Olympische Spiele 2016 Wie Simone Biles meinen Willen brach

Doping, Korruption und ökologische Verbrechen, die Olympischen Spiele boten genug Anlass für einen Boykott. Doch dann war da Simone Biles - die Wunder-Turnerin aus den USA war Patricia Dreyers Einstiegsdroge.

US-Star-Turnerin Simone Biles
Getty Images

US-Star-Turnerin Simone Biles


Darf ich Ihnen das kurz erklären?

Also, ganz grundsätzlich ist Olympia ja ein Dreck: Doping, korrupte Funktionäre, ökologische Verbrechen, fetter Reibach für Sponsoren.

Weiß jeder.

Ich weiß es auch - und es widert mich an. Hat IOC-Präsident Thomas Bach wirklich geglaubt, ich machte da noch weiter mit?

Hat er. Und er kann sich auf mich verlassen.

Alle vier Jahre reihe ich mich willig in die große Gemeinde deutscher Sportfans ein, die Spaß daran hat, eigene mangelnde Physis durch spontanes Expertentum bei Olympischen Spielen wettzumachen.

Wasserspringen? Ich traue mich im Schwimmbad kaum vom Einmeterbrett, bin aber nach circa 30 Sekunden Zuschauen bereits darüber im Bilde, dass der Auerbach gehockt dem Brasilianer vom Zehnmeterturm jetzt auch nicht mehr genügend Punkte bringt, um es noch ins Finale zu schaffen.

Golf? Mein einziger Besuch auf einer Driving Range endete mit einem Hexenschuss, aber schon nach bloßer Blitz-Beobachtung des olympischen Wettbewerbs ist mir völlig klar, dass es mit den deutschen Frauen nichts werden kann - haben Sie gerade diesen völlig verkorksten Pitch gesehen?

Sportgymnastik, Stabhochsprung, Synchronschwimmen, Badminton - Sportarten, denen ich im normalen Leben keinen Hauch Aufmerksamkeit widmen würde, machen mich in Olympia-Zeiten zur Sklavin des Livestreams.

Warum?

Russen zelebrieren freches Staatsdoping, und IOC-Präsident Bach hat nicht den Mut, klare Kante zu zeigen - und ich gucke trotzdem.

Die des Dopings überführte Schwimmerin Julia Jefimowa ist wieder dabei, vergleicht Verstöße gegen sauberen Sport mit Geblitztwerden im Straßenverkehr und heimst Medaillen ein - und ich gucke trotzdem.

Die russische Läuferin und Whistleblowerin Julia Stepanowa darf nicht zu Olympia, lebt desillusioniert im Untergrund und fürchtet um ihr Leben, Herr Bach erklärt sich für nicht zuständig - und ich gucke trotzdem.

Politischen Eliten in abgewirtschafteten Ländern wie Brasilien dient das IOC ein PR-Instrument wie Olympia an und hilft damit, diese Eliten zu perpetuieren - und ich gucke trotzdem.

Zum Gucken verführt hat mich die Berichterstattung über die US-Amerikanerin Simone Biles - eine Turnerin, so begabt, mit einer solchen Sprungfähigkeit, dass sie als "die beste aller Zeiten" gilt. Das will man sehen. Ich schaltete ein.

Und da liegt der Hund begraben: Was mich wider besseres Wissen an Olympia fasziniert, sind die Athleten. Verlierer und Gewinner, kämpfende und scheiternde, verrückte und verbissene. Ich bin entzückt von Menschen, die so begabt sind und so hingebungsvoll auf ihren Sport fokussiert, dass in ihren Darbietungen ein göttlicher Funke aufscheint. Ich finde im Sport, was der Mensch seit Beginn der Zeit in anderen Menschen sucht: Inspiration.

Was ich verloren habe, ist die reine Freude. Zuschauen fühlt sich an wie eine Niederlage.

