Reaktionen zum Özil-Rücktritt "Wir akzeptieren Rassismus never ever"

Nach Mesut Özils Rückzug loben türkische Regierungspolitiker "die ehrenhafte Haltung unseres Bruders". Deutsche Politiker schwanken zwischen Lob, Kritik und Dankbarkeit. Reaktionen im Überblick.

Mesut Özil bei der WM in Russland
DPA

Mesut Özil bei der WM in Russland


Nach dem Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Fußballnationalmannschaft und seiner scharfen Kritik am Deutschen Fußball-Bund haben sich türkische Regierungspolitiker auf die Seite des Fußballers geschlagen. Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen." Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln bei Twitter, weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Weiter schrieb er: "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"

Özil hatte am Sonntag die im Mai entstandenen Fotos mit Erdogan verteidigt. In drei Stellungnahmen übte er zudem unter anderem scharfe Kritik am DFB sowie an Sponsoren und Medien - und verkündete seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft (eine Chronologie der Ereignisse - vom Foto bis zum Rücktritt - können Sie hier nachlesen).

Fotostrecke

19  Bilder
Mesut Özil: Der Missverstandene

Auch Politiker aus Deutschland reagierten auf die jüngsten Aussagen Özils. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), schrieb bei Twitter, es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt hat". Und weiter: "Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssen sich Nationalspieler Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben." Diese berechtigte Kritik dürfe aber nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) schrieb, es sei ein "Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt". Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel bedankte sich bei Özil "für 92 Spiele und 23 Tore für die Nationalmannschaft. Schade, dass es nicht weiter geht." An "alle Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichen Wurzeln" schrieb er zudem: "Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever."

Paul Ziemiak (CDU), Vorsitzender der Jungen Union, warf Özil vor allem politische Naivität vor. "Niemand Vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Nordrhein-Westfalens Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU), die selbst türkische Wurzeln hat, sagte der Zeitung, Verbundenheit mit dem Heimatland der Eltern und Kritik an der Regierung würden sich nicht ausschließen. "Man kann ja auch bei uns kritisch gegenüber der Bundesregierung sein und Deutschland trotzdem lieben." Diesen Punkt scheine Özil aber "nicht verstanden zu haben". "Die Einladung eines Autokraten auszuschlagen wäre nicht respektlos gewesen. Es hätte Haltung gezeigt."

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte der "Bild": "Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland." Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten" - "gerade gegenüber jemandem" wie Erdogan.

Der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour nannte das Treffen von Özil und Erdogan einen großen Fehler, "auch wenn's Özil nicht einsieht". Er sagte aber auch: DFB-Präsident Reinhard Grindel hätte gehen sollen, nicht Özil (einen Kommentar zum DFB-Versagen im Fall Özil finden Sie hier). Ähnlich äußerte sich auch sein Parteikollege Cem Özdemir. Özils Foto bleibe falsch und seine Erklärung überzeuge nicht, schrieb er. Aber das Agieren der DFB-Spitze sei mindestens ebenso desaströs. "Grindel zerhackt unsere Integrationsgeschichte." Der DFB brauche einen Neubeginn.

aar/dpa/AFP

insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Das dazu 23.07.2018
1. Interessant
Der einzig vernünftige und sachliche Kommentar kommt von einer SPD Politikerin. Der Rest ist mittlerweile dermassen rechts, das es einen anwidert. Dumme Sprüche von Leuten, die tagtäglichen im Politgeschäft stecken. Die wissen natürlich, mit wem man Fotos machen darf und wer ein No Go ist. Da wird von "neuem Heimatland" fabuliert, als wäre Özil erst letztes Jahr eingebürgert worden. Sind diese Menschen eigentlich noch normal im Kopf? Diese Möchtegern-Politiker spalten Deutschland immer mehr und verstehen es nicht einmal. Und die CDU mittendrin. Es ist einfach unglaublich. So geht das braune erstarken.
maxmarius 23.07.2018
2. Fußball ist nur ein Spiel.
Kann es sein, dass die Sache um die beiden Fußballer komplett überbewertet wird? Um Fußball zu spielen muss man nicht der hellste sein. Demzufolge sollte man Äußerungen und Taten von Spielern und Funktionären nicht allzu wichtig nehmen.
AndreH 23.07.2018
3. Steilvorlage an die türkische Regierung
Hat Özil mit dem Fototermin einen Fehler gemacht? Vielleicht. Ich kenne die genauen Umstände nicht. Auf jeden Fall hätte er danach schnellstmöglich eine Erklärung abgeben sollen. Dennoch stehe ich auf Özils Seite. Erstens, weil sich jetzt alle Rassisten freuen und die Regierung der Türkei sich jetzt freut uns dort treffen zu können, wo wir dachten, wir wären der Türkei voraus, nämlich bei Integration und Toleranz. Zweitens, weil der DFB es offensichtlich nicht für nötig hielt sich hinter Özil zu stellen und die Angelegenheit aufzuarbeiten und zu bereinigen. Mein Fazit: Wir, die Deutschen, haben viel Rassismus und wenig Toleranz und Bereitwilligkeit zur Integration gezeigt. Und ich hatte gedacht, wir wären schon viel weiter.
rubraton 23.07.2018
4. Spießrutenlauf
ich bin kein großer Fan von Mesut Özil, dennoch zeugt und zeigt er durch den Besuch beim Präsidenten seine türkischen Wurzeln, sowie den Respekt und die Achtung an die Türkei. Das Mesut Özil aus der Nationalmannschaft austritt, war wohl zu erwarten, da Spießrutenlaufen auf Dauer jedem geschadet hat. Dennoch verstehe ich nicht weshalb ein Besuch, der meines Erachtens nicht politisch aktiviert war, grundsätzlich untersagt sein sollte, wenn man keine oder eine andere politische Meinung vertritt als die der Türkei. Große Staatsdiener treffen sich täglich mit präsidialen Beamten aus anderen Ländern, Kulturen und dessen politische Meinungen. Die Medien machen uns taglich zum Spielball unpolitisches Aufsehen zu erreichen und hashtagen meines Erachtens oftmals unangebrachtes Halbwissen. Leider sehen wir immer zu spät die Folgen und die entstandenen Missverständnisse durch unsere gute und oftmals naive Glaubwürdigkeit.
b.rimmons 23.07.2018
5.
Was da als persönliche Stellungnahme - eines "Nur-Fussballers" ohne jegliche politische Intentionen -veröffentlicht wurde, entspricht Punkt für Punkt den üblichen demagogischen Standards der AKP-Propaganda zur Indoktrination insbesondere der deutsch-türkischen Community: Mit der Besonderheit einer Direkt-Distribution an zig-Millionen Rezipienten. Somit werden binnen 12 Stunden via Presse, Online- sowie Soziale Medien mindestens eine halbe Milliarde Menschen mit und ohne Spezialinteresse an Fussball darüber informiert sein, wie ungerecht und doppelmoralisch, wie verlogen und korrupt, wie ausländer- insbesondere türkenfeindlich, rassistisch und islamophob, wie unmenschlich und vor allem wie undankbar die Deutschen doch sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.