Springreiter Beerbaum zu Exzess-Vorwürfen "Viel zu lange weggeschaut"

Nach einem Bericht des SPIEGEL über sexuelle Übergriffe unter jungen Springreitern fordert Olympiasieger Beerbaum Konsequenzen. Der Verband sucht die Flucht nach vorn - auch weil die Probleme schon lange bekannt sind.

Olympiasieger Beerbaum
DDP

Olympiasieger Beerbaum


Springreiter Ludger Beerbaum hat nach einem Bericht des SPIEGEL über Alkoholexzesse und sexuelle Übergriffe im Nachwuchsbereich ein hartes Durchgreifen gefordert. "Es wurde viel zu lange weggeschaut," sagte er dem Sport-Informations-Dienst sid.

Beerbaum selbst habe schon alkoholisierte Jungreiter vom Turniergelände verwiesen. "Wir brauchen klare Regeln und Kontrollen bei Reitern, so wie es die NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur; d. Red.) bei den Pferden macht." Wer mit zu viel Alkohol erwischt wird, solle vom Turnier ausgeschlossen werden, beim zweiten Mal müssten längere Sperren ausgesprochen werden, sagte der viermalige Olympiasieger.

Fälle kursieren schon länger in der Reiterszene

Für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) sind die Probleme nicht neu. Die im SPIEGEL aufgeführten Fälle (Lesen Sie hier die ganze Geschichte auf SPIEGEL+) kursieren demnach schon länger in der Reiterszene. "Neu ist in diesem Prozess für uns, dass Alkoholkonsum in den letzten zwei Jahren mit Sachbeschädigung und sexuellen Übergriffen einhergehen", sagte Jugend-Abteilungsleiterin Maria Schierhölter-Otte bei einer Pressekonferenz im Rahmen des Bundeschampionats in Warendorf.

Dass der Verband mit seinen jungen Reitern Probleme hat, sei auch Generalsekretär Soenke Lauterbach schon länger bewusst. "Wir haben eine Gruppe von jungen Aktiven, die definitiv hier ein Problem hat", sagte er. Ein strukturelles Problem sehe man indes nicht. "Wir wollen und werden es nicht zu einem massiven Problem werden lassen." Wichtig sei nun, Fälle aufzudecken. Doch das sei schwierig, wie FN-Justiziarin Constanze Engel sagte: "Ein Gespräch an der Bar reicht uns nicht. Ohne Aussagen können wir rechtlich kein Verfahren führen. Es braucht Täter und Opfer."

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

In einem vom SPIEGEL geschilderten Fall von Alkoholmissbrauch und sexuellem Übergriff konnte der Verband einschreiten. Ein junger Reiter wurde zu einer 18-monatigen Wettkampfsperre durch das FN-Sportgericht verurteilt. Die Sperre ist jedoch noch nicht rechtskräftig, da der betroffene Reiter die Vorwürfe bestreitet und Widerspruch eingelegt hat. Die FN schaltete wegen der Vorwürfe auch die Staatsanwaltschaft ein.

Dass der junge Reiter während der laufenden Ermittlungen von Bundestrainer Otto Becker für Turniere nominiert wurde, begründete Generalsekretär Lauterbach mit der "Unschuldsvermutung", die auch im Sportrecht gelte. Seit dem erstinstanzlichen Urteil werde der Betroffene aber nicht mehr eingesetzt.

Tatsächlich hatte der FN dem SPIEGEL noch in der vergangenen Woche auf Nachfrage mitgeteilt, dass besagter Reiter "aus sportfachlichen Gesichtspunkten" weiter berücksichtigt wurde. Der Bundestrainer werde diese "neutrale Behandlung" dieses Reiters "bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung beibehalten".

"Eine neue Generation von Eltern" - Teil des Problems

Lauterbach verwies zudem auf Initiativen, die die FN ergriffen habe und weiter plane. "Wir betreiben schon seit einigen Jahren Präventionsmaßnahmen, insgesamt gegenüber sexualisierter Gewalt. Jetzt kommt noch Alkoholprävention in einer neuen Dimension hinzu", beschrieb Lauterbach die neuen Herausforderungen. "Wir beginnen mit Schulung, Sensibilisierung, Aufklärung unserer jungen Bundeskader-Athleten und ihrer Eltern."

Gerade die Eltern sieht Schierhölter-Otte in der Pflicht. Ohne sie käme der Verband nicht weiter. Doch von vielen der Erziehungsberechtigten höre sie: "Ihr da vom Verband in Warendorf braucht nicht unsere Kinder zu erziehen. Wir wissen selber, was gut ist und was nicht." Wenn dann diese Eltern den Alkohol in ihren Lkw mitbrächten zu den deutschen Jugendmeisterschaften, "was sollen wir dann machen? Das ist eine neue Generation von Eltern, die das ganz anders sehen als die meisten von uns."

Auch Beerbaum stellte klar, dass es in diesem Fall nicht nur einen Schuldigen gebe: "Das fängt bei den Eltern an und führt über die Trainer bis zu den Verantwortlichen im Verband. Alle sind nun gefordert."

sak/sid/dpa



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.