Roger Federer Die Kunst, schneller zum Punkt zu kommen

Roger Federer kehrt beim Rasenturnier in Stuttgart auf die Tour zurück. Zehn Wochen pausierte der Schweizer - freiwillig. Der 35-Jährige ist ein Meister im Kräfte einteilen. Sein Ziel, na klar: Wimbledon.

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Von , Stuttgart


Jetzt auch noch die Sache mit den Hobbies. Fußball, Squash und Skifahren - Roger Federer hat entschieden: Die gefährlichen Sportarten müssen warten auf die Zeit nach der Karriere, ein reifer Tribut ans reife Athletenalter.

Den Schweizer Federer dürfte vor allem der Verzicht auf die Skipiste schmerzen, doch der 35-Jährige hätte seit Januar nicht 19 von 20 Partien und drei große Turniere, darunter die Australian Open, gewonnen, wenn er harte Entscheidungen nicht treffen und davon mit einem Lächeln und dem Zusatz "kein Problem" berichten könnte.

So machte er es am Montag in Stuttgart, wo er auf der Anlage des TC Weissenhof am Mittwoch mit einem Duell gegen Tommy Haas in die Rasensaison einsteigt. Aus der Heimat ist er über die Autobahn nach Stuttgart gekommen, er mag die Strecke, sie ist kurz. Die Pause war ja schon lang genug. "Trainingsweltmeister" nennt sich Federer selbst nach zehn Wochen, in denen er dem Körper wichtige Wettkampfruhe gönnte: "Das Feuer erlischst sonst."

"Nicht irgendwo mitspielen, um jemandem einen Gefallen zu tun"

Auch die French Open ließ er deswegen aus, nicht unbedingt, weil er sowieso wusste, "dass Rafa die Sandplatzsaison zerstört". Der Spanier Nadal nannte Federers Entscheidung, freiwillig eine Pause einzulegen, "riskant". Doch der Plan des Schweizers sieht es vor, dass er "selektiver Turniere spielen muss. Ich will nicht mehr irgendwo mitspielen, um jemandem einen Gefallen zu tun". Und da muss eben auch mal ein Grand Slam auf den Mann mit den unerreichten 18 Grand-Slam-Triumphen verzichten. Zumal Federer den Rasen in Wimbledon dem Sand in Paris schon immer vorgezogen hätte.

Es gehört zu den Grundpfeilern dieser besonderen Karriere, dass Federer immer früh wusste, was ihm und seinem Spiel guttut. "Antizipation ist meine große Stärke", sagte er in Stuttgart. Das gilt für sein Spiel auf dem schnellen Untergrund ebenso wie für seine Saisonplanung und gehört zum Gesamtphänomen Federer.

Es ist noch nicht so lange her, da begann Federer, sein Sportlerleben neu zu planen, den Erfolg fährt er in diesem Jahr ein, in dem sich die Sportwelt vor ihm verneigt. Federer, der schon immer eher denkender Igel denn rennender Hase war und seine Kräfte wohl dosierte, ging mit Mitte 30, die schwindenden Kräfte vor Augen, plötzlich neue Wege. Er versuchte, im wahrsten Wortsinne, noch schneller zum Punkt zu kommen.

Federer spurtet nun wieder häufiger ans Netz, lauert beim zweiten Aufschlag des Gegners schon mal weit vorgerückt auf den Return und streut riskante Stopps ein. Er sucht die frühe Entscheidung - und schont dabei seinen Körper. Im Vergleich zu den drei anderen großen Spielern seiner Zeit - Nadal, Andy Murray, Novak Djokovic - legt er auf dem Court deutlich weniger Meter pro Punkt zurück, wie Studien bewiesen haben.

Federer küsst den Siegerpokal der Australian Open
AP

Federer küsst den Siegerpokal der Australian Open

Die Vollendung fand diese Entwicklung, diese Neuerfindung des Roger Federer, im Januar dieses Jahres, als Federer aus einer langen Verletzungspause zurückkehrte. Er sprach davon, "frei im Kopf" zu sein, davon, dass die Mutigen belohnt werden - und gewann dank unablässiger Attacken sein erstes Grand-Slam-Turnier nach zuvor 15 erfolglosen Versuchen.

Angetrieben vom Erfolg in Australien kam Federer richtig ins Rollen. In den Wochen vor seiner Pause besiegte er die beiden French-Open-Finalisten des vergangenen Sonntags mehrmals, in Indian Wells zuletzt Nadal in 68 Minuten und Landsmann Stan Wawrinka in 80 Minuten. "Es ist einfach unglaublich, was in dieser Saison passiert", sagt Federer, bemerkt aber auch: "Das Jahr geht erst richtig los."

