Reinhard Heß "Widhölzl ist der Topfavorit"

Am Wochenende beginnt in Vikersund die Weltmeisterschaft im Skifliegen. Im Interview bezweifelt Bundestrainer Reinhard Heß, dass die Wettbewerbe in Norwegen zu reinen Schmitt-Festspielen werden.


Reinhard Heß, was erwarten Sie von ihren Springern bei der Skiflug-WM?

Reinhard Heß:

Wir kämpfen auf jeden Fall um einen Platz auf dem Treppchen. Sven liebäugelt mit einer Medaille und Martin hat den Willen, auch um Gold mitzuspringen. Von den anderen darf man nicht unbedingt so viel erwarten, auch wenn ich hoffe, dass beim Flieger Duffner der Knopf aufgeht. Ich bin echt gespannt, wie sich die jungen Uhrmann und Löffler schlagen. Das ist ja eine ganz neue Dimension für sie.

Reinhard Heß: "Keiner ist solch einem Druck wie die Deutschen ausgesetzt"
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Reinhard Heß: "Keiner ist solch einem Druck wie die Deutschen ausgesetzt"

Keine neue Dimension ist der riesige Erwartungsdruck, der besonders auf Martin Schmitt lastet...

Heß: Ja. Keiner ist solch einem Druck wie die Deutschen ausgesetzt. Dafür werden wir manchmal sogar belächelt und zweifellos ist das besonders für Martin eine zusätzliche Belastung. Aber wir haben die Geister gerufen, also können wir jetzt nicht meckern. Wir haben ja auch Schritte unternommen, damit die Springer mehr Ruhephasen bekommen, das hat schon in Willingen besser geklappt. Außerdem glaube ich, dass wir in Norwegen ruhiger leben werden.

Ruhig genug, damit speziell Schmitt um den Titel mitspringen kann?

Heß: Widhölzl ist der Topfavorit, ich sehe Martin nicht in dieser Rolle. Ich denke aber, dass Schmitt und Hannawald den Stress nach ihrer Ruhephase bis zur WM gut wegstecken können. Generell glaube ich, dass sich gegenüber dem Weltcup nicht viel ändern wird. Ich bin überzeugt, dass Widhölzl, Schmitt und Ahonen um den Titel springen werden, dazu kommen die Norweger Ingebrigtsen und Ottesen.

Glauben Sie, dass es in Vikersund einen neuen Weltrekord geben wird?

Heß: Die haben da elend gebaggert. Ich denke schon, dass die Veranstalter den Rekord angreifen wollen, obwohl mir ein Sprung von 220 Metern schon ziemlich unwahrscheinlich erscheint. Ich finde die Rekordjagd legitim, aber mir geht die ewige Flickschusterei mit immer neuen Baggern auf den Geist. Wenn mal eine neue Anlage mit einem den neuen Bedingungen angepassten Profil gebaut würde, würden den Springern 20 Meter mehr sicher nicht weh tun.

Wo sehen Sie die generellen Unterschiede vom Springen zum Fliegen?

Heß: Das ist einfach eine andere Dimension. Der Risikoanspruch ist höher, die Geschwindikeit und das Druckverhalten. Da ist keiner frei von Angst und vieles ist eine Frage des Schneids. Man ist halt der Situation des Vogels etwas näher.

Das Interview führte Lars Becker.



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