Hommage an eine sterbende Sportart: Ringen um Fassung

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Ringen ist unsexy und unmodern, und die Besten kommen aus Aserbaidschan und Iran. Genau deswegen hat die Disziplin, die das IOC aus dem olympischen Programm verbannen will, ihren Reiz. Eine Hommage an eine unterschätzte Sportart.

Vor Günter Netzer und Franz Beckenbauer kannte ich Wilfried Dietrich. Mein Onkel Walter war in seiner Jugend Ringer gewesen, und wenn er am Kaffeetisch saß, erzählte er uns vom Kran von Schifferstadt. Bei den Spielen in München 1972 hob Dietrich den 182-Kilo-Brocken Chris Taylor über Kopf, drehte ihn artistisch in der Luft und brachte ihn irgendwie auf den Schultern zu liegen. Angeblich soll Taylor sich dabei das Genick angebrochen haben, sagt die Legende. Ich war sechs, saß vor dem Fernseher und wurder von dieser Minute an Ringer-Fan.

Bis heute habe ich keine Ahnung, wo Schifferstadt liegt. Ich nehme an, irgendwo in der südwestdeutschen Provinz, da wo ich auch Köllerbach, Mömbris, Berghausen und die anderen Ringerhochburgen vermute. Aber es ist für mich immer noch ein mythischer Ort des deutschen Sports. So wie Ringen, das 2020 nach 124 Jahren aus dem Programm der Olympischen Spiele der Neuzeit verschwinden soll, eine mythische Sportart geblieben ist.

Der Onkel nahm uns manchmal mit in die Sporthalle, wo die Jungs aus seinem alten Verein sich abmühten, ihre Gegner mit einem entscheidenden Griff auf den Rücken zu legen. Der Geruch von dünstenden Turnbeuteln und Männerschweiß ist für mich seitdem untrennbar mit dem Ringen verbunden. Ich komme heute in eine Sporthalle und sehe sofort kurze Männer mit langen Armen vor meinem geistigen Auge, in etwas lächerlich wirkenden roten oder blauen knappen Kampfanzügen, die ein wenig so aussahen wie das Badekostüm, das der US-Komiker Sasha Baron Cohen in dem Film "Borat" aufträgt.

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Zu Hause legten mein Bruder und ich dann Matratzen auf den Boden und spielten die Kämpfe nach, übten Mattenflucht und den Paketgriff. Ein gutes Training zudem für die Lebensrealität auf dem Schulhof. Da hieß der Paketgriff allerdings Schwitzkasten.

Die siebziger und achtziger Jahre - es ist heute unvorstellbar, wie oft im deutschen Fernsehen damals Tischtennis, Trabrennen, Rudern oder eben Ringen gezeigt wurden. Ein Sonntag ohne einen Ringkampf aus Mainz oder Köllerbach in der ZDF-Sportreportage, kommentiert von Klaus Angermann, war kein richtiger Sonntag. Mein Held war der Freistilringer Adolf Seger mit seinem schwarzen Kinnbart, dem das Brusthaar aus seinem Kampfanzug herausschaute.

Später dann die Olympischen Spiele von Los Angeles 1984. Ein Kessel Buntes, die große Show der US-Amerikaner, Albatros Michael Gross, der Triumph des Carl Lewis, alles große Augenblicke. Aber mein magischer Moment war ein anderer: als der 27-jährige Pasquale Passarelli aus Ludwigshafen im Kampf um Gold von dem Japaner Masaki Eto in die Mangel genommen wurde. Passarelli rettete sich in die Brücke und musste in dieser Körperhaltung 90 Sekunden ausharren, um den Olympiasieg über die Zeit zu retten. 90 Sekunden Olympia-Geschichte, und ARD-Kommentator Jürgen Emig rief sein beschwörendes: "Pasquale! Die Brücke halten!", in die Welt hinaus.

John Irving hat den Sport in den Rang der Weltliteratur erhoben

Der Schriftsteller John Irving, dem das große Verdienst zukommt, den Ringersport zum Objekt der Weltliteratur erhoben zu haben, hat mal gesagt: "Ringen war das erste Wichtige in meinem Leben. Vom Ringen habe ich Disziplin gelernt. Üben, üben, üben." Mein Professor im Sportstudium, der Sportmediziner Heinz Liesen, erzählte gerne mit wohligem Schauder die Geschichte, dass das Ringen die einzige Sportart sei, wo gezielt der Tötungstrieb trainiert werde. Er warnte uns nachdrücklich davor, einem Ringer direkt nach dem Training die Hand zu geben. Sie könne Schaden leiden. Unter diesem Gesichtspunkt hatte ich meinen Onkel noch nie betrachtet.

