Doping in Russland "Sie leugnen, leugnen, leugnen"

Am Dienstag entscheidet das IOC, ob Russland von den Winterspielen in Südkorea ausgeschlossen wird. Für den ehemaligen Chefermittler der Staatsdoping-Affäre, Richard McLaren, gibt es nur eine Lösung.

Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi
AP

Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi

Ein Interview von Thilo Neumann


DER SPIEGEL: Richard McLaren, im Mai 2016 beauftragte die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada Sie damit, den Hinweisen nach russischen Dopingmanipulationen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi nachzugehen. Hätten Sie gedacht, dass Sie dieser Fall so lange begleitet?

McLaren: Nein, absolut nicht. Dieser Fall haftet wie Kleber an mir.

DER SPIEGEL: Ihr zweiter und letzter Untersuchungsbericht wurde am 9. Dezember 2016 veröffentlicht.

McLaren: Als der Bericht raus war, dachte ich, es sei vorbei. Nun nähern wir uns dem ersten Jahrestag, und ich habe weiter alle Hände voll zu tun. Ich muss Leuten unsere Webseite erklären, auf der wir Beweismaterial hochgeladen haben. Helfe ihnen, das System und die Dokumente zu durchblicken. Es hört einfach nicht auf.

DER SPIEGEL: Was unterscheidet die "McLaren Reports" von anderen Untersuchungen?

McLaren: Das hohe Maß an politischen Verstrickungen. Und: Die Arbeit war anders angelegt. Bei vorherigen Mandaten formulierte mein Team zum Abschluss Handlungsempfehlungen an die Auftraggeber, etwa bei meiner Untersuchung von Dopingfällen in der Major League Baseball oder dem Verdacht auf Verschleierung von positiven Dopingproben in der US-Leichtathletik. Die Verbände konnten dann selbst entscheiden, ob sie diesen Vorschlägen folgen oder nicht. Bei den "McLaren Reports" wurde uns ausdrücklich verboten, Empfehlungen auszusprechen. Es ist ein Bericht, in dem Fakten zusammengetragen wurden. Jeder, der die Arbeit liest, muss sich selbst durch die Materie denken - und hat dann vermutlich Fragen dazu. Ich denke, dass ist ein Grund, warum ich im Nachgang noch so viel zu tun hatte. Es gab kein natürliches Ende.

Zur Person
  • DPA
    Richard McLaren, Jahrgang 1945, ist ein kanadischer Rechtsprofessor. Im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hat er die Berichte über russisches Staatsdoping untersucht. Seine beiden Reports beschreiben das Betrugssystem bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014. Bereits früher untersuchte er Dopingsysteme, so etwa den Steroid-Missbrauch von US-Leichtathleten bei den Spielen in Sydney 2000.

DER SPIEGEL: Am Dienstag will das Internationale Olympische Komitee eine Entscheidung verkünden in der Russland-Frage. Wird sich die Situation dann entspannen?

McLaren: Ich hoffe es. Alle Beteiligten sollten den Fall hinter sich lassen und nach vorne schauen, das habe ich bereits vor einem Jahr gesagt. Aber ich verstehe, dass dies schwierig werden könnte. Die Wada beharrt auf dem Standpunkt, dass die Russen zugeben müssen, was in meinen Berichten steht. Aber Russland bleibt bei seiner Fassung: Es gab kein institutionelles System.

DER SPIEGEL: Aber Sie haben es nachgewiesen.

McLaren: Selbstverständlich. Viele Menschen, die sich mit meiner Arbeit beschäftigen, folgen meiner Argumentation, nicht der russischen. Und die Russen scheinen auch keine Informationen zu haben, die meinen Bericht widerlegen. Sie betreiben Erbsenzählerei, picken auf Einzelheiten herum. Aber Beweise, die substanzielle Ergebnisse meiner Arbeit entkräften würden, haben sie nicht. Wir haben eine Pattsituation, und so lange diese nicht gelöst ist, wird es weiter Probleme geben. Egal, was das IOC entscheidet.

