Von Peter Ahrens
Normalerweise ist eine Europameisterschaft der Ringer eine Veranstaltung, die von der Öffentlichkeit großzügig ignoriert wird. Zumal, wenn sie weit ab im Kaukasus im georgischen Tiflis stattfindet. Diesmal ist das anders, und das hat das Ringen dem Internationalen Olympischen Komitee zu verdanken. Dessen Beschluss, die Sportart ab 2020 aus dem Olympia-Programm zu verbannen, hat das Ringen vom Rand der Wahrnehmung ins Zentrum gerückt.
So wird EM, die am Dienstag begonnen hat, unversehens zur großen Bühne, auf der der Sport die Chance erhält, der Welt zu zeigen: Wir sind attraktiv, wir sind Olympia. Das IOC wird sehr genau hinschauen.
Es scheint, dass der überraschende Olympia-Beschluss des Exekutivkomitees vom Februar dem Ringen eher genutzt als geschadet hat. Jahrelang dümpelte die Sportart vor sich hin, eher lustlos hatte der Ringer-Weltverband Fila leicht am Regelwerk geschraubt. Der Sport wurde dadurch allerdings noch undurchschaubarer für das Publikum. Letztlich waren es oft die Mattenrichter, die subjektiv über Sieg oder Niederlage entschieden.
Ringen soll fernsehgerechter werden: Action soll her
All das soll sich künftig ändern. Das Ringen soll dem IOC - und das heißt: dem Fernsehen - gefallen, und dafür soll es künftig auf der Matte heißen: Mehr Action, mehr Kampf, weniger Taktik.
Wie man das genau hinbekommen will, hat der frischgewählte Fila-Boss Nenad Lalovic aus Serbien zwar noch nicht im Detail erklären können, aber er zeigt sich entschlossen, seinen Sport zu entstauben: "Wir hatten unseren Sport nicht modernisiert. Wir waren im Tiefschlaf und sind jetzt aufgewacht", sagt er. Spätestens 2014 sollen die neuen Regeln nach Lalovics Vorstellungen eingeführt werden. "Ein Sport ohne verständliche Regeln hat keine Zukunft", sagt er.
Der Serbe hat sein Amt erst Anfang März angetreten. Sein Vorgänger, der Schweizer Raphael Martinetti, gilt vielen als der Sündenbock dafür, dass die Ringer in der Olympia-Familie kein Standing mehr hatten. "Ihm fehlte die Nähe zum IOC", hat der Präsident des Deutschen Ringerbundes, Manfred Werner, bemängelt. Seit Lalovic jedoch das Kommando habe, "bewegt sich der Weltverband gewaltig, die weltweite Welle gegen das Olympia-Aus rollt", so Werner.
Iranisch-amerikanische Koalition fürs Ringen
Die weltweite Welle - sie hat zu einer ausgesprochen skurrilen Koalition geführt. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat sich beim Weltcup in Teheran mit der US-amerikanischen Delegation und vor der Stars-and-Stripes-Flagge ablichten lassen. Der Präsident soll dabei sogar gelächelt haben. Die iranische Ringer-Nationalmannschaft wird im Gegenzug im Mai in New York im Grand-Central-Bahnhof einen öffentlichen Schaukampf austragen.
Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, früher politisch ein Hardliner gegenüber Iran, ist nach Teheran gereist, um für die Sportart zu werben. Rumsfeld war in seiner Jugend Ringer, Ringen ist der Nationalsport in Iran. "Den Ringern gelingt, was die Politik seit Jahren nicht hinbekommt", sagt Werner. Dass Russlands Präsident Wladimir Putin sich für den Verbleib der Sportart eingesetzt hat, wird von den Ringer-Funktionären ohnehin bei jeder denkbaren Gelegenheit hervorgehoben. Putins Wort und Russlands Geld zählen viel im internationalen Sport.
Auch der deutsche Verband tut, was er im Rahmen seiner Möglichkeiten kann. Er hat eine Marketing-Agentur engagiert, die mit Plakaten wirbt, auf denen steht: "Wir bleiben dran. Wir bleiben drin." Oder T-Shirts mit dem Aufdruck "Rette das Ringen" verteilt. Die Abgeordneten des Bundestags haben ebenfalls schon Post vom Deutschen Ringerbund bekommen.
Bis Sonntag wird in Tiflis um die Medaillen im Freistil und im griechisch-römischen Stil gerungen. Aber noch nie waren Medaillen wohl so unwichtig wie bei diesen Titelkämpfen. Stattdessen werden die Tage von Tiflis zu einem Gipfeltreffen der Lobbyisten, zu einem Zentrum für Hinterzimmerdiplomatie und vertrauliche Gespräche. Der Ringer-Weltverband sieht sich gut vorbereitet.
Noch wichtiger als die EM ist für die Funktionäre ohnehin der 19. Mai, wenn sich die Sportart noch einmal vor der IOC-Exekutive präsentiert. Das Treffen findet in St. Petersburg statt, und allein das nehmen die Ringer-Verbände als ermutigendes Zeichen. Putin wird es schon richten.
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