Posse um Handball-Terminstreit Nur Verlierer

Handball paradox: Die Rhein-Neckar Löwen müssen zwei Spiele gleichzeitig austragen, eines in Kiel, das andere in Polen. Der Klub ist das Opfer eines Machtkampfs zwischen deutschem und europäischem Verband.

Löwen-Profi Kim Ekdahl Du Rietz (l.)
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Löwen-Profi Kim Ekdahl Du Rietz (l.)

Von Michael Wilkening


Ein Champions-League-Achtelfinale, das sollte eigentlich ein Highlight sein für einen Sportverein und seine Fans. Beim Deutschen Handball-Meister Rhein-Neckar Löwen sieht man das seit Donnerstag anders. In den Worten von Team-Kapitän Andy Schmid: "So machen wir unseren Sport kaputt", und: "Das ist eine Verarschung der Fans".

Was Schmid meint, ist der Umstand, dass die Löwen am 24. März beinahe zeitgleich an zwei Orten spielen sollen. In der Bundesliga ist das Top-Spiel beim THW Kiel angesetzt, das wegen der Pause in der Fußball-Bundesliga zur besten Sendezeit um 18.10 Uhr in der ARD-Sportschau übertragen werden und ein Millionenpublikum erreichen soll. In der Champions League muss das Team zwei Stunden vorher beim polnischen Meister KS Kielce antreten. Damit haben die Löwen ein groteskes Problem.

"Wir können leider nicht zaubern", sagt Trainer Nikolaj Jacobsen. Die Klubverantwortlichen haben sich entschieden, mit den Profis in Kiel zu spielen und mit der Drittliga-Reserve nach Kielce zu reisen.

Der THW Kiel musste den gleichen Konflikt lösen, er sollte zeitgleich sein Champions-League-Match beim SC Szeged aus Ungarn bestreiten. Der THW stimmte jedoch einem Tausch des Heimrechtes zu und tritt bereits drei Tage zuvor gegen Szeged an. Das Heimteam kann in der Königsklasse den Spieltermin bestimmen - und um größeren Schaden abzuwenden, gaben die Kieler die sportlich erkämpfte Möglichkeit ab, das Rückspiel vor den eigenen Fans auszutragen.

Die Bundesliga hat sich verzockt

Paradox an der aktuellen Lage ist, dass die Kieler in der Champions League auf die Löwen getroffen wären, wenn sie im finalen Gruppenspiel in Paris verloren hätten. So hätten beide Teams problemlos eine Lösung für die zu einer Absurdität ausgearteten Terminkollision finden können. Für die Verantwortlichen der Handball-Bundesliga (HBL), die sehenden Auges in die Malaise geschlittert waren, wäre das die beste Lösung gewesen. Doch sie haben sich verzockt. Eine geräuscharme Lösung für die Terminüberschneidung war nicht mehr möglich, das Problem wurde öffentlich.

Zuletzt hatten die Löwen angeboten, erst am Samstag in Kiel zu spielen, um direkt im Anschluss nach Kielce zu fliegen, um dort am Sonntag anzutreten. So ähnlich hatte es der Klub bereits im vergangenen November getan, als die Löwen zunächst in Leipzig und keine 25 Stunden später in Barcelona auf dem Feld standen. Damals habe der europäische Verband (EHF) laut eigener Aussage auch von den Löwen "heftige Kritik" einstecken müssen, weil das Pensum zulasten der Gesundheit der Spieler gegangen sei. "Deswegen war eine Ansetzung des Spiels am Sonntag ausgeschlossen", so ein EHF-Sprecher.

Die Fronten zwischen der EHF und der HBL sind seit Jahren verhärtet, darunter leiden die Top-Klubs der Bundesliga. Es geht um die Hoheit über die Sportart, die sowohl der europäische Dachverband als auch die sich selbst so titulierende "stärkste Liga der Welt" für sich beanspruchen. Während die Rangordnung im Fußball klar geregelt ist, schwelt bei den Handballern ein Machtkampf zwischen EHF und HBL.

Besserung? Ist nicht in Sicht

Deutschland ist innerhalb der EHF der größte (Werbe-)Markt und hatte viele Jahre sportlich und wirtschaftlich die Führungsrolle inne, doch inzwischen sind der Verband und die europäischen Top-Klubs nicht mehr bereit, sich dem Diktat der Deutschen zu unterwerfen. Vielmehr solle "die Lokomotivfunktion" der europäischen Wettbewerbe anerkannt werden. Den Handball als Teamsportart Nummer zwei hinter Fußball wollen sowohl die EHF als auch die HBL positionieren, beide Seiten sprechen von einer notwendigen "Professionalisierung" - allerdings jeweils vorrangig über das eigene Produkt. Das sorgt für absurde Konstellationen, die der Sportart ein amateurhaftes Antlitz verleihen.

In den kommenden Jahren wird sich an der verzwickten Lage wenig ändern. Die aktuellen TV-Verträge gelten bis 2020 und der Rahmenterminkalender der EHF sieht weiterhin Überschneidungen vor. Im November 2018 und im März 2019, wenn die ARD weitere Handball-Live-Spiele zur Sportschau-Zeit plant, sind Champions-League-Termine angesetzt. Erst ab 2020, wenn die Verträge der EHF mit den TV-Partnern in ganz Europa neu ausgeschrieben sind, ist eine Änderung denkbar. "Dann wird es feste Spieltage in der Champions League geben", sagt HBL-Chef Frank Bohmann und hofft auf eine bessere Planbarkeit für die Bundesliga.

Womöglich täuscht er sich. "Das ist unser Wunsch", erklärt David Szlezak, Direktor der EHF Marketing GmbH und Organisator der Champions League, mit Blick auf eine Abkehr der aktuellen Praxis, die vier Wochentage als möglichen Spieltermin vorsieht. Den Wunsch gab es allerdings vor zehn Jahren auch schon, und vor fünf, und vor drei. Die unterschiedlichen Interessen zusammenzuführen ist bis heute nicht gelungen.



insgesamt 3 Beiträge
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zieglerm 09.03.2018
1. Das ist eine Farce überhaupt eine Mannschaft hinzuschicken
Nicht anzutreten wäre sportlich ehrliche. Was für ein Irrenhaus.
Mike1108 09.03.2018
2. Funktionäre vs Sportler
Das ist nicht neu. Vor 10 Jahren ist mal Würzburg in Düsseldorf im Tischtennis in der 1 Bundesliga mit einer Kreisligamannschaft angetreten.... War auch unfassbar, aber die Erde dreht sich weiter. Wenn die Heimmannschaft ein niveauvolles Spiel wollte, hätte man sich ja auf einen Termin unter der Woche einigen können..... Aber so gibt es viel Aufmerksamkeit für eine Randsportart. Nicht unclever.
wetzer123 09.03.2018
3. Das Problem sind mangelnde Rahmenspielpläne
Diese EHF Spiele sind einfach an zu willkürlichen Tagen. Beim Fußball steht fest CL ist Di/Mi und es stehen auch vorher die Wochen fest, daran können die Bundesligen ihre Spielpläne festmachen. Wenn nun aber bei der Handball CL die Spiele quasi ständig sein können kann man auch nicht dafür planen. Einfach nur vernagelt.
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