DER SPIEGEL: Was halten Sie von der Strategie Russlands?

McLaren: Ich verstehe sie nicht. Wladimir Putin hat behauptet, meine Berichte sollen für Unruhe sorgen im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen im März 2018. Überlegen Sie mal, meine Arbeit begann vor eineinhalb Jahren! Ich glaube, je öfter solche Anschuldigungen publik werden, desto mehr schadet es Russlands Glaubwürdigkeit. Mit solchen Aktionen legen sie die Grundlage für immer größere, immer härtere Sanktionen - denn sie leugnen, leugnen, leugnen.

DER SPIEGEL: Also ist ihre Strategie kontraproduktiv?

McLaren: Ich kann nicht erkennen, was an dieser Strategie gut sein soll. Andererseits: Man muss auch sehen, dass Russland Veränderungen vornimmt. Sie sagen: Niemand, der in den "McLaren Reports" genannt wurde, arbeitet noch in der Funktion, die er damals ausübte. Nun, dann frage ich mich allerdings: Warum wurden diese Leute ausgetauscht, wenn es doch angeblich kein Problem gab? Vielleicht übersehe ich aber auch etwas. Präsident Putin ist ein cleverer Stratege.

DER SPIEGEL: Das IOC ermittelt bis heute, knapp ein Jahr nach dem Ende Ihres Mandats. Überrascht Sie das?

McLaren: Das müssen Sie die Beteiligten fragen, ich habe keinen Einblick in deren Arbeit.

DER SPIEGEL: IOC-Präsident Thomas Bach hat zwei Kommissionen eingesetzt: Die Schmid-Kommission suchte weitere Beweise für russisches Staatsdoping, die Oswald-Kommission strengt Verfahren gegen einzelne Athleten an, die involviert waren.

McLaren: Oswalds Arbeit bestätigt, was meine Experten herausgefunden haben - sie hätten das also gar nicht erneut tun müssen. Und es hat sie bedeutend mehr Geld gekostet als uns. Aber nun gut, ihre Untersuchung ist umfassender als unsere. Mein Team sollte nur herausfinden, ob es ein System gab, und das haben wir gemacht. Wir mussten nicht nach Beweisen gegen einzelne Athleten suchen.

DER SPIEGEL: Das IOC sagt, die "McLaren Reports" wären nicht geeignet für ihre Zwecke.

McLaren: Das IOC hat mich auch nicht beauftragt, sondern die Wada. Und die Wada wollte zwei Dinge von mir: Finde heraus, ob Whistleblower Grigorij Rodtschenkow die Wahrheit sagt über angebliche russische Manipulationen bei den Winterspielen in Sotschi. Ich sagte: Ja, das stimmt. Zudem sollte ich jeden auflisten, der wie auch immer Teil dieses Systems war. Ich ermittelte etwa 1.000 Sportler. Somit habe ich mein Mandat erfüllt.

DER SPIEGEL: Nun steht eine Entscheidung an. Haben Sie den Eindruck, dass das IOC Russland ausschließen will?

McLaren: Ich weiß nicht, was das IOC denkt. Aber ich habe meine eigenen Gedanken dazu. Es ist sehr schwer, eine angemessene Strafe zu finden. Man kann natürlich Sportler sperren, die Teil dieser Dopingverschwörung waren. Man muss aber auch prüfen, inwieweit es Personen gibt, die über dem Sportler stehen und involviert waren. Trainer, Mediziner. Die muss man sperren.

DER SPIEGEL: Einige sagen, wenn Russland doch antreten darf in Pyeongchang, sollte man ihnen die Teilnahme an der Eröffnungs- und Abschlussfeier verbieten.