Ich gucke noch zu, Herr Bach, aber ich tue es mit einem Gefühl des verlorenen Anstands.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Susi64 21.08.2016
1. Meine Helden sind
Hambüchen, weil er sich stetig verbessert hat und seine Laufbahn mit einer Goldmedaille gekrönt hat und Kristina Vogel, weil sie als Russlanddeutsche ein Beispiel für gelungene Integration ist. Warum muss ich immer diesem gehypten Superathleten zujubeln? Ich ziehe solide Arbeit vor. Simone Biles kann sich über ihre Siege freuen und ich werde ihr dazu herzlich gratulieren, ich verstehe nur nicht warum deutsche Zeitungen nicht auch zu ihren Helden stehen wollen! Ansonsten sollten alle Athleten ihren Ärzten danken, dass sie beim Doping nicht aufgefallen sind. Auch ein Phelps gewinnt nicht, weil er jeden Morgen ein Glas Milch trinkt.
erlenstein 21.08.2016
2.
"...IOC-Präsident Bach hat nicht den Mut, klare Kante zu zeigen ..." Täte er das, wär's mit Olympia vorbei. Als ob es lediglich um Russland ginge, hallo! Man schaue sich die Kraftpakete an, aber in jeder Disziplin und bei jedem Geschlecht, selbst die von Ihnen so geliebte Amanda Biles. Wachstumshormone, Antiwachstumshormone, Extasy, Testosterone, Antitestosterone, Blutdoping, usw. usf, die Wirkungen alle deutlich sichtbar, besonders auch bei der Reihe von "intersexuellen" Frauen im Laufsport. Oder bei der phänomenalen Leistungssteigerung der englischen Athleten, bei den Amerikanern und Chinesen sowieso. Ich schaue mir Olympia nicht mehr an, intessant wird es in ein paar Jahren, wenn endlich ein paar Testergebnisse der Urinproben öffentlich werden. Es war/ist/bleibt eine Farce.
Putin-Troll 21.08.2016
3. Konsequenz sein
Das einzige, was ich dieses Jahr von Olympia mitbekommen habe, waren die Schlagzeilen hier auf spiegel.de. Gezwungenermaßen, da die ganze Seite damit zugepflastert ist. Nun weiß ich, dass dass ein Schwimmer an der Tankstelle randaliert hat, Algen im Schwimmbecken gewachsen sind, ein Kanutrainer verstorben ist und ein Turner ein Reck geschenkt bekommen hat. Alles Dinge ich ich hoffentlich bald vergessen habe.
kuac 21.08.2016
4.
Zitat von Putin-TrollDas einzige, was ich dieses Jahr von Olympia mitbekommen habe, waren die Schlagzeilen hier auf spiegel.de. Gezwungenermaßen, da die ganze Seite damit zugepflastert ist. Nun weiß ich, dass dass ein Schwimmer an der Tankstelle randaliert hat, Algen im Schwimmbecken gewachsen sind, ein Kanutrainer verstorben ist und ein Turner ein Reck geschenkt bekommen hat. Alles Dinge ich ich hoffentlich bald vergessen habe.
Es ist schwer vorstellbar, dass Sie diese Dinge bald vergessen werden. So wie Sie die Sachen aufgezählt haben, scheint mir, dass diese die einzigen Sachen von dem Olympia sind, die Sie sich gemerkt haben.
grummelier 21.08.2016
5.
Zitat von Susi64Hambüchen, weil er sich stetig verbessert hat und seine Laufbahn mit einer Goldmedaille gekrönt hat und Kristina Vogel, weil sie als Russlanddeutsche ein Beispiel für gelungene Integration ist. Warum muss ich immer diesem gehypten Superathleten zujubeln? Ich ziehe solide Arbeit vor. Simone Biles kann sich über ihre Siege freuen und ich werde ihr dazu herzlich gratulieren, ich verstehe nur nicht warum deutsche Zeitungen nicht auch zu ihren Helden stehen wollen! Ansonsten sollten alle Athleten ihren Ärzten danken, dass sie beim Doping nicht aufgefallen sind. Auch ein Phelps gewinnt nicht, weil er jeden Morgen ein Glas Milch trinkt.
Die Ansicht, dass Medien nur Athleten aus dem selben Herkunftsland loben können, ist doch eine recht beengte und antiquierte. Oder ist es wirklich so schlimm, wenn etwa auch englische Zeitungen jemanden wie Usain Bolt besingen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.