Roger Federer bei Olympia: Nur Gold fehlt noch

Von Benjamin Reister

Es soll die Krönung einer grandiosen Karriere werden: Roger Federer will endlich Gold im olympischen Tennis-Einzel. Auf den Rasenplätzen in Wimbledon ist der Schweizer der große Favorit, doch die Tennis-Medaillen sind umkämpft wie nie zuvor.

Die Karriere des Roger Federer: Tränen und Triumphe Fotos
Getty Images

Mal ehrlich: Wer würde behaupten wollen, Roger Federer habe in seinem Leben nicht schon alles erreicht? Der 30-Jährige gewann 17 Grand-Slam-Turniere, so viele wie noch kein Mann vor ihm. Jedes der vier großen Turniere konnte er mindestens einmal für sich entscheiden. Zuletzt triumphierte er zum siebten Mal in Wimbledon und eroberte die Spitzenposition in der Weltrangliste zurück. Niemand gewann häufiger an der Church Road, und keiner war länger an der Spitze als der Schweizer. Das Vermögen Federers wird auf 290 Millionen Euro geschätzt, er ist zweifacher Familienvater - es scheint, als müsse er mit 30 Jahren wunschlos glücklich sein.

Und dennoch: Selbst diese Bilanz ist nicht ganz makellos, wenn es nach dem Selbstverständnis Federers geht. Es fehlt eine olympische Medaille im Einzel. Vor zwölf Jahren in Sydney war er am nächsten dran. Damals verlor er im Halbfinale gegen Thomas Haas. 2004 scheiterte er in Athen in Runde zwei an Tomas Berdych, vier Jahre später in Peking im Viertelfinale gegen James Blake. Bisher konnten nur Andre Agassi und Rafael Nadal alle Grand-Slam-Turniere sowie Gold im olympischen Einzel gewinnen. Federer will nun unbedingt in diesen elitären Kreis aufsteigen.

Wie viel Olympia für Federer bedeutet, konnte man bei den vergangenen Sommerspielen beobachten. In Peking sprang für den 30-Jährigen immerhin der Sieg im Doppel an der Seite von Stanislas Wawrinka, dem diesjährigen Fahnenträger der Schweiz, heraus. So emotional wie nach dem verwandelten Matchball gegen die Schweden Simon Aspelin und Thomas Johansson hat man Federer in seiner Karriere nur selten gesehen. "Im Team mit einem Freund zu gewinnen, ist unbeschreiblich", sagte er, der einen weiteren besonderen Moment mit dem sportlichen Großereignis verbindet: In Sydney hatte er 2000 seine jetzige Ehefrau Mirka, eine ehemalige Tennisspielerin, kennengelernt.

Drohung an die Konkurrenz

Federer kann nun bei den Olympischen Sommerspielen in London die letzte Lücke seiner eindrucksvollen Vita schließen. Ausgerechnet auf jenen Rasenplätzen des All England Club, auf denen er erst vor drei Wochen seinen historischen Triumph in Wimbledon feiern konnte, wird zwischen dem 28. Juli und dem Finale am 5. August um Gold gekämpft. Zum Auftakt trifft er auf den Kolumbianer Alejandro Falla. "Hier schon einmal in diesem Jahr gewonnen zu haben, gibt mir Extra-Motivation und noch mehr Selbstbewusstsein für Olympia", sagte Federer. Es klingt wie eine Drohung an die Konkurrenz.

Doch es wird schwer werden für Federer. Das olympische Tennisturnier ist in diesem Jahr so gut besetzt wie selten zuvor. Die besten Spieler der Weltrangliste, bis auf den verletzten Titelverteidiger Rafael Nadal, werden versammelt am Start sein, wenn es zwischen den 64 Athleten im K.-o.-System um olympisches Edelmetall geht. Überraschungen wie 1992 in Barcelona, als Federers Landsmann Marc Rosset bei Olympia triumphierte, sind nicht zu erwarten.

Damit fruchten die Pläne des Internationalen Olympischen Komitees, das Tennisturnier aufzuwerten. Im Rahmen einer Vereinbarung mit der ATP werden seit Sydney 2000 auch bei Olympia Weltranglistenpunkte vergeben. 750 gibt es in London für den Sieg, dies entspricht in etwa einer Halbfinalteilnahme bei einem Grand-Slam-Turnier.

Besondere Anziehungskraft auf die Stars

Oft hatten in der Vergangenheit Top-Spieler aufgrund des engen Turnierkalenders auf eine Teilnahme bei Olympia verzichtet. Während bei Grand-Slam-Turnieren meist die besten Spieler der Welt im Finale stehen, siegte bei Olympia, seit Tennis 1988 wieder olympisch wurde, noch nie ein aktueller Weltranglistenerster.