McLaren: Für mich ist das keine adäquate Strafe für eine Tat, die in der Vergangenheit verübt wurde. Gleiches gilt, falls man die russische Flagge oder die Nationalhymne in Südkorea verbietet. Man sollte die Verantwortlichen finden und sanktionieren. Wir kennen solche Prozesse aus dem Finanzwesen. Gut, dort hat es nicht unbedingt zu großen Reformen geführt, weil die Verantwortlichen meist ebenfalls alles abstreiten. Sie plädieren vor Gericht auf nolo contendere - womit sie die Vorwürfe gegen sich weder bestätigen noch abstreiten, als Konsequenz zahlen sie eine Millionenstrafe. Russland wäre froh, wenn es dazu käme. Aber wäre das angemessen? Ich weiß es nicht. In der Finanzwelt würden die Verantwortlichen Haftstrafen bekommen.

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insgesamt 103 Beiträge
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RalfHenrichs 03.12.2017
1. McLaren spricht selbst von einer Pattsituation
Das bedeutet, dass nach seinem eigenen Urteil die Beweise nicht ausreichen. Ansonsten gäbe es ja keine Pattsituation. Und das bedeutet: Im Zweifel für den Angeklagten, also Freispruch Russlands. Aber klar ist, dass McLaren nach der vielen Arbeit sich ein anderes Ergebnis wünscht. Aber er ist ja nicht der Richter sondern eher so etwas wie ein Staatsanwalt. Und die Position der Verteidiger werden bei SPON ja nicht, vor allem nicht gleichrangig, dargestellt. Am Ende bin ich mir sicher, dass es russisches Staatsdoping gab. Aber ich bezweifel stark, dass russische Athleten weniger dopen als westliche und deutsche. Nur dopen diese anders (z.B. lassen sich sich von korrupten Ärzten bescheinigen, dass sie aus Krankheitsgründen die Dopingmittel benötigen).
jujo 03.12.2017
2. ...
Das IOC und andere haben Null Interesse entsprechend tätig zu werden, dazu steht zuviel (Geld) auf dem Spiel. Es wird nur herumgeeiert und wenn überhaupt gibt es nur Alibiaktionen.
mittelstadtuwe 03.12.2017
3. Und
es gibt keine Beweise Beweise Beweise (außer einer aussage eines Dubiosen Herrn)! Der McLaren-Report ist ein Witz und einfach nur Verlogen! Und - der Böse Russe - ist zur Zeit an allem Schuld........
lupenreinerdemokrat 03.12.2017
4.
Die Lösung von Herr McLaren könnte zum Beispiel lauten, dass man einheitliche Dopingtests und Kontrollen weltweit für alle einführt, die durch unabhängige Kontrolleure (aber wie bekommt man unabhängige, vor Bestechung sichere Kontrolleure?) durchgeführt werden. Das Problem ist nämlich, dass man im Fall von Russland zwar den Span im Auge des anderen sieht, aber leider den Blick für den Balken im eigenen Auge verloren hat. Außerdem beziehe ich mich auf den Artikel neulich bei SpON über die Dopingkontrollen beim DLV, die wohl die weltweit mit Abstand schärfsten Kontrollen sein dürften. Damit stellt man einen gewaltigen Nachteil für die deutschen Sportler im internationalen Vergleich her. So etwas darf es genauso wenig geben, wie die einseitige Konzentration auf Doping in einem Land, während man bei anderen Nationen (die die Medaillenspiegel mit großem Abstand anführen und somit sicher sein kann, wo am meisten gedopt wird) beide Augen zudrückt und es bestenfalls zur nachträglichen Verurteilung EINZELNER Dopingsünder kommt, während klar ist, dass auch hier ein System dahinterstecken MUSS.
wokri 03.12.2017
5. Das es Russen Doping gab ist Bewiesen!,
Ich bin mal gespannt was passiert. Würde mich freuen wenn die Russen gebannt werden. Es ist doch genauso wie beim e-Sport. Wer dort cheater wird gebannt, zuletzt erst ein ganzer Clan.
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