Leichtathletik-Star Harting will noch einen großen Wurf

Robert Harting ist das Gesicht dieser Leichtathletik-Europameisterschaft, dabei sind seine besten Zeiten längst vorbei. Aber der 33-jährige Diskuswerfer will in seiner Heimatstadt noch einen letzten Coup landen.

Robert Harting
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Robert Harting

Von , Berlin


Für die Leichtathletik-EM haben sie sich in Berlin etwas Besonderes einfallen lassen: Jeden Abend, wenn es dunkel geworden ist, wird ein riesiges Porträt von Diskuswerfer Robert Harting auf ein Hochhaus am Bahnhof Zoo projiziert. Die Botschaft ist klar: Er ist die Lichtgestalt dieser Europameisterschaft.

Es gehört zu den Kuriositäten dieser EM, dass das deutsche Gesicht dieser Meisterschaft ein Athlet ist, dessen beste Zeiten schon eine Weile vorbei sind. Robert Harting ist Olympiasieger, er ist dreifacher Weltmeister, Europameister, es gab eine Zeit, da war er so gut wie unschlagbar. Wenn Harting auf diese Zeit zurückschaut, als er alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gab, sagt er: "Diese Superlativfigur Robert Harting, die immer nur Goldmedaillen gewonnen hat, das ist einfach krank."

Projektion Hartings in Berlin
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Projektion Hartings in Berlin

Harting ist mittlerweile 33 Jahre alt, die Europameisterschaft in seiner Heimatstadt Berlin wird sein letzter großer internationaler Auftritt, nach dem ISTAF im September ist endgültig Schluss mit der Sportkarriere. Harting hat sich gequält, er hat sich fast hingeschleppt, um dieses Ziel Berlin noch einmal zu erreichen.

Ein Jahr von der Kamera begleiten lassen

Angeschlagen, von Verletzungen geplagt ist er seit mindestens vier Jahren, im Januar haben die Ärzte noch einen Sehnenriss im Knie festgestellt. Andere hätten da abgewunken, vergiss es mit der EM. Aber Harting wollte unbedingt nach Berlin, er wollte diesen Auftritt, und nach seinem dritten Platz bei der Deutschen Meisterschaft in Nürnberg bekommt er ihn auch. Das war die Platzierung, die er brauchte, um sich noch einmal für die EM zu qualifizieren.

Die Schmerzen, die Rückschläge dieses letzten Harting-Jahres, all das ist sorgsam dokumentiert. Der Sportler hat sich seit der WM in London im Vorjahr von der Kamera des Dokumentarfilmers Guido Weihermüller begleiten lassen. Das Werk "Sechsviertel" ist zum Großteil schon im Internet zu sehen, es ist in der ARD gelaufen, aber der Film ist noch nicht fertig, es fehlt noch ein Kapitel.

Andere würden ihre Karrierehighlights verfilmen lassen, Harting schaut man dabei zu, wie er sich vom Sportlerleben verabschiedet. In "Sechsviertel" sieht man Harting im Alltag, beim Training, zu Hause mit Ehefrau Julia, man sieht, wie Harting nachts durch Berlin tigert, große Reklame-Pappwände abreißt, weil er sie als Material daheim braucht. Nicht für den Sport, sondern weil er sie bemalen will.

Es sind kurze Szenen, schnell geschnitten, Harting ist darin fast schon eine Kunstfigur. Es ist kein Zufall, dass Harting parallel an der Universität der Künste studiert. Der Spitzensportler Robert Harting ist fast schon hinübergeglitten in das Leben jenseits des Sports, dorthin, wo Diskuswerfen den meisten Menschen vollkommen gleichgültig ist.

Nichtverhältnis zu seinem Bruder

Aber noch gibt es Berlin, noch ist die Europameisterschaft, Harting ist nicht mehr der Favorit vergangener Tage, die Rolle hat jetzt eher sein jüngerer Bruder Christoph übernommen. Christoph, der in Rio de Janeiro olympisches Gold gewann, während sein Bruder unweit im Hotelzimmer mit einem Hexenschuss lag, nach dem er versucht hatte, die Nachttischlampe mit dem Fuß auszuknipsen: Diese Szene beschreibt das Verhältnis der beiden Harting-Brüder ganz gut. Man sollte es eher ein Nichtverhältnis nennen.

Harting nach dem EM-Sieg 2014
REUTERS

Harting nach dem EM-Sieg 2014

Bei den nationalen Titelkämpfen hat Christoph deutlich besser geworfen, die Bestmarke von 65,13 Meter von Robert hat Christoph allein sechs Mal in diesem Jahr schon übertroffen. Dazu kommt der Litauer Andrius Gudzius, der in der Weltjahresbestenliste weit vorn steht, sehr weit weg von all dem, was Robert Harting zuletzt imstande war zu werfen. Der Schwede Daniel Stahl, der Österreicher Lukas Weißhaidinger, sie alle sind besser, und sie sind jünger.

Alle haben Respekt vor ihm

Und dennoch haben alle im Werferfeld Respekt vor diesem Robert Harting. Der schon froh sein muss, wenn er die Qualifikation am Dienstag übersteht, um sich die Teilnahme am Endkampf am Mittwoch zu sichern. Aber das ist egal. Weil sie wissen, dass es Hartings allerletzter Coup ist. Weil sie wissen, über welche Willenskraft dieser 2,01-Meter-Riese mit dem Vollbart verfügt. Weil sie wissen, dass Hartings Scheibe von 50.000 Zuschauern getragen werden wird. Weil sie wissen, dass es Robert Harting ist.

Im Film sagt Frau Julia, die selbst eine sehr gute Diskuswerferin ist: "Wenn sein Knie hält, dann müssen die anderen Jungs auch ganz schön Angst vor ihm haben." Harting hat seinen Körper für dieses Ziel mit Kortison betäubt, sein Trainer Marko Badura hat gesagt, er hätte das, wenn er der Athlet gewesen wäre, nicht gemacht, aber Harting tut alles für diesen einen Auftritt. Manche sagen, er will zu viel. Aber Robert Harting, der sich in seiner Laufbahn so viele Medaillen über seinen Dickkopf gezogen hat, hat sich selten darum geschert, was die anderen sagen.

Die Lichtgestalt, sie will noch einmal glänzen. Es ist sein Berlin, es ist sein Stadion.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, Robert Harting sei zweifacher Weltmeister. Richtig ist, dass Harting 2009, 2011 und 2013 Weltmeister wurde, also dreimal.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
sargent 03.08.2018
1. Ich bin gespannt
Wir werden sehen ob noch ein guter Wurf in ihm steckt. Ich drück ihm die Daumen.
trabajador5 03.08.2018
2. Er ist die Lichtgestalt der Europameisterschaft?
Geht es auch ein paar Nummern kleiner?
hh-eimsbüttler 03.08.2018
3. Kleiner? Sicher nicht!
Die Mentlität für den einen großen Wurf hat ER. Ob den Körper? Vielleicht! Manchmal, sehr selten, passiert außergewöhnliches. Robert Harting ist der Mensch für so etwas. Wenn nicht? War es trotzdem eine geile Karriere.
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