Doch nicht nur die Weltranglistenpunkte locken die Top-Stars. Die Olympischen Medaillen in London scheinen auf die Stars eine besondere Anziehungskraft auszustrahlen. "Die Kombination ist fantastisch. Wimbledon ist der Heilige Gral des Tennis. Dass die Olympischen Spiele hierher kommen, ist ein Traum, der wahr wird", sagt Federer. "Das wird es in der Geschichte des Tennissports nie wieder geben. Insofern ist das eine Motivation für alle Spieler, dort ihr Bestes zu geben," sagt Boris Becker. So erklärt sich auch Nadals Enttäuschung als er bei seiner Absage erklärte, dies sei einer der traurigsten Momente seiner Karriere.

Für die Top-Stars der Branche bietet die besondere Konstellation Olympia in Wimbledon Vorteile. Probleme wie die Umstellung auf einen anderen Belag oder eine ungewohnte Umgebung existieren nicht. Eigentlich. Der All England Club musste das Hausrecht für die Dauer der Spiele an das Londoner Organisationskomitee abgeben. Die Folge: Die grünen Banden im Stadion werden im offiziellen London-2012-Violett leuchten, gespielt wird über zwei statt wie sonst üblich über drei Gewinnsätze. Werbebanner weisen auf die olympischen Sponsoren hin und die Spieler dürfen anstatt nur in weiß in jeglicher Farbkombination auflaufen.

Die traditionsbewussten Clubmitglieder in London werden auf einen Sieg Federers hoffen. Zumindest dann wird es doch wieder ein bisschen so sein wie immer.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Bessere Recherche wäre nett
rikscha 27.07.2012
Nichts für ungut aber Steffi Graf hat 22 Grand Slam Titel gewonnen und ist damit nicht mal die Rekordhalterin. Ebenfalls hat Steffi Graf Gold bei Olympia gewonnen. Aber gut das Sie sein Vermögen recherchiert haben, dies ist besonders relevant.
2.
lauffreak 27.07.2012
Ebenfalls hat Steffi Graf Gold bei Olympia gewonnen. und ganz besonders: sie hat den "goldenen Grand Slam". Alle 4 Grand Slam und die Goldmedaille im gleichen Jahr !
3. Roger Federer vs. Steffi Graf
u_w_e 27.07.2012
Zitat von rikschaNichts für ungut aber Steffi Graf hat 22 Grand Slam Titel gewonnen und ist damit nicht mal die Rekordhalterin. Ebenfalls hat Steffi Graf Gold bei Olympia gewonnen. Aber gut das Sie sein Vermögen recherchiert haben, dies ist besonders relevant.
Richtig, Federers Vermögen ist natürlich ein entscheidender sportlicher Aspekt. Ob das für Steffi Graf's 22 Grand Slam Titel ebenfalls gilt, muss ich leider bezweifeln. Ich habe verlässliche Informationen, dass sie dabei meistens in Mädchen-Turnieren gespielt hat ;-)
4. Herren-Einzel
Freiraumplaner 27.07.2012
@rikscha Wie Ihnen eventuell entgangen sein könnte, ging es in diesem Artikel explizit um das Herren-Einzel, nicht um Damen-Einzel, Herren- oder Damen-Doppel geschweige denn um Mixed-Turniere. Wenn es Ihnen genehm ist, können Sie durch eine kurze Recherche eruieren, dass der Spieler Federer mit 17 gewonnenen Grand-Slam-Titeln im Herren-Einzel tatsächlich Rekordhalter ist. Aber es gibt in der Tat Spieler und Spielerinnen, die ähnlich beeindruckende Statistiken aufweisen, wenn man die Mixed- und Doppelkonkurrenzen mit betrachtet. Darum ging es in diesem Artikel aber nicht.
5.
Celegorm 27.07.2012
Zitat von rikschaNichts für ungut aber Steffi Graf hat 22 Grand Slam Titel gewonnen und ist damit nicht mal die Rekordhalterin.
Bei Ihrer Recherche ist Ihnen wohl entgangen, dass es sich bei Steffi Graf um eine Frau handelt. Der Artikel schreibt explizit vom Mann mit den meisten Titeln und bezieht sich auch sonst natürlich auf das Männer-Tennis. Mal davon abgesehen, so beeindruckend auch die Rekorde von Graf und anderen Spielerinnen sind, Frauen-Tennis hatte halt noch nie so wirklich den selben Stellenwert und wird letztlich in der Öffentlichkeit als "andere Sportart" wahrgenommen. Ob das gerecht ist sei dahingestellt, aber Quervergleiche machen da wohl oder übel wenig Sinn.
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