Es muss stockfinstere Nacht gewesen sein, rund 200 Seemeilen entfernt vor Kap Hoorn, als das Unglück geschah: Der französische Segler Jean Le Cam kenterte und geriet in Seenot. Die Vendée Globe, eine Nonstop-Einhand-Regatta um den Globus, zittert erneut um einen ihrer Teilnehmer. Erst vor drei Wochen hatte Yann Eliès, nach einem Oberschenkelbruch zwei Tage lang bewegungsunfähig in seiner Kabine gelegen, bis ihn die australischen Marine retten konnte. Insgesamt sind bei der härtesten Regatta der Welt nur noch 14 von 30 gestarteten Segler im Rennen.
Le Cam, 49 Jahre alt, Vater zweier Kinder, ist in Frankreich ein bekannter Mann und gilt als sehr erfahrener Segler. Bei seiner ersten Teilnahme an der Vendée Globe (2004/2005) wurde er auf Anhieb Zweiter.
"Wir wurden um 1.25 Uhr französischer Zeit von dem Chef der Shorecrew (die an Land verbliebenen Mitglieder des Teams, die Red.) Jean Le Cams alarmiert, dass es ein Problem an Bord des Schiffes gibt", gab Vendée-Globe-Renndirektor Julian Hocke am frühen Dienstagmorgen bekannt. "Jean hatte am Telefon noch die Information durchgegeben können, dass er ein Problem hat, dann brach die Kommunikation mit dem Boot ab." Eine genauere Beschreibung des Schadens war nicht mehr möglich.
In der Nacht hatte Le Cam laut Regatta-Präsident Philippe de Villiers noch per Funk mit einem Konkurrenten gesprochen und ihm von einem lauten Geräusch berichtet. "Mein Boot kentert!", soll Le Cam dabei gerufen haben.
Nachdem mehrere Versuche der Pariser Zentrale, den havarierten Segler zu erreichen, erfolglos geblieben waren, alarmierte die Rennleitung das Maritime Rescue Coordination Center (MRCC), einen weltweiten Verbund von Leitstellen zur Seenotrettung. In diesem Fall wurde das Center in Chile kontaktiert, das die Rettungsmaßnahmen koordinierte. Als erstes wurde ein 63 Seemeilen entfernter Öltanker gebeten, zur Unglücksstelle zu laufen. Die unter der Flagge der Bahamas fahrende "Sanagol Kassagie" nahm augenblicklich Kurs auf Le Cams Position, konnte aber aufgrund des starken Seegangs nicht eingreifen.
Zudem wurden die ebenfalls an der Regatta teilnehmenden Franzosen Vincent Riou und Armel Le Cléac'h, beide 200 Seemeilen von Le Cam entfernt, zu dessen letzter Position umgeleitet. Riou erreichte Le Cams Boot am Dienstag Nachmittag. Die "VM Matériaux" treibt kieloben, ist also gekentert. Riou rief nach Le Cam und hörte eine Antwort aus dem Inneren des Bootes. Mit einem kühnen Rettungsmanöver konnte Riou Le Cam dann am Dienstagabend aus seiner misslichen Lage befreien. Le Cam sei wohlbehalten an Bord von Rious Boot "PRB", teilten die Veranstalter der Regatta Vendée Globe mit.
Seit Dienstag 2.40 Uhr deutscher Zeit hatte zudem die automatische Seenotrettungsbake EPIRB (emergency position indicating radio beacon) Alarm gemeldet. Ihre Signale werden von einem oder mehreren Satelliten aufgefangen und an Bodenstationen der MRCC weitergeleitet, um die Position des in Seenot Geratenen bestimmen zu können. Eine EPIRB kann sowohl manuell als auch automatisch – beispielsweise durch Wasserdruck – ausgelöst werden.
Erste Erleichterung hatte es bereits um 9.45 Uhr gegeben, als ein ebenfalls von Chile ausgesandtes Suchflugzeug die "VM Matériaux" sichtete. Rund zwei Stunden später erreichte der Öltanker die Yacht und gab dem Skipper per Schallsignal zu verstehen, dass Hilfe vor Ort war.
Über den Grund der Kenterung kann bislang nur spekuliert werden. Da die See zum Zeitpunkt des Unfalls nicht allzu schwer war, scheint eine Kollision mit einem unbekannten Gegenstand am wahrscheinlichsten. Die Bilder vom verunglückten Boot lassen vermuten, dass die tonnenschwere Kielbombe, die die Yacht vor dem Kentern bewahrt, von der Kielflosse abgebrochen ist. Die Kenterung wäre das logische Ergebnis dieses Unfalls.
Yachten wie die "VM Matériaux" sind sowohl mit einer Crashbox am Bug sowie wasserdichten Schotten ausgerüstet. Nichtsdestotrotz kann ein Sinken des Bootes bei entsprechender Zerstörung der Struktur natürlich nicht vollkommen ausgeschlossen werden.
Für den Fall einer Kenterung weisen Yachten dieser Größe verschiedene Rettungssysteme auf. Ein Ausstieg aus einem kieloben treibenden Schiff ist durch Notausstiege am Heck immer möglich, eine Rettungsinsel von außen zu erreichen.
Die wohl spektakulärste Rettungsaktion in der 20-jährigen Geschichte der Vendée Globe gab es 1996/1997. Der Brite Tony Bullimore war am 5. Januar 1997 im Südpolarmeer in schwerem Sturm gekentert. Dem damals 55-Jährigen gelang es in der Luftblase innerhalb seiner mit Wasser vollgelaufenen Kabine zu überleben. Seine einzige Nahrung: ein Schokoriegel. Nach vier Tagen der Ungewissheit vernahm Bullimore dann ein Klopfen an der Außenseite seiner "Exide Challenger" – die australische Marine war gekommen um ihn zu retten. Bullimore tauchte aus der havarierten Yacht und wurde sicher nach Perth gebracht. Er segelt bis heute.
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