Wimbledon ist sein großes Ziel, vor allem dafür ist er diesen ungewöhnlichen Weg einer mehrwöchigen Auszeit gegangen. Nie konnte er so viel auf Gras trainieren, bevor die Rasensaison überhaupt losgeht. Er will weiter offensiv agieren, viele Varianten einstreuen. Er weiß schon, worauf es ankommen wird: "Wie wehrt man Breakbälle ab, wie holt man sie?"

Solange er professionellen Sport betreibt, wird der Tennisspieler Federer nach eigenem Verständnis wohl nie fertig entwickelt sein. "Man muss sich immer umstellen", sagt er. Das gilt für die Plätze ebenso wie für die Karriere. Federer hat "noch große Pläne", was heißt, dass es auch neben dem Platz noch große Herausforderungen zu meistern gibt. Es gilt nicht nur, unnötigen Sportverletzungen aus dem Weg zu gehen. "Der Körper ist kein Problem." Die zuletzt maladen Stellen am Rücken und im Knie halten. Der Rest hat sich ebenfalls gut erholt.

Was bleibt, ist die Sache mit dem Schlaf. Er müsse sehr genau darauf achten, genügend davon zu bekommen, sagt er. Nicht einfach, bei den vielen Verpflichtungen und vier Kindern. Der Schlaf, "das ist das größte Problem", so Federer. Auch das hat er kommen sehen. In diesem Fall hat aber auch die beste Antizipation nicht geholfen.

insgesamt 8 Beiträge
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ulisses 13.06.2017
1. Hallo??
Also eins vorweg: ich bin ein Federer-Fan. Entsprechend habe ich mich nach dem Triumph in Melbourne wie ein Schalkefan gefreut, dem gesagt wird, dass Schalke das Triple gewonnen hat. Aber: vor zwei Tagen hat Federers großer Rivale, Nemesis UND Freund Rafa NADAL, in Paris zum zehnten Mal gewonnen. La Decima!! Bevor also wieder tausend Lobgesänge auf Roger angestimmt werden, sollte SPON erst einmal eine seriöse Würdigung und Analyse dieser herausragenden Leistung des Spaniers bringen, mit Statistiken und allem was dazu gehört. Federer ist ein Jahrhunderttalent. Nadal ist das aber auch!
caronaborealis 13.06.2017
2. Der Gentleman
Roger Federer ist ein ungewöhnlicher Mensch. Kämpfer und Gentleman gleichzeitig. Es gibt nicht viele dieser Spezies in der Welt des Profisports. Ein Mann ohne Allüren, mit beiden Beinen auf dem Boden. Ein echtes Vorbild - auf und neben dem Tennis Court.
zack34 13.06.2017
3. @ 1, ulisses: Warum sollte in einem Beitrag...
... über RF zuerst RN gewürdigt werden? Zumal: weshalb diese ewige Verklärung und Gottesanbetung einzelner Sportler? RF ist m.E. in jedem Sinne der beste Spieler aller Zeiten, jedoch mitnichten fehlerfrei, selbstlos usw. Er behält seine Nerven nur länger als die anderen unter Kontrolle. Eitel sind sie aber alle an der Spitze, das liegt halt am individuellen Sport selbst.
hermanngaul 13.06.2017
4. und schade
dass man Wimbledon nicht im Fernsehen genießen kann, da irgendein pay tv Sender die rechte hat.
decebalus911 13.06.2017
5.
Zitat von hermanngauldass man Wimbledon nicht im Fernsehen genießen kann, da irgendein pay tv Sender die rechte hat.
Wenn Sie unbedingt Wimbledon sehen möchten, dann zahlen Sie halt paar Euro dafür. Oder haben Sie einfach kein Geld, dass wäre dann tatsächlich ein Problem für Sie. Ansonsten seien Sie nicht geizig oder verzichten Sie konsequent drauf. Man muss sich nicht alle Bedürfnisse von der Allgemeinheit zahlen lassen. Ich bin froh, dass die Zwangs-GEZ nicht noch höher ausfällt. Dafür bleibt mir mehr, um den Sport zu sehen, den ich sehen will, z.B die NBA. Ein Sportfan, der für den Sport, den er sehen will, gerne was zahlt!
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