraktivität für andere Sponsoren steigen und am Ende hätten sogar die Zuschauer und Fahrer etwas davon ...
ExigeCup260 13.12.2018
3.
Zitat von koduVielleicht haben die neuen Eigentümer den Verantwortlichen bei Sky mal die Filzbrille vom Gesicht genommen...Wer will denn einen sportlichen Wettbewerb sehen, der regelmäßig bereits im Vorfeld entschieden ist, weil mit finanzieller Hyperpotenz ein unschlagbares Team zusammengekauft werden konnte? Für die Radsport-Verantwortlichen besteht jetzt die große Chance, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen. Z.B. könnte man die Budgets deckeln, um eventuell allzu große und dauerhafte Dominanz eines Teams zu verhindern... Dadurch würde die Attraktivität für andere Sponsoren steigen und am Ende hätten sogar die Zuschauer und Fahrer etwas davon ...
Ist halt die gleiche Diskussion wie in allen anderen kommerziell betriebenen Sportarten mit extrem hoher Werbewirksamkeit auch (Formel1, Fußball etc.). Der nordamerikanische Profisport ist da schon ein Stück weiter.
Prussia Culé 13.12.2018
4. Zweierlei Maß
Zitat von stefan.p1Sky hat in der aktuellen Besetzung mindestens 3 eher 4 Fahrer die die ZdF gewinnen könnten. Das ist eindeutig zu viel. Ob sich ein neuer Sponsor ein derart starkes und deshalb auch teures Team leisten kann,glaub ich nicht. Und deshalb glaube ich,das die Entscheidung von Sky gut für den Radsport ist.
Komischerweise sagt das niemand über Quick Step Floors, die vor allem für die Eintagesrennen und Sprints auch 3, 4, 5 Fahrer haben, die diese gewinnen können. Movistar hat auch 3 Fahrer, die die Tour gewinnen können, da ist es seltsamerweise nicht zu viel - vielleicht wegen der schlechten Taktik. Teams wie Lotto NL oder Sunweb waren letztes Jahr schon mit Sky fast ebenbürtig und die Abstände zwischen den Topfahrern nicht sehr groß im Vergleich zu Armstrongzeiten oder den 90ern beispielsweise. ----- Aber wie schon gesagt: Wenn es um Dominanz im Radsport geht, dann gibt es oft zweierlei Reaktionen: Quick Step Floors dominiert die meisten Rennen, vor allem Klassiker (50-70 Siege 2013-18): "Beeindruckend!" ----- BMC dominiert die Teamzeitfahren: "Beeindruckend!" ----- Peter Sagan dominiert das Grüne Trikot seit Jahren: "Beeindruckend!" ----- Sky dominiert die Tour: "Langweilig!", "Es muss gegen Sky interveniert werden!", "Das ist nicht normal!"
kodu 13.12.2018
5. Interessanterweise liefern Sie die Gegenargumente gleich mit
Zitat von Prussia CuléKomischerweise sagt das niemand über Quick Step Floors, die vor allem für die Eintagesrennen und Sprints auch 3, 4, 5 Fahrer haben, die diese gewinnen können. Movistar hat auch 3 Fahrer, die die Tour gewinnen können, da ist es seltsamerweise nicht zu viel - vielleicht wegen der schlechten Taktik. Teams wie Lotto NL oder Sunweb waren letztes Jahr schon mit Sky fast ebenbürtig und die Abstände zwischen den Topfahrern nicht sehr groß im Vergleich zu Armstrongzeiten oder den 90ern beispielsweise. ----- Aber wie schon gesagt: Wenn es um Dominanz im Radsport geht, dann gibt es oft zweierlei Reaktionen: Quick Step Floors dominiert die meisten Rennen, vor allem Klassiker (50-70 Siege 2013-18): "Beeindruckend!" ----- BMC dominiert die Teamzeitfahren: "Beeindruckend!" ----- Peter Sagan dominiert das Grüne Trikot seit Jahren: "Beeindruckend!" ----- Sky dominiert die Tour: "Langweilig!", "Es muss gegen Sky interveniert werden!", "Das ist nicht normal!"
Denn, daß Peter Sagan einfach ein hervorragender Fahrer ist, aktuell vielleicht tatsächlich "Der Beste", ist unbestritten...auch bei den hochspannenden Klassikern kommt es viel mehr auf individuelle Klasse an, eine starke Mannschaft hilft da eher weniger, und deshalb gewinnt ja auch keineswegs immer derselbe Fahrer...(Anders als bei den großen Rundfahrten). Und das "Steher-Duell" im Ziel von Paris-Roubaix 2018, war doch Werbung pur. Bei Giro oder Tour dagegen hätte Christopher Fromme sicher deutlich weniger Chancen, wenn er nicht eine Mannschaft von (teuren) Klassementfahrern um sich hätte, die für ihn während der Etappen das Tempo so hoch halten kann, daß er (selbst wenig verausgabt) gegen Ende kaum noch Rivalen um die Zieleinläufe der entscheidenden Bergankünfte hat, oder die ihn nach Defekten oder Stürzen wieder ans Feld führen kann. Sky's Siege sind m.E. zuallererst Siege der finanziellen Stärke...und das ist doch schlicht langweilig, finden Sie nicht?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.