Olympia-Aus für Ringen Ohne Lobby keine Spiele

Für die Ringer war es ein Schock, für die Verantwortlichen offenbar die logische Konsequenz tiefgreifender Analysen: Der traditionsreiche Ringsport ist ab 2020 wohl nicht mehr olympisch. Dem Weltverband fehlt es an der nötigen Lobby - im Gegensatz zum Wackelkandidat Moderner Fünfkampf.

Von , Lausanne

Olympische Ringer: 2020 wohl nicht mehr dabei
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Olympische Ringer: 2020 wohl nicht mehr dabei


Im Schweizer Nobelhotel Lausanne Palace wurde kurzer Prozess gemacht. Das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) warf am Dienstag den Ringer-Weltverband Fila aus dem olympischen Programm. Bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wird zwar noch gerungen, 2020 aber sind höchstwahrscheinlich keine Ringer mehr dabei. Das IOC habe der Sportart den Todesstoß versetzt, urteilten die geschockten Betroffenen.

"Aus heiterem Himmel" käme das olympische Aus, sagte Manfred Werner, Präsident des Deutschen Ringer-Bundes (DRB). Der Weltverband Fila könnte ohne die millionenschweren Zuwendungen aus dem Vermarktungsprogramm des IOC genauso wenig existieren wie der DRB ohne die Unterstützung aus dem Bundesinnenministerium (BMI). Mehr als 60 Prozent der Fila-Einnahmen kommen vom IOC. Wenn die Sportart 2020 nicht mehr olympisch ist, fließt kein Geld, dann gibt es höchstens eine Überbrückungshilfe.

Der DRB, der 2011 noch mehr als eine Million Euro für den Spitzensport vom BMI kassierte, müsste als nichtolympische Sportart mit wenigen zehntausend Euro auskommen, wenn überhaupt. Es geht um die Existenz einer Sportart.

Die IOC-Führung habe das Olympia-Aus "mit Fachwissen und der kollektiven sportlichen Intelligenz" beschlossen, erklärte Kommunikationsdirektor Mark Adams. Abgestimmt wurde geheim.

Neue Sportarten haben oft kaum eine Chance

Für die Sommerspiele 2020 verbleiben somit zunächst 25 Kernsportportarten. Wenn die IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires den Austragungsort festlegt (Tokio, Istanbul oder Madrid), wird auch das Programm aufgestellt. Ringen darf dann zwar noch einmal antreten, muss sich aber der Konkurrenz von Baseball/Softball, Klettern, Karate, Rollschuhsport, Squash, Wakeboarden und die Kampfsportart Wushu stellen. Von diesen insgesamt acht Verbänden werden zwei in das Programm für 2020 gewählt.

Dass Ringen im Februar aussortiert und im September wieder aufgenommen wird, ist allerdings unwahrscheinlich - doch unmöglich ist im IOC nichts. Denn gerade die Diskussion um das olympische Programm hat schon einige absurde Wendungen genommen. Weil die Bestandswahrer zusammenhalten, haben neue Sportarten kaum eine Chance.

Dabei war IOC-Präsident Jacques Rogge 2001 mit dem Versprechen angetreten, das Programm zu reformieren. Nicht nur mit diesem Vorhaben ist er kolossal gescheitert. So verweigerte ihm 2002 in Mexiko und 2005 in Singapur die Session jeweils die Gefolgschaft und unterstützte beispielsweise den traditionellen Modernen Fünfkampf, Rogges ersten Streichkandidaten. Der überlebte allerdings auch die jüngste Abstimmung - dank des vehementen Einsatzes von Klaus Schorman, Präsident des Fünfkampf-Weltverbandes. Der band zahlreiche klangvolle IOC-Namen in seine Verbandsführung ein: etwa Juan Antonio Samaranch Junior, Sohn des langjährigen IOC-Präsidenten, oder Fürst Albert von Monaco.

Über Radsport und Gewichtheben wurde nicht diskutiert

Das überzeugte offenbar. So sehr, dass das seit der Antike olympische Ringen weichen musste. Das Problem: Die Fila, 1912 gegründet, hat keine Lobby. Ihren Präsidenten, den Schweizer Raphael Martinetti, kennt kaum jemand.

Anders als die Mächtigen im Hintergrund von Verbänden mit einer an Dopingvergehen nicht eben armen Vergangenheit wie Radsport oder Gewichtheben. Über ihren Ausschluss wurde wie immer nicht ernsthaft diskutiert. Trotz öffentlicher Kritik und Debatten hält das IOC-Exekutivkomitee an diesen Sportarten fest.

Transparent sind seine Entscheidungen nicht. So liegt auch der jüngste Bericht der IOC-Programmkommission unter der Leitung des Italieners Franco Carraro nicht öffentlich vor, vorerst wurden nur die Mitglieder des Exekutivkomitees informiert. Carraros Mannschaft hat nach eigenen Angaben die Lage sondiert und auch die Daten der Sommerspiele 2012 in London eingepflegt. Die Sportarten wurden in 39 Punkten miteinander verglichen, dazu zählen: TV-Einschaltquoten, Zuschauerinteresse, Organisationskosten, weltweite Verbreitung, Anzahl der Athleten, Vermarktung, Frauenquote, das allgemeine Medieninteresse und etliches mehr.

Eine Rangliste aller Sportarten wurde nicht erstellt - obwohl man mit den Ergebnissen in 39 Kategorien eine akzeptable Wertung erstellen könnte. Ranglisten aber mag das IOC nicht. Denn es soll, wie bei der Vergabe Olympischer Spiele, immer der subjektive Faktor entscheiden. So zum Beispiel schaffte es Rugby zu den Olympischen Spielen 2016: Jaques Rogge war belgischer Rugby-Nationalspieler.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
merlinberlin 12.02.2013
1. und?
wen kümmert´s?
7an 12.02.2013
2. Grund fehlt
Der Grund sollte aber auch in diesem Text stehen.
schwarzes_lamm 12.02.2013
3.
Zitat von merlinberlinwen kümmert´s?
Die Frage stelle ich mir auch jedes mal, wenn hunderttausende trotz des ständigen Verdacht von Schiebung und Doping exorbitante Summen für Eintrittskarten und Jahresabos für Pay-TV bezahlen um, Fußball zu sehen. Anscheinend braucht die Masse Kommerz als schöne Scheinwelt um wenigstens einmal in der Woche der Realität entfliehen zu können.
gumbofroehn 12.02.2013
4. Dann ringen eben nur noch die, die den Sport wirklich lieben
Es ist eine ungesunde Motivation, einen Sport nur deswegen zu betreiben, weil er olympisch ist. Mit Olympia kommt das Geld und mit dem Geld Anreize Grenzen zu überschreiten. Danke auch! Im Übrigen ist Ringen auch als olympische Sportart eine absolute Nischenveranstaltung.
Stephan 12.02.2013
5. Das ist aber kein olympischer Gedanke...
...so eine Grundsportart auszuschließen. Dann kann man ja gleich die Leichathleten ausschließen und nur noch coole Trendsportarten zulassen.
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