Ohnehin hat das Ringen seine dunkle Seite. Dopingvorwürfe haben es schon lange begleitet, es ist von der Natur her ein roher Sport. Zahlreiche ehemalige Ringer laufen auf ewig mit einem verformten Blumenkohlohr durchs Leben, weil sie zu oft auf den Boden aufgeschlagen sind.

Aber es ist auch ein ursprünglicher Sport geblieben. Ein Sport, der sich nicht angedient hat an die Vorgaben des Fernsehens, der seine Regeln nicht bis zur Unkenntlichkeit verformt hat, um massenkompatibel zu werden. Letztlich rangeln zwei Menschen auf einer Matte darum, wer der Geschicktere und Stärkere ist. An dieser Situation hat sich seit der Antike, seitdem olympisch gerungen wird, nichts geändert.

Und genau das wird dem Sport jetzt zum Verhängnis: Ringen ist nicht sexy, in keiner Weise cool, die Weltbesten kommen aus Aserbaidschan, Georgien oder Iran, also so ungefähr aus den am allerwenigsten hippen Ländern weltweit. Das IOC hat seine Disziplinen nach einem Kriterienkatalog abgearbeitet: Da ging es um TV-Quoten, Zuschauerzahlen, Ticketverkäufe, Verbreitung, Mitgliederzahlen und Attraktivität bei Jugendlichen. Es ging nicht um Tradition, um Historie, um das olympische Erbe. Ringen konnte da nur verlieren.

Bei den Sommerspielen in London im Vorjahr habe ich in der Ringerhalle noch einmal vorbeigeschaut. Es roch nach dünstenden Turnbeuteln und Männerschweiß.

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insgesamt 60 Beiträge
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1. ein Klasse Artikel
lollopa1 13.02.2013
da muss man nixx mehr hinzufügen!
2. na dann
Nonvaio01 13.02.2013
Zitat von sysopRingen ist unsexy und unmodern, und die Besten kommen aus Aserbaidschan und Iran. Genau deswegen hat die Disziplin, die das IOC aus dem olympischen Programm verbannen will, ihren Reiz. Eine Hommage an eine unterschätzte Sportart. Ringen verschwindet aus Programm bei Olympia - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/ringen-verschwindet-aus-programm-bei-olympia-a-883084.html)
brauchen wir ja auch kein Frauen Rodeln mehr, da gewinnen ja auch immer die Deutschen, oftmals sogar platz 1-3, total langweilig
3. optional
baroudeur 13.02.2013
Was haben wir damals vor 60 Jahren als erstes gelernt : ? Nicht Judo , Boxen , Karate , Taewondo oder K2 Jiu. Nein , Ringen . Ganz einfach Ringen.Ringen auf dem Schulhof,auf den Strassen . Ohne Regeln . Einfach nur Junge gegen Junge . Wer unten lag hatte verloren und der Kampf war vorbei.Heute , ? 5 gegen einen . Tritte ins Gesicht , in den Körper , auch wer kampfunfähig am Boden liegt wird weiter malträtiert mitunter zu tode geprügelt.. Die haben nie Ringen gelernt .Kampfsport nennt sich das heute. .
4. ?
quark@mailinator.com 13.02.2013
Zum einen ist das eine Frage der Berichterstattung durch die Medien. Ringen ist nur unattraktiv, weil die Zuschauer keine Ahnung mehr von den Details haben, auf die es in einem Kampf ankommt. So fehlt bei den seltenen Übertragungen die Möglichkeit Anteil zu nehmen. Aber Ringen, Diskus, etc. sind DIE klassischen griechischen Wettkämpfe, die zu Olympia einfach gehören - historisch gesehen. Wäre irgendwie schade, sie abzuschaffen. Besser wäre, man würde in DE mal den Blick über den ollen Fußball hinaus werfen. Es gibt jede Menge tolle Sportarten, die langsam verkommen, weil die Millionen in aufwändige Fußballstadien fließen. Für Ringen braucht man deutlich weniger.
5. geht es schon wieder los?
rbn 13.02.2013
die sache mit der "provinz". es gibt keine provinz im föderalen und dezentralisierten deutschland. provinz ist immer die gegend die man selbst nicht kennt. wenn ein spiegelredakteur den südwesten nicht kennt, so ist es eben für ihn provinz. für uns im süden liegt dann eben hamburg in der norddeutschen provinz. so einfach ist das.
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